APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Wolfgang Gaiser
Johann de Rijke

Gesellschaftliche Beteiligung der Jugend

Handlungsfelder, Entwicklungstendenzen, Hintergründe

Politikverdrossenheit, Engagementmüdigkeit und Individualisierung sind häufig verwendete Etiketten zur Charakterisierung der politischen Beteiligung junger Menschen. Empirische Analysen ergeben aber ein anderes Bild.

I. Einleitung

In der öffentlichen Debatte erlebt die Frage nach der Beteiligung der Jugend eine neue Konjunktur. Es geht um "zivilgesellschaftliche Beteiligung", "bürgerschaftliches Engagement", "politische Partizipation" und "Ehrenamt". Die Bundesregierung hat im Jahr 2000 die "zivile Bürgergesellschaft" zum gesellschaftspolitischen Programm erhoben. Von der UN-Vollversammlung wurde das Jahr 2001 zum "Internationalen Jahr der Freiwilligen" erklärt. Die Wissenschaft hat, gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, erstmals eine breit angelegte Studie zum Ehrenamt vorgelegt. [1] Im Jahre 2002 wird die Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" entsprechende Diagnosen und Empfehlungen vorlegen. Fraglich bleibt allerdings, ob letztlich alle diese Aktivitäten eher auf eine Entlastung der öffentlichen Hand hinauslaufen oder ob durch eine vermehrte und institutionell abgesicherte Kontrolle staatlichen Handelns die Beteiligungsbereitschaft verstärkt wird.

  • PDF-Icon PDF-Version: 432 KB





  • Die grundsätzliche Brisanz der Diskussion um die Beteiligung junger Menschen liegt darin, dass mit ihr nicht nur Fragen der sozialen Integration der nachwachsenden Generation thematisiert werden, sondern zugleich auch Erosionsprozesse der drei zentralen Integrationsmodi der Gesellschaft angesprochen sind: der wohlfahrtsstaatlichen Sicherungssysteme, des Arbeitsmarktes und der demokratischen Institutionen. [2]


    Es geht nämlich um die Folgeprobleme erstens der Veränderungen des Sozialstaats hin zu einem wohlfahrtspluralistischen Modell, zweitens der Deregulierung des Arbeitsmarktes und drittens des Strukturwandels der Demokratie als Partizipationsgemeinschaft. Für junge Menschen bedeutet dies eine mehrfache Herausforderung: Es geht nicht mehr "nur" um eine erfolgreiche Bewältigung der klassischen jugendbiografischen Aufgaben soziokultureller und ökonomischer Selbstständigkeit. Jugendliche müssen vielmehr das Erwachsenwerden innerhalb dynamischer gesellschaftlicher Verhältnisse bewältigen. Sie werden mit steigenden Anforderungen an Flexibilität in der Arbeitswelt, an Eigenständigkeit in der Wohlfahrtssicherung und an Aktivität bei der Beteiligung am demokratischen Prozess konfrontiert.

    Im vorliegenden Beitrag steht vor allem das Spektrum der politischen Partizipation im Mittelpunkt. Es reicht von der Mitgliedschaft in Organisationen über die Mitarbeit in informellen Gruppierungen bis zur punktuellen Beteiligung an öffentlichen Aktionen (z. B. Demonstrationen, Unterschriftensammlungen). [3]

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Freiwilliges Engagement in Deutschland - Freiwilligensurvey 1999, drei Bände der Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bernhard von Rosenbladt, Gesamtbericht (Bd. 194.1); Joachim Braun/Helmut Klages, Zugangswege zum freiwilligen Engagement und Engagementpotenzial (Bd. 194.2), und Sibylle Picot, Frauen und Männer, Jugend, Senioren, Sport (Bd. 194.3), alle Stuttgart 2000; vgl. zum Thema "Bürgerschaftliches Engagement" Aus Politik und Zeitgeschichte, B 25-26/2001.
    2.
    Vgl. Sebastian Braun, Bürgerschaftliches Engagement - Konjunktur und Ambivalenz einer gesellschaftlichen Debatte, in: Leviathan, (2001) 1, S. 83-109, sowie ders., Bürgerschaftliches Engagement im politischen Diskurs, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (Anm. 1), S. 3-5.
    3.
    Die Darstellungen der empirischen Ergebnisse beziehen sich zentral auf den DJI-Jugendsurvey, dessen thematische Schwerpunkte die Erfassung politischer Orientierungen und Beteiligungen sowie die Lebensverhältnisse junger Menschen sind. Der Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts basiert auf standardisierten mündlichen Befragungen 16- bis 29-jähriger Deutscher in beiden Teilen der Bundesrepublik. Beide Erhebungswellen (die erste 1992, die zweite 1997) sind repräsentativ für die BRD und erfassen jeweils ca. 7 000 Befragte (ca. 4 500 West, 2 500 Ost). Für die Ergebnisse der ersten Erhebungswelle vgl. Ursula Hoffmann-Lange (Hrsg.), Jugend und Demokratie in Deutschland. DJI-Jugendsurvey 1, Opladen 1995, für die zweite Welle vgl. Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29-Jährigen im vereinigten Deutschland, Opladen 2000.