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26.5.2002 | Von:
Wolfgang Gaiser
Johann de Rijke

Gesellschaftliche Beteiligung der Jugend

Handlungsfelder, Entwicklungstendenzen, Hintergründe

II. Ergebnisse zur Beteiligung Jugendlicher und junger Erwachsener

In der Diskussion um gesellschaftliches Engagement ist die Definition des Gegenstandes des Engagements oft unklar. Für die folgende Analyse sollen drei Formen von Beteiligung unterschieden werden: [4]

Die erste Form von Beteiligung findet sich im Kontext des institutionalisierten Bereichs des "intermediären Systems" - in den großen Organisationen und Verbänden. Diese Organisationen bündeln Interessen, sind funktional gegliedert und verstehen sich als Mitgliederorganisationen. Mitgliedschaften und Mitarbeit darin sind eher langfristig, Loyalitäten oder instrumentelle Bindungen stark.

Davon lässt sich zweitens die Beteiligung an informellen Gruppierungen, Initiativen und auch alternativen Organisationen wie z. B. Umweltgruppen, Gruppen der Friedensbewegung, Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen unterscheiden. Solche Gruppierungen können als so genannte Formen einer Neuen sozialen Bewegung mit einem zusammenfassenden Etikett versehen werden; sie entwickelten sich im Laufe der siebziger und achtziger Jahre außerhalb der Parlamente und der etablierten Politik in Verknüpfung alltäglicher Aktionsfelder und politisch-öffentlicher Zielsetzungen.

Drittens schließlich gibt es Formen, die sich in punktuellen Beteiligungsaktionen ausdrücken. Es geht dabei um politische Handlungen, die eher temporär und situativ der Unterstützung oder Artikulation politischer Ziele dienen.

1. Abnehmende Mitgliedschaft in traditionellen Organisationen, Vereinen und Verbänden



Die Zugehörigkeit zu Organisationen, Vereinen und Verbänden kann für Jugendliche und junge Erwachsene wichtig für die Identitätsentwicklung, die soziale Vernetzung und die Durchsetzung ihrer Interessen sein. Mitgliedschaft hat aber nicht nur auf dieser individuellen Ebene der Möglichkeit sozialer Integration einen hohen Stellenwert, sondern auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene als Element der Systemintegration. Aktuell wird als Hauptproblem von Organisationen und Verbänden die Nachwuchsfrage benannt. [5]

In Tabelle 1 sind die Mitgliedschaftsquoten der 16- bis 29-Jährigen für 1992 und 1997 angegeben. Sie liegen außer bei den Sportvereinen und den Gewerkschaften (dort nur für 1992) unter 10 Prozent und weisen häufig in den Jahren 1992 bis 1997 eine Abnahme auf. Die Entwicklung der Mitgliedschaft bei den Gewerkschaften lässt einen besonders starken Rückgang erkennen: Sie haben gegenüber 1992 mehr als eine Halbierung ihrer Mitgliedschaftsquote - von 15 Prozent auf 7 Prozent West und von 22 Prozent auf 8 Prozent Ost - hinnehmen müssen, womit eine Ost-West-Angleichung auf niedrigem Beteiligungsniveau stattgefunden hat. Nach den Daten des Wohlfahrtssurveys [6] nimmt der Anteil der Mitglieder in Gewerkschaften auch in der Gesamtbevölkerung ab, und zwar von 17 Prozent West und 25 Prozent Ost im Jahr 1993 auf 12 Prozent West und 13 Prozent Ost im Jahr 1998. Besonders drastisch ist nach den Ergebnissen des DJI-Jugendsurveys dieser Einbruch beim gewerkschaftlichen Engagement der jungen Frauen in den neuen Bundesländern: Diese sind gegenüber 22 Prozent im Jahr 1992 im Jahr 1997 nur noch zu 6 Prozent gewerkschaftlich organisiert. Der erhebliche Rückgang der Gewerkschaftsmitgliedschaft darf aber wohl nicht als Mangel an Motivation interpretiert werden, sondern muss im Zusammenhang struktureller Veränderungen in der Arbeitswelt gesehen werden (Flexibilisierung der Arbeitskraft, Tertialisierung der Wirtschaft, Deregulierung). Der Trend bestätigt sich auch in den gewerkschaftseigenen Mitgliederdaten: So weist die Statistik der DGB-Jugend mit knapp 600 000 Mitgliedern im Jahre 1998 einen Rückgang von 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus.

