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26.5.2002 | Von:
Otfried Jarren

"Mediengesellschaft" - Risiken für die politische Kommunikation

III. Organisations- und Journalismuswandel bei neu etablierten Medien

Strategisches Handeln gewinnt für die Medien unter ökonomischem Wettbewerbsdruck an Bedeutung. [11] In dieser Sichtweise interessiert dann, wie ein privater Radiosender oder eine politische Tageszeitungsredaktion verfasst ist und zu welchen Leistungen sie jeweils in der Lage sind. Medienleistungen sind aber nicht allein das Ergebnis von Handlungen innerhalb eines Betriebes oder einer Redaktion, sondern sie sind abhängig von den Beziehungen zu anderen Medienunternehmen (so von "Zulieferern" und "Kunden") oder vom Zugang zu Informationen. Zudem sind sie auch abhängig von den im Medienbereich agierenden Verbänden, von gesellschaftlichen wie staatlichen Akteuren, weil diese auf die Produktions- und Kooperationsbedingungen einwirken, indem sie Regeln setzen. Letztere machen durch rechtliche Entscheidungen - durch Gesetze oder Rundfunklizenzen - inhaltliche Vorgaben für Medienunternehmen. Bislang dominieren hier die politischen Akteure, die aber stärker durch gesellschaftliche Organisationen ergänzt werden sollten. [12]

1. Organisationsformen der Medien - eine unterschätzte Dimension



Höchst unterschiedliche Organisationen wirken also in vielfältiger Weise auf Medienorganisationen und damit auf die publizistische Leistung ein. Von der Anzahl der Akteure bzw. der Dominanz spezifischer Akteure ist abhängig, ob eher von einer staatlich-politisch oder von einer marktlich geprägten Medienstruktur gesprochen werden kann. Solange der Rundfunk nur öffentlich-rechtlich verfasst und dieser ohne Konkurrenz war, dominierten politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger des Nationalstaats. Mit der Zulassung privater Veranstalter veränderte sich das Akteursspektrum, und es gewinnen in diesen Strukturen ökonomische Akteure an Gewicht, zum Teil schon mit globalen Vernetzungen.

Die unterschiedliche ökonomische Orientierung bei privaten und öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen führt auch zu verschiedenen redaktionellen Organisationsformen, zu einer anderen publizistischen Ausrichtung. So ist es kein Zufall, dass die privaten Fernsehanbieter weniger in Nachrichtenredaktionen und Korrespondentenpools investieren als die öffentlichen Veranstalter. Die Programmleistung selbst wird zwar nicht allein durch eine bestimmte Organisationsform determiniert, wohl aber erwachsen aus der betrieblichen Verfasstheit mit ihren ökonomischen Möglichkeiten die journalistischen Optionen. Im Kern erweist sich dabei der Grad an Werbeabhängigkeit von Medienbetrieben als das zentrale Problem, weil dadurch nur bestimmte Formen der Programmrealisierung möglich sind: Ein Medienunternehmen, das sich ausschliesslich aus Werbe- und Sponsoringeinnahmen finanziert, muss in allen Programmteilen für die Werbetreibenden ein optimales Programmangebot für maximal viele Rezipienten bieten. Ein ausschliesslich aus Gebühren finanzierter Sender hingegen kann sein Programmangebot selbst definieren und es auf sehr differente Rezipientenerwartungen ausrichten.

Unterschiedliche Typen von (Medien-)Organisationen führen also zu unterschiedlichen (Programm-)Leistungen. Die Wahl von Unternehmens- oder Betriebsformen ist somit eine folgenreiche Entscheidung. Dominieren bestimmte Unternehmensformen einen Sektor, so beeinflusst das die Handlungsweise aller in dem Sektor tätigen Unternehmen, weil dies die Struktur insgesamt beeinflusst. Der Streit um die vermeintliche Konvergenz zwischen öffentlichen und privaten Fernsehsendern ist also mehr als eine Debatte um Programminhalte. Inhalts- und Strukturfragen sind aufeinander bezogen zu betrachten. In der Kommunikationswissenschaft wie in der Medienpolitik wird aber leider Organisations- und (Medien-)Strukturfragen nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Abnehmende Politikberichterstattung oder die Zunahme an "billigen" Talkshows - das ist auch auf Strukturentscheidungen zurückführbar.

2. Unterschiedliche Organisationsformen bei Medien: Normen von Belang



Für Rundfunkorganisationen gelten spezifische Ziele, die sich aus normativen Vorgaben (Gesetze, Lizenzen), der dominanten Finanzierungsform (Werbe- vs. Gebührenfinanzierung), der jeweiligen Marktposition (Monopol- oder Wettbewerbsposition) und aus den selbstgesetzten Unternehmenszielen ergeben.

