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26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

VIII. Der Prager Frühling und die DDR

Das Modell eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz hatte streng genommen mit den an China oder Kuba orientierten Vorstellungen der radikalen Westlinken wenig zu tun. In der Tat knüpften die ideologischen Vorstellungen der Reformkommunisten eher an traditionelle sozialdemokratische Denkmuster an. In diesem einen Punkt traf die Hetze der SED wohl den Kern der Sache.

In den Augen vieler DDR-Bürger waren dies aber nur ideologische Haarspaltereien. Im Frühling 1968 trafen in der DDR zwei Strömungen des Zeitgeistes aufeinander, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen und die historisch in unterschiedliche Richtungen wiesen, dennoch aber eine kaum zu trennende Einheit bildeten. Viele Menschen wünschten sich mehr Freizügigkeit und Wohlstand. Ihre Sympathien mit dem neuen Mann in Prag waren nicht das Ergebnis ideologiekritischer Debatten, sondern resultierten aus einer neugewonnenen Hoffnung auf positive Veränderung. Natürlich gab es in der DDR junge Leute, die nächtelang über Marx und Marcuse stritten. Doch für die meisten Ostdeutschen ging es zunächst um ein wenig mehr Luft zum Atmen, ein bisschen mehr Farbe im realsozialistischen Alltag. Dies schien das sozialistische Bruderland nun wenigstens ansatzweise zu bieten. Obwohl Reisen in die CSSR immer noch aufwendige Formalitäten erforderten und nur wenige tschechische Kronen umgetauscht werden konnten, wurde Prag in jenem Sommer zum Mekka der DDR-Bevölkerung.

Jeder holte sich im Nachbarland, was er gerne mochte. Dort konnte man die begehrten Schallplatten mit Beat-Musik und Jazz kaufen. In den Kinos liefen in Originalfassung die neuesten Filme aus den USA. An den Kiosken gab es westliche Zeitungen und Zeitschriften. In Prag und anderswo konnte man ohne amtliche Formalitäten ein Zimmer mieten oder in einem Studentenheim unterkommen, was in der DDR undenkbar gewesen wäre. Man konnte auf der Straße sitzen, ohne von erziehungswütigen Volkspolizisten behelligt zu werden. Die Theater, Konzerte und Kunstausstellungen in der tschechoslowakischen Hauptstadt waren legendär. Die DDR-Behörden erreichten mit ihren finanziellen Restriktionen genau das Gegenteil der erstrebten Wirkung. Da sich die Reisenden kein Hotel leisten konnten, waren sie auf die Kontakte zu Gastgebern angewiesen - kamen daher viel enger mit der Lebenswirklichkeit des Gastlandes in Berührung als normale Touristen. Von den politischen Bedrohungen war in jenem Sommer nicht viel zu spüren. Die tschechoslowakischen Freunde lachten, wenn sie gefragt wurden, wo sich die Konterrevolution versteckt hielte. Kaum jemand glaubte, dass sich das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen ließe.

Wenn der Zug diesseits der Grenze in Bad Schandau oder Zinnwald hielt, wussten die Leute, dass sie wieder zu Hause waren. Voller bösartiger Gehässigkeit filzten die DDR-Zöllner die Heimkehrer aus der CSSR. Sie beschlagnahmten Schallplatten, deutschsprachige Druckschriften und Bilder jeglicher Art. Das betraf nicht nur westliche Publikationen und antiquarische Bücher, sondern insbesondere die deutschsprachigen Informationen der Nachrichtenagentur CTK und die "Prager Volkszeitung". Auch die Sicherheitsorgane registrierten die "verstärkte Einfuhr" von tschechoslowakischen, österreichischen und westdeutschen Zeitungen und Zeitschriften [30] . In einem Bericht an Erich Honecker wurde sogar behauptet, tschechoslowakische Studenten würden das "Prager Volksblatt" an DDR-Bürger verteilen. Wer sich unterstand, gegenüber den Zollorganen darauf zu verweisen, dass es sich um offizielle Verlautbarungen der kommunistischen Bruderpartei handele, konnte sich auf längere "Kontrollen" einstellen. "Während der überwiegende Teil der Bürger die formlose Einziehung deutschsprachiger Literatur . . . anerkennt, führen in Einzelfällen andere DDR-Bürger längere Diskussionen dazu." [31] Zwei Studenten der Universität Rostock wehrten sich im Grenzzollamt Zinnwald gegen die willkürliche Einziehung der Druckschriften und meinten: "Für sie sei es notwendig, dass sie zur freien Meinungsbildung die Zeitungen der CSSR und Westdeutschlands benötigen." Einer der beiden, der sich zudem als Mitglied der SED offenbarte, meinte sogar: "Er bekenne sich zu dem ,revolutionären' Verhalten der Studenten in der CSSR, . . . Durch das Verhalten der Prager Studenten . . . sei der gesamte Prozess der Demokratisierung ins Rollen gekommen." [32] Ein zusammenfassender Bericht über den Vorfall wurde parallel an das Politbüromitglied Albert Norden gegeben [33] . Offenbar war der Apparat auf das höchste alarmiert. Der Leiter der Zollverwaltung der DDR verfertigte einige Tage später einen ausführlichen Bericht an die Abteilung Sicherheit im ZK der SED [34] . Fünf Tendenzen bereiteten den Organen der DDR große Sorgen: die zunehmende Zahl von Treffen zwischen DDR-Bürgern und Westdeutschen bzw. Westberlinern, die teilweise zufälligen Charakter trugen, teilweise geplant waren; die steigende Zahl von Versuchen, über die Tschechoslowakei in den Westen zu fliehen; drittens die Ausstellung von Internationalen Studentenausweisen durch den Internationalen Studentenbund, der seinen Sitz in Prag hatte; viertens die Teilnahme an Beat-Veranstaltungen und schließlich die Einfuhr von Druckerzeugnissen.