Einen Gesamteindruck vermittelt der Anteil derjenigen, die in mindestens einer der angegebenen Organisationen Mitglied sind (vgl. Tabelle 1). Auch hier ist ein Rückgang zu konstatieren. In den alten Bundesländern sind im Jahre 1992 59 Prozent der jungen Menschen Mitglied in mindestens einer der angegebenen Organisationen, fünf Jahre später sind es nur mehr 52 Prozent. In den neuen Bundesländern reduzierte sich der entsprechende Anteil von 50 auf 39 Prozent. Diese Tendenzen finden sich auch in der Gesamtbevölkerung und bestätigen im Sinne der Individualisierungsthese die nachlassende Integrationskraft traditioneller Institutionen. [7] Die niedrigeren Mitgliedschaftsquoten in den neuen Bundesländern verweisen darüber hinaus auf einige Spezifika: einerseits auf die geringere Verbreitung und kürzere Tradition und andererseits auf gewisse Vorbehalte gegenüber westlich geprägten Vereinen und Verbänden.

Mitgliedschaft in einer Organisation ist eine zentrale Form sozialer Beteiligung. Sie bedeutet aber nicht automatisch auch Aktivität im Rahmen der Ziele des Vereins oder der Organisation. Das Verhältnis von aktiver und nichtaktiver Mitgliedschaft ist bei verschiedenen Organisationen durchaus unterschiedlich. Während bei Gewerkschaften, Berufsverbänden und Parteien ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Mitglieder keinerlei Aktivität zeigt, ist der Anteil solcher passiven Mitglieder etwa bei Jugend- oder Studentenverbänden oder Sportvereinen nur sehr gering. [8] Insgesamt zeigt sich ansonsten ein ähnliches Bild wie bei den reinen Mitgliedschaften: Aktiv in mindestens einer Organisation sind in den alten Bundesländern deutlich mehr 16- bis 29-Jährige als in den neuen, und auch die Abnahme von 1992 auf 1997 ist zu sehen (vgl. Tabelle 1).

Von spezifischem Interesse im Kontext der politischen Beteiligung ist die Mitgliedschaft in politischen Parteien, weil diese die wichtigsten Vermittler im politischen Prozess darstellen und als solche im Grundgesetz verankert sind. [9] Zwar sind die Mitgliederzahlen in Parteien insgesamt niedrig und auch eher rückläufig, aber der Rückgang zeigt sich über die letzten Jahrzehnte verstärkt bei den Jüngeren. Diese "Parteimüdigkeit der Jugend" hat als Konsequenz einen "Vitalitätsverlust" der Parteien (Elmar Wiesendahl). [10] Der "Alterungsprozess" der Parteien ist auch durch den Wandel der Beteiligungsformen zu erklären, "da die neueren, unkonventionellen Formen politischer Partizipation vor allem eine Domäne der Jüngeren sind, die mit der überkommenen Organisationskultur der traditionellen Parteien zunehmend weniger anfangen können" [11] .

2. Informelle Gruppierungen mit neuen Beteiligungsformen



Die von ihren Ursprüngen her als Neue soziale Bewegungen bezeichneten informellen politischen Gruppierungen thematisieren spezifische soziale Probleme und ermöglichen aktionsorientierte Partizipation. Sie wenden sich gegen erstarrte und durchrationalisierte Organisationen und wollen neue Formen von Gemeinschaft und Sinnerfüllung ermöglichen. Die Besonderheit solcher Gruppen liegt in der Unmittelbarkeit der sozialen Beziehungen zwischen ihren "Mitgliedern" und in einer "projektorientierten Mobilisierung", die sich von den klassischen Mustern langer, sozialstrukturell verankerter Bindung in Großorganisationen unterscheidet. [12] Insofern nehmen sie hinsichtlich der Organisiertheit zwischen diesen Mitgliederorganisationen und informellen sozialen Gebilden eine Mittelstellung ein. Aufgrund ihrer Inhalte, Ziele, Aktivitätsformen und flexiblen Beteiligungsmöglichkeiten haben solche Gruppierungen gerade bei jungen Menschen eine hohe Anziehungskraft. Schon in der ersten Welle des Jugendsurveys 1992 zeigten die jungen Ostdeutschen nahezu die gleichen Einstellungsmuster bezüglich solcher Gruppierungen wie ihre westdeutschen Altersgenossen. [13] Auch 1997 erfahren diese Gruppierungen in West und Ost ein hohes Maß an inhaltlicher und affektiver Zustimmung. Dabei liegen die Umweltschutzgruppen und die Friedensinitiativen auf den ersten Rangplätzen, gefolgt von den Menschenrechtsgruppen. Insgesamt wird vor allem Gruppen, die ökologisch-gesellschaftliche Probleme aufgreifen und politisch thematisieren (Umweltschutz-, Friedens- und Dritte-Welt-Initiativen, Kernkraftgegner sowie Menschenrechts- und Selbsthilfegruppen), bundesweit breite Sympathie entgegengebracht (vgl. Tabelle 2).

