Bei einer populären Wrestling-Show im April 2007 rasierte Donald Trump nach einer gewonnenen Wette dem WWE-Chef Vince McMahon den Kopf

27.10.2017 | Von:
Gary S. Schaal
Dannica Fleuß
Sebastian Dumm

Die Wahrheit über Postfaktizität

Leitdifferenz des "Postfaktisch"-Diskurses

Die Inhaltsanalyse liefert den Schlüssel zur Beantwortung unserer beiden Ausgangsfragen. Denn die identifizierten Topics legen nahe, dass der Diskurs über Postfaktizität einer Leitdifferenz folgt. "Postfaktizität" ist auf der einen Seite die zentrale Komponente einer neuen "großen Erzählung" und auf der anderen Seite ein Deutungsrahmen (frame). Beide Seiten dieser ungleichen Medaille verweisen aufeinander, sind füreinander relevant und leiten zugleich ihre eigene Bedeutung aus der jeweils anderen ab. Es besteht also ein komplexes Verweisungsverhältnis zwischen der "großen Erzählung" und "Postfaktizität" als Deutungsrahmen, der jeden Versuch, einfache Erklärungen für den Erfolg des Diskurses zu finden, scheitern lässt.

Die "große Erzählung" vom postfaktischen Zeitalter

Die "große Erzählung" ist thematisch kohärent und entwickelt sich seit dem amerikanischen Vorwahlkampf maßgeblich in Reaktion auf Donald Trump und seinen "neuen" Politikstil. Sie beschreibt in ihrem Kern den Verfall der Rationalität und den Aufstieg der emotionsgetriebenen, autoritären Politik. Aus der Binnenperspektive der Vertreterinnen und Vertreter dieser "großen Erzählung" ist die (kritische) Etikettierung als "postfaktisches Zeitalter" angemessen, da Trump nur als Symptom einer größeren Entwicklung verstanden wird.

Doch worin liegt der außergewöhnliche Erfolg dieser Erzählung begründet? Er kann plausibilisiert werden, indem man demokratietheoretische Überlegungen mit individualpsychologischen verbindet. Das große historische Versprechen des liberalen Konstitutionalismus war die Eindämmung von politischer Willkür durch die kommunikative Rationalisierung demokratischer Macht und Herrschaft. Deshalb ist es der DNA liberaler Demokratien eingeschrieben, dass politische Herrschaft sich diskursiv gegenüber der Opposition und vor allem gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern – vermittelt über die Medien – begründen muss. Diese Leitideen sind selbstverständlicher Bestandteil der westlichen demokratischen Kultur, denn sie werden qua Sozialisation unter einer liberalen Verfassung vermittelt. Trumps Regierungspraxis bricht das historische Versprechen des liberalen Konstitutionalismus, denn er unterläuft die Rationalitätserwartung, indem er in bedeutungsvollen politischen Fragen für alle sichtbar folgenlos lügen kann.

Die damit markierte grundlegende kulturelle Veränderung wurde von der US-amerikanischen Polit-Comedy-Serie "Saturday Night Live" auf den Punkt gebracht: In der Sendung vom 13. Mai 2017 stellten die Macher ein Interview mit Trump nach, in dem der US-Präsident offen zugab, den FBI-Chef aus politischen Gründen entlassen zu haben. Fassungslos angesichts der Enthüllung fragt der Reporter die Redaktion, ob er das Interview jetzt abbrechen könne. Deren Antwort lautet jedoch nur: "Nothing matters anymore. Nothing." Damit wird die tiefe Tragik demokratischer Fehlentwicklungen in einem Satz zusammengefasst.

