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26.5.2002 | Von:
Wolfgang Gaiser
Johann de Rijke

Gesellschaftliche Beteiligung der Jugend

Handlungsfelder, Entwicklungstendenzen, Hintergründe

III. Politische Beteiligung - Erklärungsfacetten

Die gesellschaftliche Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurde bisher in drei unterscheidbaren Bereichen dargestellt: Es ging erstens um die Mitgliedschaft in traditionellen Organisationen, Vereinen oder Verbänden, zweitens um die Beteiligung in Gruppierungen informeller Art, die einem weiteren Begriff von Politik zuzuordnen sind, und drittens um eher situative und zeitlich begrenzte politische Aktionen oder Handlungen.

Kombiniert man die Aktivitäten in traditionellen Vereinen und Verbänden mit solchen in informellen Gruppierungen, lassen sich vier Gruppen von Beteiligung ausmachen: Da sind zunächst diejenigen Personen, die sich in keiner der beiden Formen betätigen - dies sind im DJI-Jugendsurvey von 1997 im Westen Deutschlands 42 Prozent, im Osten 56 Prozent. Folglich sind 58 Prozent im Westen und 44 Prozent im Osten in mindestens einer Gruppierung bzw. einem Verein aktiv. Ausschließlich in (mindestens) einer traditionellen Organisation sind 31 Prozent im Westen, 24 Prozent im Osten tätig, ausschließlich in (mindestens) einer informellen Gruppierung 11 Prozent in West wie in Ost, schließlich in beiden Formen gleichermaßen sind es 16 bzw. 10 Prozent. Deutlich wird bei dieser gemeinsamen Betrachtung wiederum der West-Ost-Unterschied, der allerdings stärker bei den traditionellen Formen gesellschaftlicher Beteiligung aufscheint.

Welche Zusammenhänge von sozioökonomischen Indikatoren, solchen der Wertorientierungen, der politischen Orientierungen sowie der sozialen Benachteiligung mit Beteiligung in Mitgliedschaftsorganisationen einerseits und Aktivitäten in informellen Gruppierungen andererseits lassen sich feststellen? Geschlechtsunterschiede sind bei der Beteiligung an informellen Gruppierungen im Westen zu finden: Das Engagement ist hier bei den Frauen etwas stärker als bei den Männern (31 zu 24 Prozent). Bei den traditionellen Vereinen und Verbänden ist es hingegen umgekehrt: Hier sind Männer gegenüber Frauen in höherem Maße aktiv (im Westen 53 gegenüber 40 Prozent, im Osten 37 zu 29 Prozent). Die gegenläufige Tendenz des Engagements beider Geschlechter bei traditionellen versus unkonventionellen Aktivitäten wird hier also tendenziell bestätigt. [16]

Auch ein Bildungseffekt wird sichtbar: Junge Menschen mit Abitur engagieren sich häufiger als solche mit einem niedrigeren Bildungsabschluss, dies gilt für beide Formen der Beteiligung.

Bei Wertorientierungen spielen postmaterialistische Orientierungen eine gewisse Rolle, wenngleich die Effekte nicht sehr stark sind: Postmaterialistisch eingestellte Personen sind eher aktiv als solche mit materiellen Orientierungen (im Sinne des Konzepts von Ronald Inglehart). [17] Bei den informellen Gruppierungen findet man zudem eine stärkere Selbstverortung im linken Bereich eines Links-Rechts-Kontinuums. Dies entspricht wohl auch dem Selbstverständnis der meisten Gruppen der Neuen sozialen Bewegungen. Bei Aktivitäten in traditionellen Organisationen spielt dieser Aspekt politischer Verortung keine Rolle.

