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26.5.2002 | Von:
Nico Stehr

Moderne Wissensgesellschaften

II. Das Wissen vom Wissen

Wissen bezeichnet bei Karl Marx "das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge" [6] . Ich möchte Wissen genauer als Fähigkeit zum (sozialen) Handeln (als Handlungsvermögen) definieren und damit als die Möglichkeit, etwas in "Gang zu setzen". Wissen als ein symbolisches System strukturiert die Realität. Wissen ist ein Modell für die Wirklichkeit. Wissen illuminiert. Es ist potenziell in der Lage, die Realität zu verändern. [7] In diesem Sinne ist Wissen ein universales Phänomen oder eine konstante anthropologische Größe.

Meine Begriffswahl stützt sich unmittelbar auf Francis Bacons berühmte und faszinierende These "scientia est potentia" oder wie diese Formulierung häufig, aber irreführend, übersetzt wurde: Wissen ist Macht. Bacon behauptet, dass sich der besondere Nutzen des Wissens von seiner Fähigkeit ableitet, etwas in Bewegung zu setzen. Der Begriff potentia, also Fähigkeit, umschreibt hier die "Macht" des Wissens. [8] Wissen ist Entstehen. Genauer gesagt, und wie Francis Bacon am Anfang seines Novum Organum betont, "menschliches Wissen und menschliche Macht treffen in einem zusammen; denn bei Unkenntnis der Ursache versagt sich die Wirkung. Die Natur kann nur beherrscht werden, wenn man ihr gehorcht; und was in der Kontemplation als Ursache auftritt, ist in der Operation die Regel" [9] .

Menschliche Naturerkenntnis ist demzufolge "Ursachenwissen", aber auch gleichzeitig Kenntnis der Handlungsregeln und damit das Vermögen, den fraglichen Prozess in Gang zu setzen oder etwas erzeugen zu können. Erfolge oder Folgen menschlichen Handelns lassen sich daher an der Veränderung der Realität ablesen. [10] Erkenntnis gewinnt an Distinktion oder Wert aufgrund seiner Fähigkeit, die Wirklichkeit zu verändern. Infolgedessen kann man Wissen als Fähigkeit zum Handeln definieren, als Möglichkeit, einem Vorgang eine neue Richtung zu geben. Wissenschaftliche Erkenntnisse oder technologisches Wissen sind also genau wie religiöses Wissen zunächst nichts anderes als Handlungsvermögen.

Wissen erfüllt nur dort eine aktive Funktion im gesellschaftlichen Handlungsablauf, wo Handeln nicht nach im Wesentlichen stereotypisierten und oft unreflektierten Mustern abläuft oder ansonsten weitgehend reguliert ist, sondern wo es, aus welchen Gründen auch immer, einen Entscheidungsspielraum oder -notwendigkeiten gibt.

Für Karl Mannheim beginnt soziales Handeln deshalb auch erst dort, "wo der noch nicht rationalisierte Spielraum anfängt, wo nicht regulierte Situationen zu Entscheidungen zwingen" [11] . Konkreter formuliert: Es ist kein Handeln ..., wenn ein Bürokrat ein Aktenbündel nach vorgegebenen Vorschriften erledigt. Es liegt auch kein Handeln vor, wenn ein Richter einen Fall unter einen Paragraphen subsumiert, wenn ein Fabrikarbeiter eine Schraube nach vorgeschriebenen Handgriffen herstellt, aber eigentlich auch dann nicht, wenn ein Techniker generelle Gesetze des Naturablaufs zu irgendeinem Zweck kombiniert. Alle diese Verhaltensweisen sollen als reproduktive bezeichnet werden, weil diese Handlungen in einem rationalisierten Gefüge nach Vorschriften ohne persönliche Entscheidung vollzogen werden.

