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26.5.2002 | Von:
Nico Stehr

Moderne Wissensgesellschaften

VIII. Wissen und Demokratie

Eine Besonderheit der vielschichtigen und oft sehr engagierten Diskussionen über die Rolle des Wissens, der Information und der handwerklich-technischen Fähigkeiten in der modernen Gesellschaft ist ihre Einseitigkeit. Im Vordergrund steht meist die Problematik der Abkopplung des Individuums von Fachwissen und technischer Kompetenz - und damit seine angebliche Rolle als hilfloses Opfer, ausgebeuteter Konsument, entfremdeter Tourist, willenloser Patient, gelangweilter Schüler oder manipulierter Wähler. Ebenso gern befassen sich die Disputanten mit dem "repressiven" Potenzial des wachsenden Wissens und der technischen Artefakte - insbesondere dann, wenn es um die angeblich umfassende soziale Kontrolle durch mächtige kollektive Akteure wie den Staat, eine soziale Klasse, multinationale Unternehmen, die Intellektuellen, den militärisch-industriellen Komplex, die Mafia, die politischen Parteien usw. geht.

Die Prognosen, dass diese mächtigen Akteure sich irreversibel in monopolistischen Machtpositionen festsetzen würden, haben sich jedoch als falsch erwiesen. Die sozialwissenschaftliche Diskussion über die soziale Rolle des Wissens war allzu lange in klassen-, staats-, professions- oder wissenschaftszentrierten Sichtweisen befangen, die fast immer eine unmittelbar bevorstehende Konzentration der Macht in den Händen einer dieser gesellschaftlichen Gruppen befürchteten. Eine illusionslose Bewertung der sozialen Rolle des Wissens muss dagegen zu dem Schluss kommen, dass die Ausweitung des Wissens und damit der Handlungsmöglichkeitn in der modernen Gesellschaft nicht nur unüberschaubare Risiken und Unsicherheiten mit sich gebracht hat, sondern auch ein befreiendes Handlungspotenzial für viele Individuen und soziale Gruppen.

Einer realistischeren Einschätzung der sozialen Rolle des Wissens steht die Selbstverständlichkeit im Wege, mit der dem Wissen die Eigenschaft zugeschrieben wird, bestehende Machtverhältnisse zu zementieren, da Wissensfortschritte ganz natürlich den Mächtigen zuflössen, die sie mit Leichtigkeit monopolisieren könnten, und damit die gesellschaftliche Wirksamkeit traditioneller Wissensformen immer wieder aushöhlten.

Dieses Bild des Wissens als Repressionsinstrument unterschätzt den Einfluss verschiedener Faktoren auf die Wissensproduktion und die Schwierigkeiten bei der Überwindung sozialer und kultureller Grenzen. Genau diese Schwierigkeiten und Interpretationsspielräume sind es, die den Akteuren erhebliche Gestaltungs- und Einflusschancen gegenüber der Expertise, dem Fachwissen und dem Wissen von Autoritäten eröffnen.

Da Wissen immer wieder (re)produziert werden muss und da Akteure es sich immer wieder neu aneignen, ergibt sich die Chance, dem Wissen seinen Stempel aufzudrücken. Der Aneignungsprozess hinterlässt Spuren, in dessen Verlauf Akteure neue kongnitive Fähigkeiten erwerben und bestehende vertiefen. Sie verbessern insgesamt die Effizienz ihres Umgangs mit Wissen, das es ihnen auch ermöglicht, kritisch mit Wissensangeboten umzugehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu realisieren.