Den stärksten beteiligungsrelevanten Effekt hat jedoch das politische Interesse, und zwar bei beiden Aktivitätsformen. Bei den informellen Gruppierungen umfassen die Aktiven bei starkem politischen Interesse im Westen 41, bei mittlerem Interesse 27, bei geringem oder keinem Interesse 18 Prozent (im Osten sind es 35, 22 und 13 Prozent). Bei den traditionellen Organisationen liegen die Werte im Westen bei 62, 47 und 36 Prozent, im Osten bei 45, 34 und 27 Prozent. Auffällig ist die nahezu gleiche Stärke des Zusammenhangs zwischen politischem Interesse und Beteiligung. Politische Interessiertheit ist offenbar ein zentraler Faktor für die Motivation, sich zu engagieren - unabhängig vom Bereich, in dem man sich engagiert.

Umstritten ist, inwieweit soziale Benachteiligung sich auf die Beteiligung auswirkt, ob mobilisierend - etwa weil man sich durch Engagement eine Verbesserung seiner Lage erwartet - oder im Gegenteil eher lähmend und hindernd, weil sich mit ungünstiger sozialer Lage auch politische Marginalisierung verbindet. Empirisch lässt sich die Gruppe der Arbeitslosen mit den anderen Statusgruppen kontrastieren. Bei den traditionellen Organisationen ergibt sich hier ein deutlicher Zusammenhang: Arbeitslose sind weniger aktiv als Menschen, die eine Arbeit haben (im Westen 30 zu 48 Prozent, im Osten 16 zu 36 Prozent), was somit durchaus als Bestätigung der zuletzt genannten Annahme gelten kann. [18]

Insgesamt finden sich somit Hinweise auf erklärende Merkmale. Mädchen und junge Frauen sind eher bereit, sich bei Gruppierungen der Neuen sozialen Bewegungen zu beteiligen. Jungen und junge Männer zeigen stärkeres Interesse an konventioneller Politik und engagieren sich mehr in Vereinen und Verbänden. Bildung erweist sich als wichtiger Faktor für Engagementbereitschaft und politische Aktivität: Je höher das Bildungsniveau ist, desto höher ist - sei es aus Einsicht, wegen verfügbarer Ressourcen, aus Prinzip oder auch aus Nutzenserwägungen - auch das Engagement. Am stärksten aber fördert politisches Interesse gesellschaftliche und politische Beteiligung, und auch ein geringes Bildungsniveau kann sich bei solchem Interesse durchaus mit soziopolitischer Aktivität verbinden. [19]

Fußnoten

16.
Insbesondere bei den Altersgruppen von 24 bis 29 Jahren zeigt sich diese Gegenläufigkeit im DJI-Jugendsurvey, vgl. W.'Gaiser/J. de Rijke ( Anm. 14). Vgl. hierzu auch die beiden Abbildungen im Anhang auf S. 16.
17.
Nach der Theorie von Ronald Inglehart sind materialistisch orientierte Personen an traditionellen Werten ausgerichtet, während postmateriell Orientierte mehr Wert auf individuelle Selbstverwirklichung und politische Mitsprache legen, vgl. Ronald Inglehart, Modernisierung und Postmodernisierung, Frankfurt a.M. - New York 1998. Vgl. auch Martina Gille, Werte, Rollenbilder und soziale Orientierungen, in: M.Gille/W. Krüger (Anm. 3).
18.
Dies wurde ja bereits bezogen auf Ehrenamtstätigkeit am Beispiel der Arbeitslosigkeit aufgezeigt, vgl. Marcel Erlinghagen, Arbeitslosigkeit und ehrenamtliche Tätigkeit im Zeitverlauf, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 52 (2000), S. 291-310.
19.
Diese Faktoren wurden auch bei Analysen der Wahlbevölkerung im Hinblick auf Mitgliedschaft in Organisationen herausgestellt, vgl. Anm. 6. Die Zusammenhänge im Jugendsurvey sind zwar nicht sehr stark, und andere Faktoren wie etwa die Einschätzung des Erfolges eines konkreten Engagements oder die Rolle der sozialen Einbettung bei den Aktivitäten - dies hatte sich als einer der zentralen Faktoren für das ehrenamtliche Engagement etwa gezeigt (vgl. Anm. 1) - dürften eine wichtige Rolle spielen.