Der besondere Stellenwert des wissenschaftlichen und technischen Wissens in der modernen Gesellschaft ergibt sich nicht aus der Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnis weitgehend als wahrhaftig, objektiv, realitätskonform, gar als unstrittige Instanz anzusehen wäre, sondern daraus, dass diese Wissensform mehr als jede andere permanent neue Handlungsmöglichkeiten schafft. Diese Handlungsmöglichkeiten können, wenn auch häufig nur vorübergehend, angeeignet werden, von Individuen ebenso wie von Unternehmen und vom Staat. Ob man allerdings davon ausgehen sollte, was nicht selten geschieht, dass diese zusätzlichen Handlungsmöglichkeiten fast immer, sozusagen automatisch den Mächtigen einer Gesellschaft oder einer Gruppe zufliessen, soll an späterer Stelle noch kritisch beleuchtet werden.

Zunächst einmal muss unterstrichen werden, dass Wissen, Ideen und Informationen höchst merkwürdige "Entitäten" sind, und zwar mit völlig anderen Eigenschaften als zum Beispiel Güter, Waren oder auch Geheimnisse. Wird Wissen zum Beispiel verkauft, so geht es wie im Fall der Ware an den Käufer über, bleibt aber ganz im Gegensatz zur Ware weiter Eigentum seines ursprünglichen Produzenten. Somit verliert man in einem Tauschprozess nicht die Verfügungsgewalt über das Wissen.

Wissen hat darüber hinaus keine Nullsummeneigenschaften. Für viele Bereiche des Lebens mag es durchaus vernünftig, sogar notwendig sein, Wachstumsgrenzen zu setzen; für das Wissen scheint das nicht zu gelten. Dem Wachstum des Wissens sind praktisch keine Grenzen gesetzt. [12] Im Gegenteil, Wissen repräsentiert ein Positivsummenspiel: Alle können gewinnen. Allerdings ist die gleichgewichtige Verteilung des Gewinns keineswegs garantiert. Aber eine Gleichverteilung von Wissen muss, wie ich noch exemplifizieren werde, nicht unbedingt Voraussetzung für gesellschaftlichen Einfluss und soziale Kompetenz sein.

Wissen, so hat es den Anschein, ist ein Gemeingut (public good), es ist prinzipiell für alle da und verliert nicht an Einfluss, wenn es bekannt wird - im Gegensatz zu Geheimnissen. Dass die "Wissensschöpfung" voller Ungewissheiten steckt, schwer steuerbar und kaum zu prognostizieren ist, ist seit langem bekannt. Zu der Überzeugung, dass die Wissensnutzung risikoreich sein kann und dass der Wissenserwerb Ungewissheit nicht unbedingt reduzieren hilft, kam man dagegen erst sehr viel später.

In der Tat, wissenschaftliche Erkenntnisse sind meist schlechter als ihr guter Ruf: Sie sind sehr oft strittiger Natur. Trotz seines hohen Ansehens ist wissenschaftliches Wissen fast immer anfechtbar. Diese Eigenschaft gilt zwar, im Kontext des Wissenschaftssystems und hier insbesondere aus der Sicht bestimmter wissenschaftstheoretischer Positionen, als Besonderheit und Tugend der wissenschaftlichen Erkenntnisweise. In alltäglichen Kontexten wird die prinzipielle Anfechtbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis allerdings gern verdrängt. Da Wissen fast immer strittig ist, verliert es, zumindest teilweise, seine Praxisrelevanz. Denn Interpretationsleistungen müssen zu einem "Schluss" kommen; erst dann können sie als Handlungsfähigkeit praktisch wirksam werden.

Diese Aufgabe, Reflexionen abzuschließen und wissenschaftliche Erkenntnisse "nützlich" zu machen, damit in praktischen Kontexten danach gehandelt werden kann, üben in der modernen Gesellschaft die Wissensarbeiter oder Experten, die vielen Berater und Ratgeber aus. Neu an dieser Entwicklung ist nicht das Entstehen von wissensfundierter Arbeit; "Experten" hat es schon immer gegeben. Neu ist die große Zahl der Berufspositionen, die wissensfundierte Arbeit erfordern, während die Zahl der Arbeitsplätze, die geringe kognitive, also geistige Fähigkeiten verlangen, rapide zurückgeht. Immer weniger Menschen sind damit beschäftigt, Dinge materiell herzustellen oder zu bewegen.

