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26.5.2002 | Von:
Meike Gellert

Editorial

Im Mai 2001 ist in Berlin das Kanzleramt eröffnet worden. Von der Öffentlichkeit und der Fachwelt ist der Bau kontrovers diskutiert worden.

Einleitung

Die Kanzleramtseröffnung in Berlin im Mai dieses Jahres ist von der Öffentlichkeit und der Fachwelt kontrovers diskutiert worden. Empfinden die einen den Bau als zu gewaltig und überdimensioniert, loben die anderen die gelungene, den medialen Bedürfnissen unserer Zeit entsprechende Gestaltung. Unumstritten ist eine für die Bundesrepublik neue Art der Präsentation politischer Macht. Im Zusammenhang damit wird die Frage nach der Vergangenheit und der Auseinandersetzung mit dieser wieder aktuell. Der Umgang mit dem architektonischen Erbe Berlins - nicht nur dem nationalsozialistischen - polarisiert die Meinun- gen. Die seit langem geführte Debatte um den Schlossplatz und damit auch um die Zukunft des "Palastes der Republik" macht dies deutlich.

In seinem Essay befasst sich Max Welch Guerra damit, wie sich Parlament und Regierung nach ihrem Umzug am Berliner Spreebogen präsentieren. Er beschreibt die historischen Hintergründe des Ortes und verdeutlicht die Entscheidungsprozesse, die zur Gestaltung des Regierungsviertels geführt haben. Die baulich-räumliche Repräsentation der Regierung sei den Medienbedürfnissen entsprechend realisiert worden. Nach Welch Guerra vollzieht die Republik in Berlin die Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe des Nationalsozialismus, die in Bonn so nie stattgefunden habe.

Auf die Architektur des neuen Kanzleramtes konzentriert Karin Wilhelm den Blick in ihrem Beitrag. Dabei steht weniger die Lage des Gebäudes im Vordergrund als vielmehr der Vergleich zur Repräsentationskultur der "Bonner Republik". Die Autorin sieht beim neuen Kanzleramt nicht das Prinzip der "Demokratie als Bauherr" verwirklicht, wie dies in Bonn der Fall war. Sowohl die Architektur als auch die städtebauliche Gestaltung des "Bandes des Bundes" beziehen sich nach ihrer Ansicht auf Paris.

Wie Welch Guerra ist auch Günter Schlusche der Meinung, dass die Wahl der Standorte von Parlament und Regierung in der neuen/alten Hauptstadt nicht losgelöst von der städtischen Struktur betrachtet werden kann, weshalb er die Gebäude in ihrem historischen Kontext vorstellt. Viele der Neubaupläne, die kurz nach dem Berlin-Beschluss gefasst worden sind, konnten nicht verwirklicht werden. Nach Meinung des Autors, der die hohen architektonischen Erwartungen nicht erfüllt sieht, lautet die Schlussfolgerung: Die Konsequenz des städtebaulichen Wirkens des Bundes sollte lauten: weiterbauen.

Für Hanns-Uve Schwedler ist Berlin eine "zweimalige Stadt", was sich aus ihrer Teilung bis zur Wende erklären lässt, aber nach wie vor Gültigkeit zu haben scheint. Die Entwicklung der Stadtplanung der letzten zehn Jahre habe gezeigt, dass das Zusammenwachsen Berlins schwieriger ist als anfänglich erwartet. Die zahlreichen unterschiedlichen Interessen der beteiligten Politiker und Investoren sowie der entstandenen Bürgerbeteiligungen ließen es fraglich erscheinen, ob jeweils ein Interessenausgleich erlangt werden könne.

Der Beitrag von Robert Kaltenbrunner lenkt den Blick von der Stadtmitte zu den Berliner Randbezirken - Stadträume, die wenig beachtet werden, in denen aber ähnlich rasante Veränderungen vonstatten gehen wie im Zentrum. Was hier entstehe, sei meist bereits bei der Fertigstellung sowohl architektonisch als auch städtebaulich überholt und werde daher kaum in dem gewünschten Umfang angenommen. Nach Kaltenbrunner macht sich in den Randbereichen bemerkbar, was für ganz Berlin gilt: Eine Kultur des Sich-Zeit-Lassens wäre notwendig.