Für öffentliche Rundfunkanstalten machen die Landesgesetzgeber genaue Vorgaben: rechtliche Form und Zweck der Organisation, Festlegung von Leitungsaufgaben (Intendant) und Kontrollaufgaben (Kompetenzen für Verwaltungs- und Rundfunkräte). Zudem wird per Gesetz in allgemeiner Form geregelt, welche inhaltlichen Ziele der öffentliche Sender zu verfolgen hat. Aus diesen Vorgaben ergeben sich bestimmte Organisationsprinzipien, die wir in allen deutschen Bundesländern bei den öffentlichen Rundfunkanstalten vorfinden.

Der innere Aufbau sowie die innere Leitungs- und Verantwortungsstruktur sind hingegen bei privaten Rundfunkveranstaltern nicht rechtlich vorgegeben. Dementsprechend sind sie höchst unterschiedlich rechtlich verfasst (GmbH oder Aktiengesellschaft), verfügen über die unterschiedlichsten Formen von Aufsicht und Kontrolle. Auch die publizistisch relevante Binnenstruktur ist höchst unterschiedlich: Die Programmverantwortung kann bei einem Programmdirektor, beim Geschäftsführer oder beim Chefredakteur liegen. Unterschiedliche Rechts- wie Binnenverfassungen bestimmen die publizistische Orientierung, wirken sich also auf Zwecke, Ziele und auf konkrete Programmleistungen aus. Durch normative Vorgaben können die organisatorischen Bedingungen und das medienstrukturelle Ensemble beeinflusst werden.

3. Beispiel Privatradios: "Transformation" im Journalismus?



Die Entscheidung für bestimmte redaktionelle Strukturen ist also von Normen, von der Unternehmensverfassung und den daraus resultierenden ökonomischen und publizistischen Zielen abhängig. Durch Strukturentscheidungen wird das gesamte redaktionelle Organisations- wie das journalistische Entscheidungsprogramm beeinflusst. Es konnte am Beispiel von lokalen Radiosendern gezeigt werden, dass das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein von bestimmten redaktionellen Strukturen in quantitativer wie qualitativer Hinsicht für die Programmleistung der Sender (z. B. landespolitische Berichterstattung) relevant ist. [13] Bei als traditionell bezeichneten Redaktionsstrukturen war die Bearbeitung von bestimmten Bereichen erkennbar, und sie erfolgte auf Basis eines spezialisierten, fachlich qualifizierten journalistischen Personals (vgl. Abb. A).

Im Fall von gering entwickelten Redaktionsstrukturen, wie sie bei privatkommerziellen Radiounternehmen vorherrschen, finden sich ähnlich systematische Zuordnungen hingegen nicht (vgl. Abb. B). Dort existiert keine z. B. auf Politik spezialisierte Redaktion, und es gibt keine fachlich einschlägig tätigen Journalisten und folglich kein auf Dauer gestelltes und spezialisiertes Entscheidungsprogramm. [14]

Redaktionelle Strukturen, journalistische Rollen und der Aufbau journalistischer (Fach-)Kompetenz wirken zusammen, und erst auf dieser Basis ist eine spezielle Programmleistung möglich. Eine empirische Studie spricht im Zusammenhang mit dem Journalismus beim privaten Rundfunk von einem Transformationsprozess: Die nur in geringem Umfang formal strukturierten Organisationen sind nur zu bestimmten publizistischen Leistungen fähig. Die ökonomische Logik innerhalb des privatwirtschaftlich verfassten Mediensektors wirkt also auf die Ausbildung konkreter Organisationsstrukturen ein; die Organisationsweise wiederum bestimmt das journalistische Handeln und wirkt sich so auf das inhaltliche Angebot dieser Medien aus. [15]

Fußnoten

11.
Vgl. Gabriele Siegert, Marktmacht Medienforschung, München 1993.
12.
Vgl. Anna M. Theis-Berglmair, Medienwandel - Modellwandel?, in: Otfried Jarren (Hrsg.), Medienwandel - Gesellschaftswandel?, Berlin 1994, S. 35 ff., sowie früher schon grundlegend zur Organisationsperspektive Manfred Rühl, Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System, Fribourg 1969.
13.
Vgl. Otfried Jarren/Patrick Donges, Keine Zeit für Politik?, Berlin 1996.
14.
Vgl. zum privaten Rundfunk Klaus-Dieter Altmeppen, Redaktionen als Koordinationszentren, Opladen - Wiesbaden 1999.
15.
Vgl. Klaus-Dieter Altmeppen/Patrick Donges/Kerstin Engels, Transformation im Journalismus, Berlin 1999.