Auf der individuellen Ebene ist Empörung eine typische emotionale Reaktion auf diese kulturellen Normverstöße. Sie erklärt jedoch nicht die skizzierte Diskursdynamik. Hilfreich ist deshalb der Rekurs auf die Emotionsforschung und die dortige Differenzierung von zwei psychischen Reaktionssystemen: das schnelle "Routinesystem", das in Standardsituationen zur Anwendung kommt, und das langsame "Reflexionssystem", das in unbekannten Handlungssituationen genutzt wird.[18] Die neurologische Emotionsforschung kann zeigen, dass das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird, wenn Erwartungen erfüllt werden. Dies bedeutet für unser Argument, dass Menschen dazu tendieren, unbekannte Handlungssituationen zu habitualisieren, um wieder das "Routinesystem" nutzen zu können und belohnt zu werden.

Die kulturellen Normverstöße von Donald Trump haben – zumindest anfangs – massive Irritationserfahrungen erzeugt und Erwartungsstabilität reduziert. Hierauf reagieren Menschen individuell mit dem Bearbeiten des Phänomens im "Reflexionssystem". In den Vereinigten Staaten spiegelt sich das auf gesellschaftlicher Ebene durch die kritische öffentlich-diskursive Thematisierung wider. Diese besitzt jedoch nicht nur eine rationale Dimension im Sinne von "Aufklärung", sondern erfüllt auch eine emotionale Funktion: die Wiederherstellung von Erwartungsstabilität und damit das Umschalten in den Routinemodus des Denkens.

In den USA hat sich zur (kritischen) Charakterisierung der politischen Situation inzwischen die Phrase vom new normal durchgesetzt,[19] die – intendiert oder nicht – den individualpsychologischen Effekt des öffentlichen Diskurses perfekt beschreibt. Nicht nur die Intensität des öffentlichen Diskurses, sondern auch seine Dynamik und letztlich seine tragische Dialektik können so plausibilisiert werden: Denn die diskursive Bearbeitung der "großen Erzählung" in kritischer Absicht führt selbst zur Herstellung einer neuen Normalität, die die affektive Basis des rationalen Diskurses unterminiert. Die Dauer des Diskurses bis zur Herstellung einer "neuen Normalität" ist daher auch ein Indikator für die Intensität der kulturellen Normverstöße.

Doch worin besteht die Verbindung zum deutschen Diskurs? Die Vertreterinnen und Vertreter des "postfaktischen Zeitalters" verstehen die US-amerikanische Entwicklung global, reimplementieren sie in den nationalen deutschen Kontext und deuten die Erzählung aus dieser Perspektive neu. Diskursiv legitimiert wurde diese Strategie durch die Bundeskanzlerin, die, wie gezeigt wurde, bereits sehr früh im Diskursverlauf auf die Deutung der "Postfaktizität" Bezug genommen hat.

Zudem darf die Bedeutung des Internets und insbesondere der sozialen Medien nicht unterschätzt werden. In historisch erstmaliger Schnelligkeit wird US-amerikanische Innenpolitik global wahrgenommen und auf ihre Implikationen für Europa und Deutschland hin befragt. Der Einfluss der sozialen Medien macht es auch in Deutschland unmöglich, die Entwicklungen im US-amerikanischen Politikdiskurs zu ignorieren. Die für die USA exemplarisch diskutierten Mechanismen der diskursiven Herstellung einer "neuen Normalität" können somit – unter Berücksichtigung kultureller Unterschiede – auch für den deutschen Diskurs fruchtbar gemacht werden.

"Postfaktizität" als Deutungsrahmen

Der Homogenität der "großen Erzählung" steht eine Heterogenität gegenüber, die sich auch in der Zahl der gefundenen relevanten Topics manifestiert. Diese Heterogenität ergibt sich aus der Tatsache, dass "Postfaktizität" als Deutungsrahmen genutzt wurde. Die Funktion eines Deutungsrahmens ist es, bestimmte Informationen, Handlungen und Ereignisse im Lichte beziehungsweise im Referenzrahmen von etwas anderem zu verstehen, wodurch sie mit einer neuen Bedeutung aufgeladen werden.

