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26.5.2002 | Von:
Nico Stehr

Moderne Wissensgesellschaften

IV. Wissensgesellschaften

Doch welche Ursachen hat diese Verschiebung der sozialen und politischen Gewichte? Worin manifestiert sich diese Entwicklung, und welche Folgen wird sie haben? Diese sozialen Veränderungen - so meine These - sind darauf zurückzuführen, dass die Wissenschaft nicht mehr nur Zugangsmöglichkeit und Schlüssel zum Geheimnis der Welt ist, sondern das Werden einer Welt repräsentiert, in der Wissen in allen Bereichen zunehmend Grundlage und Richtschnur menschlichen Handelns wird.

Wenn Wissen in steigendem Maße nicht nur als konstitutives Merkmal für die moderne Ökonomie und deren Produktionsprozesse und -beziehungen, sondern insgesamt zum Organisationsprinzip und zur Problemquelle der modernen Gesellschaft wird, ist es angebracht, diese Lebensform als Wissensgesellschaft zu bezeichnen. Das heißt nichts anderes, als dass wir uns unsere Wirklichkeit durchweg aufgrund unseres Wissens einrichten. Wissensgesellschaften repräsentieren eine soziale und ökonomische Welt, in der Ereignisse oder Entwicklungen zunehmend "gemacht" werden, die zuvor einfach "stattfanden". So sind etwa demographische Veränderungen keine schicksalhaften Ereignisse mehr - aber sie werden ebensowenig von übermächtigen Institutionen gesteuert oder beherrscht.

Natürlich hat Wissen seit jeher eine Rolle für das menschliche Zusammenleben gespielt; man kann geradezu von einer anthropologischen Konstante sprechen: Alle Beziehungen zwischen Individuen gründen grundsätzlich darauf, dass Menschen etwas voneinander wissen. Aber Herrschaft hat sich niemals nur auf physische Gewalt gestützt, sondern auch auf einen Wissensvorsprung. Schließlich ist die gesellschaftliche Reproduktion nicht nur eine physische, sondern beim Menschen immer auch kulturelle Reproduktion, das heißt eine Reproduktion von Wissen.

In diesem allgemeinen Sinn kann man daher rückblickend eine Reihe vergangener Gesellschaftsformationen sehr wohl als frühe Formen von "Wissensgesellschaften" beschreiben; zum Beispiel die altisraelitische Gesellschaft, die durch das religiös-gesetzliche Torawissen strukturiert wurde, oder die altägyptische, für die das religiös-astronomische und das agrarische Wissen Herrschaftsbasis und Organisationsprinzip war. Dass unsere gegenwärtigen, entwickelten Industriegesellschaften als moderne Wissensgesellschaften bezeichnet werden können, liegt dagegen am unbestreitbaren Vordringen der modernen Wissenschaft und Technik in alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Institutionen.

Wissensgesellschaften sind nicht Ergebnis eines einfachen, eindimensionalen gesellschaftlichen Wandlungsprozesses. Sie entstehen nicht aufgrund eindeutiger Entwicklungsmuster. Obschon neuere Entwicklungen in der Kommunikations- und Transporttechnik dazu beitragen, dass die einstige Distanz zwischen den Menschen schrumpft, bleibt die Isolation zwischen Regionen, Städten und Dörfern immer noch in erheblichem Maße bestehen. Die Welt öffnet sich zwar; Stile, Waren und Personen zirkulieren sehr viel intensiver, aber die Mauern zwischen den Überzeugungen von dem, was heilig ist, bleiben bestehen. Die Bedeutung von Zeit und Ort ändert sich, aber Grenzen werden weiter mit Intensität gefeiert und geachtet. Fasziniert vom Zeitalter der Globalisierung leben wir mit der Obsession von Identität und Ethnizität. Die Tendenz zur globalen "Gleichzeitigkeit" von Ereignissen geht einher mit der Territorialisierung von Sensibilitäten und der Regionalisierung von Konflikten.