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26.5.2002 | Von:
Sigrid Graumann

Zur Problematik der Präimplantations-
diagnostik

These 3: Es gibt kein Recht auf Erfüllung des Kinderwunsches mit medizinisch-technischer Hilfe

Die PID ist ein Verfahren, das dazu dienen soll, den Kinderwunsch von Risikopaaren zu erfüllen. Einer der wichtigen Punkte der ethischen Diskussion über die PID ist, ob die zukünftigen Eltern ein Recht darauf haben, dass ihnen dieses Verfahren zur Erfüllung ihres Kinderwunsches auch in Deutschland zur Verfügung steht. Diese Frage wurde vor allem dahingehend diskutiert, ob es ein Recht auf ein eigenes gesundes Kind gibt, das gegenüber der Gesellschaft geltend gemacht werden kann, bzw. ob das Recht auf Selbstbestimmung, was die Fortpflanzung angeht, einen solchen Anspruch rechtfertigt.

Das Recht auf Selbstbestimmung über die Fortpflanzung spielte erstmals in der Debatte über die gesetzliche Regulierung des Schwangerschaftsabbruchs sowie in der Debatte über die Legitimität von Bevölkerungskontollprogrammen in armen, bevölkerungsreichen Ländern eine Rolle. In diesen Diskussionen wurde es vor allem von frauenpolitischer Seite gegen staatliche Eingriffe in die Lebens- und Familienplanung vorgebracht. Danach hat der Staat kein Recht, Menschen an der Fortpflanzung zu hindern oder aber Frauen gegen ihren Willen zum Austragen eines Kindes zu zwingen. Solche Positionen beziehen sich auf die Rechte der Frau auf Selbstbestimmung und körperliche Integrität. Sie müssen als Abwehrrechte gegen staatliche Eingriffe in einen derart sensiblen Lebensbereich, wie es Sexualität und Fortpflanzung sind, verstanden werden.

Die Schwangerschaft ist eine einzigartige leibliche Fürsorgebeziehung der Frau mit ihrem entstehenden Kind, die im Gegensatz zu allen anderen Fürsorgebeziehungen von keinem anderen Menschen ersetzt werden kann. In der Diskussion über die rechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs hat sich daher die Einsicht durchgesetzt, dass der Embryo oder Fötus mit strafrechtlichen Mitteln nur geschützt werden kann, indem die Rechte der Frau verletzt werden. Stattdessen sollten die gesellschaftlichen Bedingungen dahingehend verändert werden, dass es Frauen erleichtert wird, eine ungewollt eingetretene Schwangerschaft auszutragen. Das Beratungsgesetz und das Recht auf einen Kindergartenplatz waren die politischen Konsequenzen dieser Diskussion. Im Gegensatz zu den genannten Abwehrrechten der Frau im Fall eines Schwangerschaftskonflikts wäre ein Recht auf ein eigenes gesundes Kind, das mit medizinisch-technischer Hilfe eingelöst werden könnte, aber ein Anspruchsrecht, das gegenüber der Gesellschaft gelten zu machen wäre.

Nun muss Elternschaft als Beziehung zwischen potenziell freien Menschen verstanden werden. Ganz unbestritten gibt es ein Recht darauf, am Eingehen solch familiärer Beziehungen nicht gehindert zu werden. Heirats- oder Fortpflanzungsverbote sind daher ganz klar als Unrecht zu beurteilen. Es gibt jedoch kein Recht auf institutionelle Unterstützung zur Herbeiführung von familiären Beziehungen. Im Fall des Adoptionsrechts beispielsweise können adoptionswillige Eltern kein Recht auf ein eigenes Kind geltend machen. Im Mittelpunkt steht hier alleine das Wohlergehen des Kindes. Ein Anspruchsrecht auf ein eigenes Kind gibt es also nicht, auch wenn dem Kinderwunsch von Paaren zweifellos eine sehr hohe Priorität beigemessen werden muss. Dies gilt zunächst einmal ganz allgemein für die Fortpflanzungsmedizin.

Darüber hinaus müsste für die PID ein Recht auf ein gesundes Kind gelten gemacht werden können, was noch weniger begründbar ist. Das zukünftige Kind selbst hat das Recht, nicht geschädigt zu werden. Die Eltern haben aber kein Recht darauf, dass mit fortpflanzungsmedizinischen Maßnahme eine Schwangerschaft mit einem nicht "geschädigten" Embryo herbeigeführt wird. Außerdem könnte ein solches Recht schon deshalb nicht eingelöst werden, weil die meisten Behinderungen von Kindern nicht genetisch bedingt sind, sondern während der Schwangerschaft, der Geburt oder danach entstehen. Bei der In-vitro-Fertilisation und damit auch bei der PID ist durch die hohe Mehrlingsrate das Risiko einer Schädigung durch Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen so-gar noch höher.