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26.5.2002 | Von:
Thomas Leif

Macht ohne Verantwortung

Der wuchernde Einfluss der Medien und das Desinteresse der Gesellschaft

Der Trend zum Unernsten

Mangelnder Ernst und das Verspielen von Glaubwürdigkeit sind aber nur eine Seite der Medaille. In einem Land, das die großen ideologischen Auseinandersetzungen hinter sich gelassen hat, in dem die politische Mitte immer größer wird und sich die meisten recht gut eingerichtet haben, tritt der Streit um bessere Lösungen - um was eigentlich? - zurück. Es gibt kaum mehr Grundsatzfragen, über die kontrovers diskutiert wird. Bei vielen großen Reformthemen - etwa der Rentenreform - ist es für den Normalbürger nicht leicht auszumachen, wo beim siebten Referentenentwurf nun die Unterschiede zwischen Regierung und Opposition liegen.

Hätte "Die Zeit" die allzu zaghaften Ermittlungen der Justiz in Sachen Leuna nicht immer wieder auf Seite eins angeprangert, wären die Akten wohl nie genau angeschaut worden. Viele Medien reagieren auf diese Entwicklung, indem sie auf andere, leichtere Stoffe ausweichen. Es gibt als Antwort auf die zunehmende Komplexität einen stillen - nicht reflektierten - Konsens gegen das Anspruchsvolle, das Sperrige, das Komplexe. Statt des Sachberichts hat sich - passend zu dieser Entwicklung - ein neues Genre etabliert: der so genannte "Aufreger", der Themen "anheizt", über die man sich eigentlich gar nicht aufregen muss. Selbst Klaus Bresser hat diese Entwicklungen jüngst bilanziert und eingeräumt: "Es ist sicherlich schwieriger geworden für den ernsthaften Journalismus", und: "Das Interesse an Politik scheint tatsächlich geringer zu werden."