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26.5.2002 | Von:
Wolf-Dietrich Bukow

Barrieren und Hindernisse bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in urbanen Umbruchsituationen

Die urbane Gesellschaft verändert sich immer schneller. Um sich auch weiterhin erfolgreich mit "ihrer" Stadt identifizieren zu können, wird es deshalb für die Bevölkerung immer wichtiger, sich an den Veränderungsprozessen zu beteiligen.

I. Fragestellung

Es mangelt in unserer Gesellschaft weder an den Herausforderungen (also an gesellschaftlichen Themen, Verwerfungen, Problemen und Risiken) noch an der Engagementbereitschaft von Seiten der Gesellschaftsmitglieder. Das Problem beruht vielmehr auf einer ungenügend entwickelten Partizipationskultur. Diese Feststellung ist für die Diskussion gesellschaftlicher Partizipation entscheidend, wird doch behauptet, die Individualisierung habe zu einem Rückzug der Menschen und zu einer epidemischen Politikmüdigkeit geführt. Tatsächlich lässt sich mit der vorhandenen Partizipationskultur nur bedingt ein situationsangemessener, also qualifizierter zivilgesellschaftlicher Kommunikationszusammenhang herstellen. Sie ist hinter der gesellschaftlichen Entwicklung zurückgeblieben.

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  • Dass die Entwicklung der Partizipationskultur stagniert, obwohl Notwendigkeit und Bereitschaft für eine breite Mitwirkung ständig steigen, erklärt sich u. a. aus der Vernachlässigung gesellschaftlicher Unterschiede in den entsprechenden Mitwirkungsmodellen. "Gestandenen Persönlichkeiten" - männlich, erfolgreich, mit vielen Verbindungen, gut situiert - dürfte eine Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Prozessen vergleichsweise leicht fallen. Sie verfügen über die erforderlichen Kenntnisse des parlamentarischen Systems, kennen die Informationskanäle, sind an diverse Netzwerke angeschlossen. Ganz anders sieht es bei den "Kids" aus, vor allem bei jenen, die in einem schwierigen Stadtquartier [1] zu Hause sind. Hier herrscht einerseits ein großer gesellschaftlicher Steuerungsbedarf, weil zum Beispiel die lokale Infrastruktur unterentwickelt ist, die Straßen und Häuser sanierungsbedürftig sind; andererseits haben (nicht nur) die hier lebenden Kinder - vom Status (vom Alter, der Herkunft, der Ausbildung usw.) her betrachtet - keine Chance, auf urbane Entwicklungen einzuwirken. [2] Die Partizipationskultur ist also nicht nur unterschiedlich entwickelt, sondern sie ist auch nicht überall anzutreffen: Dort, wo sie am wenigsten nötig wäre, ist sie effektiv, und dort, wo sie am meisten nötig ist, ist sie kaum vorhanden.

    Barrieren und Hindernisse bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Situationen, die mit der Entwicklung der urbanen Gesellschaft nicht Schritt halten, sind das Thema dieses Beitrages. Dabei wird deutlich, dass es sich hier nicht um einen zufällig ausgewählten Aspekt aus der Partizipationsproblematik handelt, sondern um den brisantesten Punkt in dieser Diskussion. Dies gilt in zweifacher Hinsicht: Es soll

    a) um Situationen gehen, die besonders risikoreich sind und deshalb einen hohen Steuerungs- bzw. Partizipationsbedarf aufweisen und

    b) eine Bevölkerungsgruppe in den Mittelpunkt gestellt werden, die vom Alter und der Alltagssituation her geringe oder überhaupt keine Chancen hat, an traditionellen Formen der Partizipation teilzunehmen.

    Fußnoten

    1.
    In der Regel werden solche Stadtteile als schwierig bezeichnet, in denen das Einkommen gering, die Beschäf"tigungsstruktur unterentwickelt, die Wohnungsqualität schlecht, das Bildungsniveau niedrig ist. Damit wird schon deutlich, dass es sich einerseits um ein dem Einzelnen zuzurechnendes relatives und kumulatives Phänomen handelt, das weder von den betreffenden Bewohnern noch von der lokalen Öffentlichkeit auch so eingeschätzt werden muss, wie es sich im statistischen Durchschnitt darstellt. Nur in "schon immer", also traditionell benachteiligten Quartieren kann man mit einem statistisch wie kulturell geschlossenen Bild rechnen, das entsprechende Folgerungen wie "sozialer Brennpunkt" oder "mangelhafte Integration" nahe legt. In modernen Stadtgesellschaften mit hoher Mobilität ist das statistische Bild vom Quartier oft weder besonders klar noch mit dem deckungsgleich, was die Bevölkerung von sich bzw. die lokale Öffentlichkeit über das Quartier hat. Das statistische Bild ist uneinheitlich, weil die einzelnen Indikatoren stark streuen, sich gegenseitig kompensieren und die Bedeutung der Indikatoren auch vom Lebensstil abhängt. Zumal unter dem Einfluss der Zuwanderung erscheinen Quartiere bildungsmäßig wie infrastrukturell benachteiligt, während das Einkommen und die bauliche Situation durchaus durchschnittlich bis überdurchschnittlich eingeschätzt werden mag.
    2.
    Für die vorliegende Studie ist im Anschluss an die moderne soziologische Forschung (Armin Nassehi, Differenzierungsfolgen, Opladen 1999, S. 113f) ein schwieriges Stadtquartier nicht mehr ein sozialer Brennpunkt, sondern ein Stadtteil, der strukturelle Schwächen aufweist, was dazu führt, dass die Bevölkerung und hier insbesondere die Kinder und Jugendlichen in einer besonderen Weise den modernen Risiken urbanen Lebens ausgeliefert sind. Die moderne Stadt ist eine dynamische Konstruktion, in der sich zunehmend strukturstarke "Leitquartiere" und strukturell weniger intensiv oder nur teilweise qualifizierte "korrekturbedürftige" Quartiere ausbilden. Auch geringe Partizipation wäre hier ein Indikator, weil er auf einen Ausschluss aus dem politischen System der Zivilgesellschaft abhebt.