Bei einer populären Wrestling-Show im April 2007 rasierte Donald Trump nach einer gewonnenen Wette dem WWE-Chef Vince McMahon den Kopf

27.10.2017 | Von:
Gary S. Schaal
Dannica Fleuß
Sebastian Dumm

Die Wahrheit über Postfaktizität

Thematische Binnendifferenzierung

Die Analyse der Häufigkeitsentwicklung zentraler Begriffe des "Postfaktisch"-Diskurses hat bereits nahegelegt, dass kein thematisch kohärenter Diskurs existiert. Um diese Spur weiter zu verfolgen und die thematische Binnenstruktur des Diskurses zu identifizieren, haben wir ein Topic Modell über das gesamte Textkorpus laufen lassen.[16] Die Zahl der zu findenden Topics kann dem Algorithmus vorgegeben werden. Es existiert keine endgültig optimale Anzahl von Topics, da diese stark vom Analysefokus abhängig ist. Explorativ haben sich für unser Erkenntnisinteresse 20 Topics als gut interpretierbar herausgestellt. Die fünf quantitativ wichtigsten können inhaltlich folgendermaßen charakterisiert werden:

Das Internet-und-Social-Media-Topic umfasst das Internet im Allgemeinen und die sozialen Medien (insbesondere Facebook) im Speziellen. Innerhalb dieses Clusters wird die Rolle, die beide bei der Verbreitung von "Fake News" und Lügen spielen, diskutiert sowie die Nutzung sozialer Medien als Informationsquelle von Journalistinnen und Journalisten.

Das Trump-Topic bildet Donald Trump und seinen "neuen" Politikstil ab, bei dem Tatsachen keine beziehungsweise eine untergeordnete Rolle spielen (Stichwort "alternative Fakten") und zudem eine Anti-Establishment-Haltung dominiert. Innerhalb dieses Themenbereichs stehen zwar die Vereinigten Staaten im Mittelpunkt, thematisiert werden jedoch darüber hinaus auch die Konsequenzen dieses Politikstils für den Rest der Welt und insbesondere für Europa.

Im Wissenschaft-und-Fakten-Topic wird das Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung zur Wahrheit thematisiert. Exemplifiziert wird dieses Verhältnis zumeist anhand des Klimawandels und der Frage, inwieweit die Aussage, dass er menschengemacht ist, durch Fakten gedeckt werden kann.

Das Innenpolitik-Topic umfasst die Berichterstattung über Politikerinnen und Politiker sowie über alle etablierten Parteien mit Ausnahme der FDP und einem starken Fokus auf die AfD.

Das "Wort des Jahres"-Topic kreist um die Wahl von "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016. In diesem Zusammenhang erfolgt häufig eine Definition des Begriffs "Postfaktizität" im Sinne einer Aufwertung von Emotionalität bei gleichzeitiger Abwertung von Tatsachenbezügen.

Diese fünf Topics bilden in ihrer Summe den größten Teil des "Postfaktisch"-Diskurses. Das Trump-Topic ist mit einem prozentualen Anteil von fast zwölf Prozent am Gesamtdiskurs mit weitem Abstand das quantitativ wichtigste. Darauf folgen das Social-Media-Topic und das "Wort des Jahres"-Topic. Beide stellen je 6,5 Prozent des Gesamtdiskurses dar. Dicht darauf folgt das Innenpolitik-Topic mit 5,3 Prozent und mit 4,4 Prozent das Wissenschaft-und-Fakten-Topic. Die dahinter platzierten Topics oszillieren um drei Prozent am Gesamtaufkommen.[17]

Entwicklung der fünf relevanten Topics im Zeitverlauf nach absoluten DokumentenzahlenEntwicklung der fünf relevanten Topics im Zeitverlauf nach absoluten Dokumentenzahlen (© Eigene Berechnungen)


Der Blick auf die Entwicklung dieser fünf Topics im Verlauf unseres Untersuchungszeitraums verdeutlicht, dass sie zeitlich versetzt erschienen (Abbildung 2). Eine Initialzündung des Diskurses stellt das Trump-Topic dar. Daran schließt sich mit etwa einem Monat Verzögerung das "Wort des Jahres"-Topic an. Das Internet-und-Social-Media-Topic gewinnt wiederum rund einen Monat nach dem "Wort des Jahres"-Topic an quantitativer Bedeutung. Im Vergleich dazu ist das Innenpolitik-Topic auf niedrigem, aber stabilem Niveau von September 2016 bis August 2017 präsent. Das Wissenschaft-und-Fakten-Topic befindet sich ebenfalls auf niedrigem Niveau, gewinnt aber seit Februar 2017 langsam an Bedeutung. Hier scheint die Diskussion über den Ausstieg der Vereinigten Staaten aus der Pariser Klimakonvention eine relevante Erklärung zu sein.

Mit Blick auf unsere Ausgangsfragen ist die empirische Annäherung insofern aufschlussreich, als deutlich wird, dass kein kohärenter "Postfaktisch"-Diskurs im deutschsprachigen Raum existiert – zumindest in den Tageszeitungen. Er zerfällt vielmehr in fünf thematisch einschlägige und quantitativ relevante Topics, die zeitversetzt in den Zeitungen aufkommen und ihre je eigenen Thematisierungsdynamiken besitzen. Darüber hinaus erscheinen die fünf Topics schwerpunktmäßig in unterschiedlichen Rubriken der analysierten Zeitungen. Von einem einheitlichen Diskurs kann also weder thematisch noch "zeitungsräumlich" gesprochen werden.

Fußnoten

16.
Für die Berechnung der Topic Modelle wurde das in der Statistiksoftware R enthaltene Paket "topicmodels" verwendet. Vgl. dazu Bettina Grün/Kurt Hornik, topicmodels: An R Package for Fitting Topic Models, in: Journal of Statistical Software 40/2011, S. 1–30.
17.
Die nicht ausgeführten Plätze unter den Top 10 bilden Topics, die thematisch für den "Postfaktisch"-Diskurs nicht einschlägig sind, zum Beispiel "jahr gut kinder frau mann".
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