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26.5.2002 | Von:
Sigrid Graumann

Zur Problematik der Präimplantations-
diagnostik

These 5: Ein Bewertungswiderspruch zwischen der Pränataldiagnostik und der Präimplantationsdiagnostik besteht nicht

Nun wird in der Diskussion über die PID immer wieder angeführt, es bestünde ein Bewertungswiderspruch darin, dass ein Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik zulässig sei, die PID aber nicht. Paare, die ein hohes "Risiko" tragen, ein behindertes Kind zu bekommen, würden quasi dazu genötigt, erst eine Schwangerschaft einzugehen, um diese dann gegebenenfalls nach einer Pränataldiagnostik abzubrechen. Warum sollte es dann nicht auch möglich sein, dass der Gentest an einem im Labor gezeugten Embryo vorgenommen und eine Schwangerschaft mit einem "betroffenen" Embryo erst gar nicht "riskiert" wird?

Mit dieser Argumentation wird zum einen stillschweigend unterstellt, dass die Praxis der Pränataldiagnostik ethisch unproblematisch sei und zum anderen, dass die Entscheidungssituation bei einer Pränataldiagnostik und bei einer PID vergleichbar sei. Beides ist aber nicht der Fall.

Als die Pränataldiagnostik in der medizinischen Praxis etabliert wurde, geschah das mit der Begründung, dass diese in erster Linie dazu diene, Schwangerschaftsabbrüche zu verhindern. Wenn Frauen schwanger würden, die ein hohes "Risiko" für ein behindertes Kind tragen, würden sie die Schwangerschaft häufig aus Angst vor der auf sie zukommenden Belastung abbrechen. In vielen Fällen könne dann mit Hilfe einer Pränataldiagnostik herausgefunden werden, dass das Kind gesund sein wird. Viele Schwangerschaftsabbrüche wären so vermeidbar.

Folgt man dem oben genannten "Nötigungsargument", scheint sich eine Praxis etabliert zu haben, in der "Risikopaare" von Ärzten dahingehend beraten werden, Schwangerschaften gezielt auf Probe einzugehen, um sie gegebenenfalls nach einer Pränataldiagnostik abzubrechen. Sofern dies zutrifft, sollte das in erster Linie Anlass für eine ethische und rechtliche Überprüfung der Praxis der Pränataldiagnostik, nicht aber für die Legitimierung der PID als vermeintlich kleineres Übel sein.

Nachdem einer Frau ein auffälliger Befund einer Pränataldiagnostik mitgeteilt wurde, besteht für sie unter Umständen ein Schwangerschaftskonflikt. Wenn die Rechte der Frau auf Selbstbestimmung und körperliche Integrität nicht verletzt werden sollen, muss ihr allein die Entscheidung über Fortsetzung und Abbruch der Schwangerschaft überlassen werden. So sieht es auch der Gesetzgeber, der den Schwangerschaftsabbruch in einem solchen Fall straffrei stellt.

Bei der PID liegt zum Zeitpunkt der Entscheidung eine vollkommen andere Situation vor, die für die ethische Bewertung von entscheidender Bedeutung ist. Die Entscheidung über die Inanspruchnahme der PID und damit über die Selektion von Embryonen findet zu einem Zeitpunkt statt, zu dem die Frau noch nicht schwanger ist. Die PID hat von vorn herein das Ziel, eine genetische Selektion zwischen mehreren im Labor gezeugten Embryonen durchzuführen, von denen dann einige "verworfen" werden. Deshalb muss bei der PID schon die Zeugung der Embryonen im Labor gerechtfertigt werden können.

Die körperliche Integrität der Frau ist bei einer PID anders als im Fall eines Schwangerschaftskonflikts unberührt. Es besteht keine unausweichliche Konfliktsituation. Das Paar hat Handlungsalternativen wie den Verzicht auf leibliche Kinder, ein Kind in Pflege zu nehmen oder zu adoptieren. Die hohe Präferenz, die der Wunsch nach einem eigenen gesunden Kind für die betroffenen Paare hat, soll damit nicht in Frage gestellt werden. Mit dem existenziellen Erleben eines Schwangerschaftskonflikts für die Frau ist dies dennoch nicht vergleichbar.

Die beiden in diesem Zusammenhang meistgenannten Argumente, dass die PID einem antizipierten Schwangerschaftskonflikt entspräche und dass eine Frau nicht zum Transfer von Embryonen gezwungen werden könne, sind daher nicht stichhaltig. Eine solche moralische Konfliktsituation würde durch die PID erst gezielt herbeigeführt. Die PID kann aber nicht mit der Lösung eines Konfliktes legitimiert werden, der erst durch ihre Anwendung eintritt.