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26.5.2002 | Von:
Nico Stehr

Moderne Wissensgesellschaften

IX. Unsicherheiten durch Wissen

Die allgemeine Ausweitung des Wissens bedeutet aber nicht unbedingt, dass jeder Konsument, Patient oder Schüler plötzlich alltägliche Handlungskontexte als transparent, verständlich oder gar beherrschbar verstünde. Die Vermehrung der gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten darf nicht als Ausschaltung von Risiken, Zufall, Willkür und generell von Handlungsmöglichkeiten, über die der Einzelne nur wenig Kontrollmöglichkeiten ausübt, missverstanden werden. Dennoch ist das Gesellschaftsbild der professionellen Pessimisten, dem zufolge nur wenige die sozialen Handlungsbedingungen kontrollieren, weit entfernt von unserer gesellschaftlichen Realität, in der potenziell viele zumindest eine begrenzte Kontrolle über die sie interessierenden Handlungsumstände ausüben.

Die Kehrseite der Emanzipation durch Wissen ist das Risiko des emanzipatorischen Potenzials des Wissens. Die zunehmende gesellschaftliche Verbreitung von Wissen und der damit zusammenhängende Zuwachs an Handlungsoptionen produziert soziale Unsicherheit. Wissenschaft kann keine Wahrheiten (im Sinne von beweisenden Kausalketten oder universellen Gesetzen) liefern, sondern nur mehr oder weniger gut begründete Hypothesen und Wahrscheinlichkeiten. Statt Quelle von gesichertem Wissen und Gewissheit zu sein, ist Wissenschaft damit vor allem Quelle von Ungewissheit und gesellschaftspolitischen Problemen.

Die Zukunft von Wissensgesellschaften, und das heißt auch, von Gesellschaften, die immer weniger aus Fragmenten der Vergangenheit bestehen, wird von zahlreichen Unsicherheiten, unerwarteten Rückwärtsentwicklungen und Überraschungseffekten bestimmt sein. Die zunehmende Zerbrechlichkeit von Wissensgesellschaften wird neuartige moralische Fragen (wie zum Beispiel das Recht auf Unwissen oder das Recht, Fehler zu machen) sowie die Frage nach der politischen Verantwortung für die häufig schon heute konstatierte politische Stagnation aufwerfen.

Wenn Wissen und im Prinzip strittige Erkenntnisse zu dem konstitutiven Merkmal der modernen Gesellschaft werden, kann sich die Produktion, Reproduktion, Verteilung und Realisation von Wissen explizit politischen Auseinandersetzungen nicht mehr entziehen. Eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte wird daher die Frage nach der Überwachung und Kontrolle des Wissens sein. Damit wird die Entwicklung eines neuen Politikfeldes, der Wissenspolitik, einhergehen (müssen). Wissenspolitik kommt dem ungewissen Versuch gleich, das rapide wachsende neue Wissen zu regulieren, zu überwachen und dessen Entwicklung zu beeinflussen. Ob vergangene politische Erfahrungen und Ressourcen die zukünftige Wissenspolitik determinieren können, wird sich erst noch erweisen.