Die tatsächliche Beteiligung dagegen, wie sie einerseits in aktiver Mitgestaltung und anderseits im Besuch von Treffen zum Ausdruck kommt, ist weniger stark ausgeprägt (vgl. Tabelle 2). Jedoch ist der Anteil der Aktiven bei den Gruppierungen mit ökologischen und pazifistisch-gesellschaftlichen Zielsetzungen, aber auch bei denen mit lokaler Orientierung, durchaus in einer ähnlichen Größenordnung wie bei verschiedenen Mitgliedschaftsorganisationen. Bei der Betrachtung des Anteils derer, die mindestens in einer der (1992 wie 1997 erhobenen) Gruppierungen aktiv sind, zeigt sich im Westen eine stabile Beteiligung von gut einem Fünftel, allerdings in den neuen Bundesländern ein leichter Rückgang von 18 Prozent auf 14 Prozent.

3. Beteiligung an punktuellen politischen Aktivitäten



Zu einem umfassenden Bild der politischen Beteiligung Jugendlicher und junger Erwachsener gehören auch verschiedene punktuelle themenbezogene Formen politischer Artikulation (vgl. Tabelle 3). [14] Solche Beteiligungsmöglichkeiten werden häufig genutzt. Bundesweit haben sich knapp zwei Drittel an Unterschriftensammlungen beteiligt, und etwa ein Drittel hat an einer genehmigten Demonstration oder einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung teilgenommen.

Bei diesen politischen Artikulationsformen wird aber auch die Diskrepanz zwischen Handlungsbereitschaft und tatsächlichem Verhalten deutlich: Während sich beispielsweise etwa die Hälfte der Befragten einem gewerkschaftlich organisierten Streik anschließen und gut 40 Prozent in einer Bürgerinitiative mitmachen würden, hat sich nicht einmal jeder Zehnte an solchen Aktivitäten beteiligt. Etwa ein Zehntel der 16- bis 29-Jährigen hat sich schon einmal durch Briefe an Zeitungen oder Politiker oder durch Spenden in den politischen Prozess eingeschaltet. Ebenfalls jeweils mindestens zehn Prozent war die Artikulation ihrer politischen Vorstellungen schon einmal so wichtig, dass sie dabei bis an die Legalitätsgrenze gingen, indem sie sich an Boykottaktionen oder nicht genehmigten Demonstrationen beteiligten.

Inwieweit ist eine solche Beteiligungsbereitschaft an politischen Aktionen tendenziell stabil oder einem zeitlichen Wandel unterworfen; inwieweit ist sie jugendspezifisch, oder sind die Unterschiede bezogen auf die ältere Generation eher gering? Die Daten des ALLBUS von 1992 und 2000 ermöglichen einige Antworten (vgl. Tabelle 4). [15]

Die jüngere Generation ist bei solchen Beteiligungsformen nicht durchgängig stärker vertreten. In den alten Bundesländern ist die Generationendifferenz bei Bürgerinitiativen und Boykott gering, allerdings deutlich bei Unterschriftensammlungen (nach dem ALLBUS 2000 haben sich die Jüngeren zu 70 Prozent schon einmal daran beteiligt, bei den Älteren sind es etwas mehr als 50 Prozent) und bei genehmigten politischen Demonstrationen (hier ist die Beteiligung bei den 18- bis 29-Jährigen etwa doppelt so hoch wie bei den über 29-Jährigen).

In den neuen Bundesländern findet man diese Differenz zwischen den Generationen weit weniger. Bei der Beteiligung an Bürgerinitiativen ist das Verhältnis - in allerdings geringerem Ausmaß - sogar eher umgekehrt: Hier geben mehr ältere als jüngere Menschen an, sich schon einmal an einer solchen politischen Aktivität beteiligt zu haben. Nur bei einem Boykott haben sich mehr Jüngere als Ältere schon einmal beteiligt.

Vergleicht man die Beteiligung 1992 mit 2000, so ist bei diesen punktuellen Aktivitäten (im Gegensatz zur Beteiligung in Rahmen traditioneller Organisationen) im Westen kein Rückgang zu verzeichnen: Bei allen Formen ist eine Zunahme der Beteiligung festzustellen, und zwar sowohl bei den 18- bis 29-Jährigen als auch bei den über 29-Jährigen. In den neuen Bundesländern ist die Situation ähnlich. Nur bei der Beteiligung an einer genehmigten politischen Demonstration ist bei den 18- bis 29-Jährigen keine Zunahme auszumachen. Insgesamt kann hier nicht von einer Beteiligungsmüdigkeit gesprochen werden, und bei stärker politisch orientierten Aktivitäten sind die Jüngeren auch in den neunziger Jahren, jedenfalls in den alten Bundesländern, immer noch aktiver als die Älteren.

