APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Nico Stehr

Moderne Wissensgesellschaften

III. Fachwissen schützt nicht vor Machtverlust

Die Entwicklung hin zu zerbrechlichen sozialen Systemen ist offenbar das Ergebnis einer (ungleichgewichtigen) Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten der Akteure in modernen Gesellschaften. Die Macht der großen Institutionen - wie Staat, Kirche und Militär - wird zunehmend unterminiert und abgelöst von den wachsenden Handlungskapazitäten vergleichsweise kleiner Gruppen. So führen technische Entwicklungen beispielsweise dazu, dass die Finanz- oder Wirtschaftsmärkte fragiler werden: Der Zwang der agierenden Organisationen und Personen zu Flexibilität wächst, um sich schnell verändernden Nachfrage- und Angebotskonstellationen anzupassen. Generell können scheinbar so heterogene Phänomene wie die Zunahme der politischen Partizipationschancen, das Anwachsen der "informellen" Wirtschaft, das häufigere Auftreten abweichenden Verhaltens, das Umsichgreifen von Korruption, der Zuwachs der beruflichen Qualifikationen, aber auch das dramatische Wachstum von Geldvermögen als konkrete Belege der erheblich erweiterten Handlungskapazität einzelner Gesellschaftsmitglieder und kleiner Gruppen von Akteuren angesehen werden. Der Begriff der Zerbrechlichkeit als Kennzeichnung dieses Zustands soll signalisieren, dass nicht nur die "Steuerung" der Gesellschaft durch vermeintlich mächtige Institutionen, sondern auch die Vorhersage gesellschaftlicher Entwicklungen ungleich schwieriger geworden ist.

Die Veränderung der Handlungsmöglichkeiten, der Chancen unterschiedlicher gesellschaftlicher Subjekte, etwas in Gang zu setzen bzw. zu be- oder verhindern, ist kein Nullsummenspiel. Es lässt sich beobachten, dass die Ausweitung der Handlungskapazitäten von Individuen und kleinen Gruppen nicht bedeutet, dass etwa der Staat seine traditionellen Handlungsmöglichkeiten einschränken müsste. Dennoch wird seine Interventionsfähigkeit geringer, weil sich die Verbesserung und Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten weitgehend auf einzelne und auf kleine soziale Gruppen beschränkt. Diese werden zu formidablen Widersachern einstmals mächtiger Institutionen. Einerseits haben der Einfluss des Staates und dessen Kontrollmöglichkeiten nicht zugenommen, andererseits aber ist der Handlungsspielraum vieler erheblich angewachsen.