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26.5.2002 | Von:
Sigrid Graumann

Zur Problematik der Präimplantations-
diagnostik

These 1: Die Präimplantationsdiagnostik ist keine bessere Alternative gegenüber der Pränataldiagnostik

Von ärztlicher Seite wurde die PID als Alternative zur Pränataldiagnostik für so genannte "Risikopaare" vorgeschlagen. Das sind Paare, die meist schon ein Kind mit einer bestimmten genetisch bedingten Krankheit oder Behinderung bekommen haben und statistisch ein "Wiederholungsrisiko" von 25 bis 50 Prozent für jedes weitere gemeinsame Kind tragen. Bisher hatten diese Paare, nachdem ihnen in der humangenetischen Beratung ihr "Risikostatus" erläutert wurde, die Möglichkeit darüber zu entscheiden, gegebenenfalls ein weiteres krankes oder behindertes Kind anzunehmen, auf weitere gemeinsame Kinder zu verzichten oder aber eine Pränataldiagnostik in Anspruch zu nehmen. Letzteres kann für die betroffene Frau den Abruch der Schwangerschaft mit einem eigentlich gewünschten Kind zur Folge haben.

Die PID, so die Befürworter, verfolge dasselbe Ziel und sei für die Frau weniger belastend, weil gegebenenfalls ein Schwangerschaftsabbruch vermieden werden könne. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch die Belastungen, die mit einer PID verbunden sind, für die Frau erheblich sind. Für eine PID muss eine Befruchtung im Labor durchgeführt werden. Das bedeutet, dass eine Frau, die in der Regel auch auf natürlichem Wege schwanger werden könnte, sich für die PID einer In-vitro-Fertilisation (IVF) unterziehen muss.

Im weiblichen Zyklus reift normalerweise nur jeweils eine Eizelle heran. Für die künstliche Befruchtung werden aber mehrere Eizellen benötigt. Deshalb wird die Frau mit einer hohen Hormondosis behandelt, um die gleichzeitige Reifung mehrerer Eizellen herbeizuführen. Die reifen Eizellen werden mit einer Hohlnadel unter Ultraschallkontrolle entnommen und anschließend im Labor mit dem Sperma des zukünftigen Vaters per "ICSI" (Intra Cystoplasmatische Spermieninjektion) befruchtet. Bei dem "ICSI" genannten Verfahren werden die Samenzellen einzeln mit einer feinen Glaspipette in die Eizellen geschleust. Am dritten Tag nach der Befruchtung, wenn die Embryonen ungefähr im 6- bis 10-Zell-Stadium sind, werden ein bis zwei Zellen entnommen und auf das gesuchte genetische Merkmal hin untersucht. Die nicht von dem gesuchten Merkmal betroffenen Embryonen werden in die Gebärmutter der Frau übertragen, die anderen "verworfen".

Die Belastungen für die Frau gehen in erster Linie von der Eizellgewinnung aus. Drei bis fünf Prozent der Frauen bekommen in Folge der Hormonbehandlung ein Hyperstimulationssyndrom. Hierbei handelt es sich um eine im Extremfall lebensbedrohliche Überreaktion auf die Hormone, bei der die Eierstöcke bis zu Orangengröße anschwellen. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf Langzeitfolgen, wie etwa ein erhöhtes Krebsrisiko. Außerdem ist die Eizellpunktion mit Eingriffsrisiken wie vaginalen Blutungen und Darmverletzungen verbunden.

Die Chance, dass eine In-vitro-Fertilisation bzw. ICSI tatsächlich zur Geburt eines Kindes führt, liegt schon bei der Unfruchtbarkeitsbehandlung nur bei 13,6 Prozent (für IVF) bzw. 15,1 Prozent (für ICSI) [2] . Die hohe Rate an Mehrlingsschwangerschaften - das sind 23,1 Prozent Zwillings- und 3,3 Prozent Drillingsgeburten nach IVF - führt zu vermehrten Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen und zu Frühgeburten. Daraus können Gesundheitsschäden bei den Kindern resultieren.

Ein großes Problem ist auch die relative Unzuverlässigkeit der Diagnostik selbst: Die Angaben zur Fehleranfälligkeit der PID sind in der Literatur sehr unterschiedlich (7 bis 36 Prozent). Die "European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE)" (Europäische Gesellschaft für menschliche Fortpflanzung und Embryologie) veröffentlichte kürzlich eine Erhebung der Erfahrungen von 26 Diagnose-Zentren. Demzufolge wurde die PID bei 116 Föten durch eine Fruchtwasseruntersuchung während der Schwangerschaft überprüft. Dabei stellten sich vier Fehldiagnosen heraus. Zwei der Schwangerschaften wurden abgebrochen, zwei Kinder wurden mit der genetischen "Schädigung" geboren [3] . Diese Zahlen machen deutlich, dass die Sicherheit, mit der durch PID ein Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik oder die Geburt eines kranken Kindes tatsächlich verhindert werden kann, nicht besonders hoch ist. Folglich empfiehlt die ESHRE immer nach einer PID zur Kontrolle eine Pränataldiagnostik.

Auch wenn die PID im Vergleich mit der Pränataldiagnostik für manche Paare die bessere Alternative zu sein scheint, weil ein möglicher Schwangerschaftsabbruch vermieden werden kann, muss festgehalten werden, dass diese nicht mehr und nicht weniger als eine Präferenz zwischen zwei problematischen Optionen darstellt. Unter Berücksichtigung der Gesundheitsrisiken für die Frau und ihr zukünftiges Kind sowie der Unzuverlässigkeit der Diagnostik kann die PID objektiv kaum als "bessere Alternative" gelten. Beide Methoden, die Pränataldiagnostik und die PID, sind psychisch und körperlich hochbelastend für die Frau.

Fußnoten

2.
Angabe der Anzahl der Geburten/Anzahl der durchgeführten Behandlungen nach dem Deutschen IVF Register 1999.
3.
ESHRE Preimplantation Genetic Diagnosis (PGD) Consortium: data collection II (May 2000).