Fußnoten

4.
Diese sind eher mit dem Begriff des "sozialen Kapitals" (vgl. Robert D. Putnam, Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community, New York u. a. 2000) zu fassen als mit dem vom "bürgerschaftlichen Engagement", bei dem der positive Beitrag zum Gemeinwesen oder gesellschaftlicher Nutzen im Vordergrund steht.
5.
Vgl. Bernhard Weßels, Vermittlungsinstitution und Interessenvertretung: Zur Performanz von Mit"glie"der"or"ga"ni"sa"tionen in Deutschland, in: Achim Koch/Martina Wasmer/Peter" Schmidt (Hrsg.), Politische Partizipation in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 2001, S. 221-246.
6.
Vgl. Anke Schöb, Verminderung gesellschaftlichen Zusammenhalts oder stabile Integration?, in: ISI 22. Juli 1999, S. 8-11; Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 1999, Bonn 2000, dort analysierte Entwicklungen für die Zeitpunkte 1984, 1988, 1993 und 1998 (West) bzw. 1993 und 1998 (Ost) anhand der Bevölkerungsumfragen des "Wohlfahrtssurveys". (ISI = Informationsdienst soziale Indikatoren).
7.
Vgl. A. Schöb (Anm. 6.); B. Weßels (Anm. 5) konstatiert, dass sich zwar keine generelle Mitgliederkrise bei der Wahlbevölkerung abzeichnet, aber eine Verschiebung von traditionellen Großorganisationen zu Mitgliedschaften im Freizeitbereich.
8.
Im Jugendsurvey 1997 liegen die Werte unter 10 Prozent.
9.
Vgl. ausführlicher hierzu Elmar Wiesendahl, Keine Lust mehr auf Parteien. Zur Abwendung Jugendlicher von den Parteien, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 10/2001, S. 7-19, sowie Zahlen in Oskar Niedermayer, Entwicklung und Sozialstruktur der Parteimitgliedschaften im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, (2001) 2, S. 434-439.
10.
Beispielsweise ist bei der SPD der Anteil der Mitglieder im Alter von 16-30 Jahren von 1990 auf 2000 von 10 Prozent auf 5 Prozent gesunken, vgl. O. Niedermayer (Anm. 9); bei der PDS liegt der Anteil der unter 40-Jährigen in Ostdeutschland bei 8 Prozent (Süddeutsche Zeitung vom 19./20.5.2001).
11.
Oskar Niedermayer, Parteimitgliedschaften: Zustand und Perspektive, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, (2000) 2, S. 100.
12.
Vgl. Roland Roth, Neue soziale Bewegungen und liberale Demokratie, in: Ansgar Klein/Hans-Josef Legrand/Thomas Leif (Hrsg.), Neue soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen und Perspektiven, Opladen - Wiesbaden 1999, S. 51 f.
13.
Vgl. Helmut Schneider, Politische Partizipation - zwischen Krise und Wandel, in: U. Hoffmann-Lange (Anm. 3), S. 291.
14.
Zum Wahlverhalten von Jugendlichen - nach Robert D. Putnam "not a typical mode of political participation" (Anm.'4), S. 35 -, auf das hier nicht eingegangen wird, vgl. E. Wiesendahl (Anm. 9), der eine "Wahlmüdigkeit Jugendlicher" konstatiert, sowie Wolfgang Gaiser/Johann de Rijke, Partizipation und politisches Engagement, in: M. Gille/W. Krüger (Anm. 3). Zur vollständigen Liste, wie sie im Jugendsurvey 1992 und 1997 erfragt wurde, vgl. den Anhang auf S. 16.
15.
Die "Allgemeinen Bevölkerungsumfragen der Sozialwissenschaften" (ALLBUS) werden von Bund und Ländern über die GESIS (Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen) finanziert, von ZUMA (Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen e.V., Mannheim) und Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (Köln) realisiert. Diese Institutionen tragen keine Verantwortung für die Verwendung der Daten in diesem Beitrag. - Die folgende Tabelle kann wegen der Altersgrenzen und der anderen Frageformulierungen nur für sich interpretiert werden. Es wurden hierfür nur deutsche Befragte berücksichtigt.