Die Definition von Wissen als Handlungsvermögen signalisiert zudem, dass die Realisierung oder die Anwendung von Wissen immer unter bestimmten sozialen und kognitiven Rahmenbedingungen stattfindet. Zu diesen gehört unter Umständen eine sehr komplexe, kapitalintensive Infrastruktur. Es ist also nicht der objektive Erkenntnisfortschritt, welcher der unmittelbare Motor und die Bedingung für die Verwissenschaftlichung der Lebenswelt ist. Bestimmte Wissensformen transportieren nicht unbedingt einen situationsunabhängigen Wert oder konstante Handlungschancen, sondern ihr "Wirken" ist immer eine Frage der aktiven Ausarbeitung, Interpretation und schließlich der praktischen Umsetzung dieses Potenzials. Anders gesagt, das "soziale Kapital" des Wissens ist keine konstante Größe. Es ist eine Funktion des Kontexts oder situativer Faktoren, unter denen Wissen als Handlungsvermögen realisiert werden kann.

Fußnoten

6.
Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 594.
7.
Vgl. auch die Definition von Information von Albert Borgmann, Holding on to Reality. The Nature of Information at the Turn of the Millenium, Chicago 1999, S. 1.
8.
Allerdings bezieht sich in der Etymologie Macht auf Fähigkeit; und eine der grundlegendsten Definitionen von "Fähigkeit" wäre, "einen Unterschied zu machen". In diesem Sinn und nicht in dem Sinn, in dem Macht üblicherweise im Zusammenhang mit sozialen Beziehungen diskutiert wird, nämlich als Macht, die zum Erreichen einer Sache oder über einen Menschen ausgeübt wird, klingt in der Definition von Macht als Fähigkeit die Vorstellung von Wissen als Befähigung an. Vgl. Torben Bech Dyrberg, The Circular Structure of Power: Politics, Identity, Community, London 1997, S. 88 - 99.
9.
Francis Bacon, Novum Organum (N. O. I), Alph. 3, Hamburg 1990.
10.
Diese Begriffsbestimmung von Wissen erinnert etwa an Ludwig von Mises" (L. v. Mises, Die Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus, Jena 1922, S. 14) soziologische Definition von Eigentum: "Als soziologische Kategorie betrachtet erscheint das Eigentum als das Vermögen, die Verwendung wirtschaftlicher Güter zu bestimmen." Das "Eigentum" an Wissen und damit die Verfügungsgewalt über Wissen ist in der Regel nicht exklusiv. Diese Exklusivität verlangt aber die Rechtslehre als konstitutive Begriffsbestimmung von Eigentum oder der Institution von Eigentum. Das formale Recht kennt, wie bekannt ist, Eigentümer und Besitzer; insbesondere kennt es Individuen, die haben sollten, aber nicht haben. Aus der Sicht des Rechtssystems ist Eigentum unteilbar. Es spielt auch keine Rolle, um welche konkreten materiellen oder immateriellen "Sachen" es sich handelt. Die handlungsrelevante Bedeutung von Wissen liegt ebenfalls primär in der tatsächlichen Fähigkeit, über Wissen als Handlungsvermögen verfügen zu können. Vgl. auch Wolfgang Krohn, Francis Bacon, München - Frankfurt / M. 1988, S. 87 - 89; ders., Wissen ist Macht: Zur Soziogenese "eines'neuzeitlichen wissenschaftlichen Geltungsanspruchs, in: Kurt Bayertz (Hrsg.), Wissenschaftsgeschichte und wissenschaftliche Revolution, Köln 1981, S. 29 - 57.
11.
Karl Mannheim, Ideologie und Utopia, Bonn 1929.
12.
Vgl. auch Max Weber, Wissenschaft als Beruf, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1992 (1919), S. 524 - 579.