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26.5.2002 | Von:
Thomas Leif

Macht ohne Verantwortung

Der wuchernde Einfluss der Medien und das Desinteresse der Gesellschaft

Der Trend zum Unwichtigen

Michael Abend - früher Tagesschau-Redakteur - gab 1974 eine orientierende Definition für die Einordnung von Ereignissen: Die Tagesschau betrachte es "als ihre Aufgabe, über die wichtigsten Tagesereignisse zu berichten, aber auch ihren Bedeutungszusammenhang (Hintergrund und Auswirkungen) klarzumachen. Als wichtig gilt, was viele Zuschauer interessiert oder betrifft, was neue Entwicklungen aufzeigt oder Missstände aufdeckt, was der demokratischen Selbstdarstellung der staatlichen Organe und der gesellschaftlichen Gruppen dient."

Die öffentlich-rechtliche Konkurrenz der Tagesschau hat sich für "moderierte Nachrichten" entschieden mit einem starken kommentierenden Akzent. Doch selbst für die Nachrichten ist eine gemeinsame Linie der Relevanz von Ereignissen bei ARD, ZDF, RTL und SAT1 nicht mehr festzustellen. Die Auswirkungen der unterschiedlichen Modelle waren nicht nur bei der Berichterstattung über die CDU-Spendenaffäre, den Leuna-Komplex und die Rolle der Akteure um Kiep, Schreiber & Co zu besichtigen.

Roman Herzog hat in seiner Amtszeit mindestens vier gewichtige Reden zur drohenden Verflachung der Medien gehalten. Bereits 1996 warnte er vor einer "Abflachungsspirale": "Kein Schwachsinn, keine Perversion, keine noch so abwegige Marotte, die nicht in extenso bunte Seiten und Bildschirme bevölkern würde . . . Diese unendliche ausweglose, schleichende Banalisierung und Trivialisierung macht die Hirne kaputt." Drei Jahre später warnte er wiederum vor den Medien-Mechanismen, die die Inhalte der Politik veränderten.

Bundespräsident Johannes Rau knüpfte mit seiner Kritik nahtlos an seine Vorgänger an, wenn er in der zunehmenden unterhaltenden Inszenierung von Politik eine Gefahr sieht: "So wird Politik zu einem Teil der öffentlichen Unterhaltung", warnte er und verband seine Mahnung mit einer Vision: "Ich wünsche mir eine Mediendemokratie, in der das Vermitteln der Sache wichtiger ist als das Vermitteln von Bildern und Bildunterschriften." Doch Wunsch und Wirklichkeit werden wohl auch künftig weiter auseinandertreiben. Die Mahnungen der Staatsoberhäupter blieben ungehört. Appelle allein können wohl die eigenmächtigen Themenkonjunkturen nicht bremsen oder beeinflussen.

Betrachtet man rückwirkend die großen, den öffentlichen Diskurs strukturierenden Themen der vergangenen Monate, erkennt man die Webstruktur der prägenden Stoffe sofort - ganz gleich, ob es um den Streit um die Kampfhunde in Deutschland, das Drama um die Gefangenen in Jolo, die Tragödie von Sebnitz, den Skandal um Joschka Fischers Jugendsünden oder um die immer wieder aufflackernden Debatten über den Preiskampf an den Tanksäulen ging: Alle diese Themenwellen, die für Aufregung und Debatten sorgten, sind wieder verebbt. Der politische Gehalt, der in den Themen verborgen war, ist heute kaum mehr erkennbar. Konkrete Folgen oder gar politische Korrekturen in den jeweiligen Politikfeldern sind nicht festzustellen. Der zynisch-realistische journalistische Leitsatz "Aktualität geht vor Realität" trifft die Situation recht gut, und diese Tendenz beim rasanten Themen-Karussell wiederholt sich immer aufs Neue.