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26.5.2002 | Von:
Sigrid Graumann

Zur Problematik der Präimplantations-
diagnostik

These 8: Mit der Präimplantationsdiagnostik würden neue Entscheidungszwänge für werdende Eltern entstehen

Zwischen individuellen Entscheidungen werdender Eltern gegen ein krankes oder behindertes Kind und gesellschaftlichen "Lebenswertzuschreibungen" besteht ein enger Zusammenhang. Die Erfahrungen mit der Pränataldiagnostik zeigen, dass individuelle Entscheidungen zu ihrer Inanspruchnahme internalisierte gesellschaftliche "Le-benswertzuschreibungen" ausdrücken oder sogar unter direktem Druck des sozialen Umfelds zustande kommen. Gleichzeitig wirken derartige individuelle Entscheidungen auf die Entwicklung gesellschaftlicher Wertvorstellungen zurück. Dieses Phänomen wird häufig als "freiwillige Eugenik" bezeichnet. Das bedeutet, dass durch die PID für werdende Eltern nicht nur neue Handlungsspielräume, sondern gleichzeitig auch neue Handlungszwänge entstehen.

Im Gegensatz zur Pränataldiagnostik ist die PID mit einer neuen Qualität der Selektion von Embryonen nach genetischen Kriterien verbunden. Während bei der Pränataldiagnostik das Schicksal eines bestimmten Fötus, mit dem die betroffene Frau schwanger ist, zur Disposition steht, ermöglicht die PID, unter mehreren Embryonen diejenigen auszuwählen, für die der Wunsch besteht, eine Schwangerschaft einzugehen. Es könnten mit zunehmendem Wissen um genetische Veranlagungen diejenigen ausgewählt werden, die den Vorstellungen der Eltern am ehesten entsprechen. Der französische Fortpflanzungsmedizinier Jacques Testard vertritt deshalb die These, dass durch die PID erstmals eine positive Eugenik effektiv möglich wäre. Der Perfektionsdruck auf werdende Eltern, was ihr zukünftiges Kind betrifft, könnte durch die PID eine neue Qualität bekommen.