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26.5.2002 | Von:
Sigrid Graumann

Zur Problematik der Präimplantations-
diagnostik

These 4: Eine relative Schutzwürdigkeit menschlicher Embryonen ist nicht plausibel begründbar

Der zweite Aspekt in der ethischen Diskussion über die PID ist der moralische Statuts, der dem menschlichen Embryo zukommt. In der internationalen Ethikdiskussion wird diese Frage seit vielen Jahren diskutiert, ohne dass sich die konträren Positionen aufeinander zu bewegt hätten.

Die konsequente Lebensschutzposition geht da-von aus, dass einem Embryo von der Befruchtung an derselbe moralische Status zukommt wie allen anderen Menschen. Mit Kant wird diese Position folgendermaßen begründet: Die Würde des Menschen ist in der Vernunftfähigkeit bzw. Autonomiefähigkeit und damit Moralfähigkeit des Menschen begründet. Diese Eigenschaft bezieht sich nicht etwa auf den jeweils einzelnen Menschen, sondern auf den Menschen als Menschen. Sie zeichnet nicht einen Menschen vor einem anderen Menschen aus, sondern sie begründet die Sonderstellung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen. Die Menschenwürde kommt folglich dem Menschen als Menschen unabhängig von seinem Entwicklungsstand und unabhängig von seinen aktuellen Fähigkeiten zu. Die Unteilbarkeit der Menschenwürde folgt daraus.

Die Gegenposition hierzu setzt voraus, dass die Menschenwürde teilbar ist. Sie macht den moralischen Status eines einzelnen Menschen von empirischen Eigenschaften wie Leidensfähigkeit, Selbstbewusstsein, Rationalität oder Handlungsfähigkeit abhängig. Allerdings sind derartige Kriterien zur Zuschreibung der Menschenwürde - sofern hier überhaupt noch von Menschenwürde gesprochen wird - immer mehr oder weniger willkürlich und führen darüber hinaus zu moralisch ausgesprochen fragwürdigen Konsequenzen. Nicht nur Embryonen, sondern auch allen anderen Menschen, denen das jeweilige Kriterium nicht entspricht, etwa Säuglingen, schwer geistig Behinderten, komatösen oder dementen Menschen, könnte keine Menschenwürde zugesprochen werden.

In letzter Zeit wird häufig eine dritte, sich als vermittelnd verstehende Position vertreten, nach der die Menschenwürde mit der Entwicklung des Menschen kontinuierlich oder graduell zunimmt. Diese Position mag für viele intuitiv plausibel erscheinen, sie müsste aber aufzeigen können, wie ein "Mehr oder Weniger" an Menschenwürde zu begründen ist. Auch hierfür sind empirische Kriterien notwendig, die wiederum das Stigma der Willkür tragen. Außerdem stellt sich hier ebenfalls das Problem, dass auch anderen Menschen ein "Mehr oder Weniger" an Menschenwürde zugesprochen werden könnte.

Ohne dass hier eine eindeutige Lösung der Kontroverse über den moralischen Status menschlicher Embryonen angeboten wird - verfassungsrechtlich ist die konsequente Lebensschutzposition m. E. für die Politik ohnehin bindend -, verdeutlichen die kursorischen Ausführungen, dass auf die Unteilbarkeit der Menschenwürde nicht begründet verzichtet werden kann. Genauso wenig ist die Menschenwürde etwas, was erst mit der Zeit erworben wird und auch wieder verloren gehen kann. Sollte sich dessen ungeachtet die Möglichkeit einer bedingten oder abgestuften Zuschreibung der Menschenwürde gesellschaftlich und politisch durchsetzen, ist eine grundlegende Veränderung des Selbstverständnisses des Menschen zu befürchten. Darauf ist auch das große Engagement der Behindertenverbände in dieser Frage zurückzuführen.

Es stellt sich die hier noch nicht beantwortete Frage, welche Schutzkonzepte im Umgang mit menschlichen Embryonen angemessen sind. Bei geborenen Menschen sind es die Individualrechte, wie das Recht auf Selbstbestimmung, das Recht auf Leben und das Recht auf körperliche und psychische Integrität, die sich aus der Menschenwürde ableiten und die unbedingt zu achten sind. Nun ist die Begründung von Individualrechten im engeren Sinne im Fall von Embryonen schwierig. Embryonen können ja - mit der Ausnahme der ersten Tage ihrer Entwicklung, sofern sie im Labor gezeugt wurden - nicht individuell, sondern nur in engster leiblicher Beziehung mit einer Frau existieren, die nicht von anderen Menschen ersetzt werden kann. Dies ändert allerdings nichts am moralischen Status des Embryos, sondern lediglich an der Angemessenheit des Schutzkonzeptes. Nur dann, wenn ein Konflikt mit den Individualrechten einer anderen Person auftritt, der nicht auf anderem Wege abgewendet werden kann, muss der Schutzwürdigkeit von menschlichen Embryonen praktisch ein geringeres Gewicht beigemessen werden. Das kann ausschließlich bei einer bestehenden Schwangerschaft der Fall sein. Im Fall der PID aber steht kein unveräußerliches Recht des Paares auf dem Spiel.