Der Deutungsrahmen "Postfaktizität" basiert auf der "großen Erzählung" und deutet Phänomene, die nicht Teil der Erzählung sind, in ihrem Licht. Politikverdrossenheit, Vertrauensverlust, wachsender Populismus, Entfremdung – all dies sind Themen, die in den vergangenen Jahren nicht nur wissenschaftlich bearbeitet wurden, sondern auch Eingang in die öffentliche Debatte gefunden haben. Diese bekannten Phänomene werden neu gedeutet – und zwar als Symptome oder Aspekte der großen Erzählung "Postfaktizität". Diese Deutung hebt gesellschaftspolitische Entwicklungen, die zuvor isoliert betrachtet wurden, auf eine neue Relevanzebene, weil sie nun Phänomene einer größeren, globalen Erzählung sind.

Aus der Binnenperspektive des Wissenschaftssystems sprechen zwei Argumente dafür, "Postfaktizität" als Deutungsrahmen zu nutzen: Erstens resultieren daraus ein Aufmerksamkeitsgewinn in den Massenmedien und die Steigerung der gesellschaftspolitischen Relevanz der eigenen Arbeit. Zweitens spiegelt sich in den Diskussionen der vergangenen Jahre eine Sehnsucht nach der Einheit der gesellschaftstheoretischen Reflexion in Zeiten ihrer Hyperfragmentierung wider, wie sie in der bundesdeutschen Geschichte schon erfolgreich konstruiert wurde ("Spätkapitalismus", "Risikogesellschaft").

Wichtig aus Sicht des Mediensystems ist, dass durch den Deutungsrahmen "Postfaktizität" Komplexität reduziert werden kann. In Zeiten zunehmend kürzerer Aufmerksamkeitsspannen und des daraus resultierenden Bedarfs an Kontextualisierungen mit hohem Wiedererkennungswert entspricht diese Nutzung als Deutungsrahmen somit direkt den Funktionsimperativen des Mediensystems.

Fazit

Die Bedeutung des Diskurses über "Postfaktizität" in deutschsprachigen Zeitungen ist in den vergangenen Monaten deutlich zurückgegangen – zumindest quantitativ. Dass die Debatte fast ein Jahr lang geführt wurde, zeigt jedoch, wie tief greifend die kulturellen Irritationserfahrungen sind, die in diesem Diskurs öffentlich bearbeitet wurden. Dabei ist die Nutzung des Begriffs weder als "Hype" noch als "belastbare Krisendiagnose" zu deuten, sondern hat eher zu einer "neuen Normalität" beigetragen und sich selbst dadurch obsolet gemacht. Gerade diese Tatsache sollte uns in demokratiepolitischer Perspektive wachrütteln, denn das Empörungspotenzial, das der affektive Brennstoff der rationalen Debatte war, ist anscheinend im Prozess der Herstellung einer "neuen Normalität" aufgebraucht worden. Damit kann der Diskurs über Postfaktizität eine wichtige Aufgabe nicht mehr erfüllen: Frühwarnsystem für gravierende demokratische Fehlentwicklungen zu sein.


Herzlichen Dank an Jennifer Franke für die qualitative Sichtung des Materials in Vorbereitung des Text-Mining und an Alexander Stulpe für eine kritische Durchsicht des Manuskripts und wichtige Anregungen zur Argumentationsstruktur.

Fußnoten

18.
Für diese Differenzierung nutzt Daniel Kahnemann, Schnelles Denken, langsames Denken, München 2012, die weniger intuitiven Bezeichnungen System 1 und System 2.
19.
Vgl. u.a. Gail Collin, The Donald Trump New Normal, 4.5.2016, http://www.nytimes.com/2016/05/05/opinion/the-donald-trump-new-normal.html«; Gilian Tett, Trump and the Problem with the New Normal, 31.3.2017, http://www.ft.com/content/ffe3628c-1408-11e7-b0c1-37e417ee6c76«.
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