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26.5.2002 | Von:
Nico Stehr

Moderne Wissensgesellschaften

VII. Die Zerbrechlichkeit der Gesellschaft

Demgegenüber kann aber gezeigt werden, dass die mit der Expansion von Wissenschaft und Technik angeblich verbundenen und im Endeffekt reglementierenden Bewegungen in Wirklichkeit das genaue Gegenteil einer Einschränkung, Konzentration und Reduktion des sozialen Handelns bewirken. Was vielmehr auffallend zunimmt, ist die erwähnte Zerbrechlichkeit sozialer Strukturen. Moderne Gesellschaften sind Gebilde, die sich vor allem durch "selbst produzierte" Strukturen und eine selbstbestimmte Zukunft auszeichnen - und damit durch die Möglichkeit, sich selbst zu zerstören.

Vermehrte Handlungschancen der Gesellschaftsmitglieder führen nicht notwendig zu einer größeren Fähigkeit, soziales Verhalten effizient zu kontrollieren oder zu manipulieren. Die wachsende Handlungskapazität hat eher entgegengesetzte Folgen: Sie reduziert zum Beispiel die Möglichkeit, die Pläne administrativer Organe durchzusetzen, da sie aus der Sicht der Betroffenen deren Handlungsmöglichkeiten, fast im Sinn des ökonomischen Multiplikators, wesentlich steigert - unter anderem auch die Möglichkeit, Widerstand zu leisten.

Allerdings sind moderne Gesellschaften nicht etwa deshalb politisch und gesellschaftlich zerbrechlich, weil sie liberale Demokratien sind, wie konservative Beobachter oft behaupten, sondern weil sie wissensbasierte Gesellschaften sind. Erst Wissen erhöht das Demokratiepotenzial liberaler Gesellschaften. Indem die Voraussetzungen und Chancen einer effektiven politischen Partizipation vieler wachsen, vermindert sich unter anderem die Fähigkeit des Staates, seinen Willen durchzusetzen.

Man kann zweifellos einen Verlust an Respekt insbesondere vor der staatlich-administrativen Autorität und der Macht der Experten konstatieren. Und dieser Respektverlust macht keineswegs vor dem Wissen Halt. Wie Dorothy Nelkin in einer Studie der konkurrierenden Verwendung von technischem Fachwissen in zwei kontroversen politischen Entscheidungen in den Vereinigten Staaten - es ging darum, einen großen Flughafen auszubauen und ein Atomkraftwerk zu errichten - exemplarisch zeigt, müssen diejenigen, die gegen eine bestimmte Entscheidung opponieren, nicht unbedingt "gleichwertige Beweismittel" vorlegen. In politischen und juristischen Auseinandersetzungen reicht es häufig aus, kritische Fragen an die Experten zu stellen, um das Monopol des Fachwissens zu relativieren oder sogar zu unterminieren. In beiden Kontroversen um die zur politischen Entscheidung anstehenden Pläne waren die in den öffentlichen Anhörungen manifest gewordenen Unsicherheiten und die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Experten über technische Fragen nicht nur Stimulus und Rechtfertigung für die politischen Aktivitäten der Betroffenen - und auch für die dann getroffenen Entscheidungen -, sondern letztlich auch von größerem Gewicht als der Inhalt, an dem sich der Streit entzündet hatte. Die geplante zusätzliche Landebahn des Flughafens wurde nicht gebaut, das Atomkraftwerk nicht errichtet.