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26.5.2002 | Von:
Thomas Leif

Macht ohne Verantwortung

Der wuchernde Einfluss der Medien und das Desinteresse der Gesellschaft

Der Trend zum Nebensächlichen

Wissenschaftliche Untersuchungen etwa des "Medien-Tenors" (Bonn) haben ergeben, dass die Medien häufig zu spät über das Wesentliche berichten und primär die Sensation im Visier haben. Die Konzentration auf das Offensichtliche, das Spektakuläre und die Sensation verdränge das Wesentliche.

Eine Langzeit-Studie im Auftrag der Landesmedienanstalten aus dem Jahr 2000 kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Unterhaltung ist das Maß aller Dinge, die politische Berichterstattung ist auf dem Rückzug. Im Bereich der Information verdrängt die Unterhaltungspublizistik die klassischen Formen der Informationsvermittlung. Mustert man diese Erkenntnisse, ist es nur konsequent, dass die Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen ein Forschungsprojekt mit dem Titel "Der Wert von Nachrichtenwerten" ausgeschrieben hat. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Nachrichtenwerten ist überfällig. Die Regeln der anerkannten journalistischen Handbücher, die immer noch von klassischen Relevanzkriterien ausgehen, haben sich längst überholt. Folgende "agenda-setting"-Prozesse funktionieren, auch wenn sie noch nicht in die wissenschaftliche Literatur eingegangen sind:

- Der Stoff muss einfach und eingängig sein, komplizierte Sinnzusammenhänge haben keine Chance. Beim Publikum gibt es eine Sehnsucht nach orientierender Verdichtung ohne verwirrende Nebenargumente. Stoffe, die sich zur extremen Vereinfachung nicht eignen, fallen durch das elektronische Ausleseraster.

- Nur wenn Bilder vorliegen besteht die Chance, in das Leitmedium Fernsehen und auf die Titel der zunehmend bildorientierten Zeitungen zu kommen.

- Hintergründe sind nicht mehr interessant, Vordergründiges muss beleuchtet werden, weil der Aufmerksamkeitsspegel in einer überreizten Gesellschaft sehr niedrig ist. Gute Chancen haben Schicksale von Prominenten, zumal wenn sie mit Aspekten von Sex & Crime verbunden werden können.