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26.5.2002 | Von:
Karin Wilhelm

"Demokratie als Bauherr"

Überlegungen zum Charakter der Berliner politischen Repräsentationsbauten

Im Jahre 1960 sprach Adolf Arndt über "Demokratie als Bauherr". Seine berühmte Rede stand unter dem Eindruck der ruinierten "Diktatur als Bauherr" in Deutschland.

Einleitung

Eines der beeindruckendsten Erlebnisse, das ich im Umgang mit Räumen hatte, die der Politik dienen, war mein erster Besuch bei dem damaligen Minister für Wissenschaft und Forschung und Vizekanzler der Republik Österreich, Erhard Busek. Er hatte die Gäste in seine unweit der barocken Schlossanlage des Belvedere gelegene Wohnung geladen, die neben privaten offenbar auch offiziöse Funktionen zu erfüllen hatte. Entgegen meinen Erwartungen empfing uns der Minister persönlich an der Türe.

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  • Ich beginne meine Überlegungen zu den neuen Regierungsgebäuden der Bundeshauptstadt Berlin - in deren Zentrum das neue Bundeskanzleramt von Axel Schultes und Charlotte Frank stehen wird - mit dieser kleinen Geschichte, weil sie eine Erfahrung mit den Räumen politischer Entscheidungsträger wiedergibt, die in Deutschland selten und, so vermute ich, derart heute unmöglich geworden ist. Was ich anspreche, zielt auf jene Vorstellung einer bürgerorientierten Demokratie, die darauf setzt, dass die Räume der politischen Macht zwar kontrolliert, aber doch weitgehend ohne Restriktionen den Bürgerinnen und Bürgern eines Staates zugänglich sind. Dass den Volksvertreterinnen und -vertretern, den politischen Funktionsträgern bis in die jeweiligen Ministerialbürokratien hinein heute kaum noch zwanglos begegnet werden kann, ohne mehrere Sperrzonen der Kontrolle räumlich durchqueren zu müssen, gehört nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, aber hier besonders, inzwischen zum "Normalverständnis" im Umgang mit Räumen und Gebäuden, die der Politik vorbehalten sind. Nicht zufällig werden wir Bundesbürger zurzeit mit jener Amerikanisierung der Innenpolitik vertraut gemacht, welche die Videoüberwachung öffentlicher Räume zum Bestand ihrer Staatsautorität erklärt und damit zum Funktionsprogramm einer neuen Urbanität macht.

    Wie immer man diese Überwachungsmentalität und den Politikerschutz heute zu begründen versucht, ob darin die hysterische Atmosphäre der Bundesrepublik in den siebziger Jahren nachwirkt [1] , als die Räume der Öffentlichkeit in der Tat durch Terroranschläge unsicher wurden, oder mit dem derzeit diskutierten Verständnis einer sicheren Demokratie, die das Recht habe, sich gegen Verbrechen aller Art zu schützen - allemal sind die Räume der politischen Repräsentation Bestandteile des politischen Selbstverständnisses einer Gesellschaft, die sich ihrerseits nicht nur in den architektonischen Codes ihrer Staatsbauten, sondern auch in den Regelungen über deren Verfügbarkeit im Kontext des städtischen Lebens wieder erkennen darf.

    Die neuen Regierungsbauten Berlins werden also Gegenstand einer Betrachtung sein, die den Blick nicht nur auf die Oberfläche architektonischer Formationen richten will, also architekturhistorisch argumentiert; vielmehr soll die Aufmerksamkeit dem Kontext dieser Gebäude im weitesten Sinne gelten und deren politische Gebrauchsfähigkeit reflektieren.

    Fußnoten

    1.
    Es sei an dieser Stelle an den nach wie vor lesenswerten Artikel von Norbert Elias erinnert, der Ende 1977 verfasst wurde und unter dem Titel "Gedanken über die Bundesrepublik" im Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 39 (1985) 9/10, S. 733ff, erschienen ist. "Eine der erstaunlichsten und erschreckendsten Erfahrungen, die man heute bei einiger Distanzierung in Westdeutschland macht, ist die enorme Verbitterung und Feindseligkeit, die Teile der Bevölkerung im Verhältnis zu anderen Teilen fühlen."