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26.5.2002 | Von:
Nico Stehr

Moderne Wissensgesellschaften

V. Herrschaft kraft Wissens

Allerdings hat das Bemühen, die sozialen Funktionen der modernen Wissenschaft und Technik zu verstehen, immer wieder in Sackgassen geführt. Sowohl konservativ als auch liberal geprägte Gesellschaftsanalysen münden in der Regel in düstere kulturkritische Prophezeiungen einer Übermacht und Verselbstständigung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Herrschaft technischer Artefakte ("Krisis der europäischen Wissenschaften"). Zerstört werde - so ist häufig zu hören - nicht nur die Naturhaftigkeit der Menschen, ihr Gefühlsleben, sondern auch ihr intellektuelles Vermögen und ihre Fähigkeit zu freien Willensentscheidungen. Das moderne Geschichtsverständnis betont so eher die Verengung und nicht die Erweiterung der Entwicklungsmöglichkeiten in der modernen Gesellschaft. Die Metaphern und Klischees, die sich mit Technik und Wissenschaft verbinden, sind oft genug Gleichförmigkeit, Gefühllosigkeit, Uniformierung, Ordnungswahn, Anpassung, Nivellierung, Verarmung des Denkens oder gar Unterdrückung (etwa im Sinne eines totalitären Planstaates).

Will man aber das politische, soziale und ökonomische Geschehen der Gegenwart verstehen, muss man sich von solchen Klischees lösen. Denn es sind die rasant wachsenden Handlungsfähigkeiten und nicht etwa deren Verschwinden, welche die Institutionen der Moderne entscheidend verändern, gerade aber auch das Gefühl der Unbeweglichkeit der Gesellschaft fördern. Kollektives Unbehagen und Handlungshemmnisse sind die Kehrseite der individuellen Rastlosigkeit in Wissensgesellschaften. Die Ausweitung der Handlungschancen des Individuums ist nicht unbedingt Schlüssel zu Glück und Zufriedenheit, wie der moderne Tourismus, die Ausweitung der Informationsmöglichkeiten oder des Konsums bestätigen.