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26.5.2002 | Von:
Thomas Leif

Macht ohne Verantwortung

Der wuchernde Einfluss der Medien und das Desinteresse der Gesellschaft

Der Trend zur Informationsverdünnung

Inspiriert von der Kritik der Bundespräsidenten warnte ZDF-Intendant Dieter Stolte Mitte Mai die Medien vor einem zunehmenden Realitätsverlust. Die "voyeuristische Selbstinszenierung" nehme zu, die Zuwendung zur konkreten Wirklichkeit müsse die Antwort auf diese Entwicklung sein. Ein Intendant forderte die Rückbesinnung zur Realität und nutzte dazu die Bühne der "Mainzer Tage der Fernsehkritik". Zwei Stars auf Stoltes Gästeliste witterten die Chance, um die Misere der zu diskutierenden Spaßgesellschaft noch deutlicher zu benennen. Harald Schmidt, der Entertainment mit dem weiten Horizont des Bildungsbürgers auslebt, bilanzierte knapp: "80 Prozent der TV-Sendungen sind unfassbarer Müll, da tut man niemandem Unrecht." Sein Konkurrent Thomas Gottschalk steuerte gleich die Lösung bei und betonte: "Es gibt eine Chance, den einseitigen Ausstieg aus dem Quotendruck zu erklären; das sollten sich die Öffentlich-Rechtlichen leisten können." Gottschalk, der Meister der Quotenmaximierung als Kritiker der einzigen Maßeinheit für Qualität, die heute tatsächlich noch gilt? Mit seinem Vorschlag ging es ihm nicht anders als den Bundespräsidenten zuvor. Solche Empfehlungen von prominenten Quoten-Fischern sind neu. Aber werden die Protagonisten des öffentlich-rechtlichen Boulevards überhaupt auf ihre Kritiker reagieren? Ihre Erfolgsformel: "Informationsverdünnung bedeutet Quotensteigerung" - gelehrt auf Seminaren zum Thema "Boulevard-Journalismus" - gibt ihnen Recht.