Ein Jugendlicher meinte angesichts der Beschlagnahmung seiner Zeitschriften: "Was kann man in der DDR überhaupt für Zeitungen lesen. Bei Euch ist wohl nur das ,Neue Deutschland' erwünscht. Das ,ND' nehmen wir zum Arschabwischen." Der Bürger wurde laut MfS-Bericht der Polizei übergeben [35] .

Von nun an wurden wöchentlich solche Berichte verfertigt, die eine steigende Zahl von derartigen Vorkommnissen registrierten. Die SED-Führung versuchte, die Reisen ins Nachbarland wenigstens zu reduzieren. "Ich habe mich über die Lage in der Touristik mit der Tschechoslowakei informiert", schrieb Albert Norden an Walter Ulbricht. "Tatsächlich sieht es so aus, dass im Monat Juni von uns 244 000 Touristen in die CSSR fuhren und 214 000 von der CSSR in die DDR kamen. In der ersten Juli-Hälfte sind von uns 154 000 Bürger in die CSSR gefahren und von dort 90 000 zu uns gekommen. Es stellte sich heraus, dass von unseren Touristenagenturen eine sehr breite Werbung gemacht wurde, weil man mittels der Touristik in die CSSR einen Teil unserer Verschuldung gegenüber Prag abbaut. Natürlich können diese Gesichtspunkte angesichts der jetzigen politischen Situation nicht mehr gelten, und ich habe Anweisung gegeben, dass die Werbung für Touristen nach der Tschechoslowakei und von dort per sofort eingestellt wird." [36]

Auch das Tschechoslowakische Kulturzentrum am Bahnhof Friedrichstraße war den ideologischen Tugendwächtern der SED ein Dorn im Auge. Dies hatte eine längere Vorgeschichte. Die Filmabende, Kunstausstellungen und Schriftstellerlesungen missfielen den Kulturbehörden der DDR bereits seit einigen Jahren, zumal dort auch DDR-Künstler wie Wolf Biermann aufgetreten waren. Im Frühjahr 1968 aber wurde das CSSR-Kulturzentrum zu einem der offenen Fenster in der geschlossenen Gesellschaft der DDR, durch die wenigstens ein leiser Luftzug wehte.

Auch lag dort seit dem 8. Mai 1968 zum Ärger der DDR-Obrigkeit die "Prager Volkszeitung" mit dem neuen Aktionsprogramm der KPC aus und konnte von den Besuchern mitgenommen werden [37] . In dem bisher recht farblosen Blatt der deutschsprachigen Minderheit der Tschechoslowakei konnte das DDR-Publikum seit dem Januar 1968 erstaunliche Dinge lesen. Auf Kurt Hagers Äußerungen während der Karl-Marx-Konferenz erfolgte eine ironisch formulierte Einladung, nach Prag zu kommen, um sich an Ort und Stelle über die Vorgänge zu informieren [38] . Dies war nicht der Stil, in dem in der DDR mit Mitgliedern des Politbüros gesprochen wurde. In der Nummer vom 31. Mai 1968 erfolgte sogar ein Abdruck des Liedes "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke" von Wolf Biermann [39] . Dieses Heft erreichte die 900 Abonnenten in der DDR nicht mehr. Die Auslieferung des Blattes wurde vom Postzeitungsvertrieb untersagt. Die einzige Bezugsquelle war nun das Kulturzentrum in der Friedrichstraße, wo die Volkszeitung trotz mehrfacher Interventionen des Außenministeriums der DDR weiter auslag.

Der Einfluss der antiautoritären Revolte auf die DDR war eher kulturell als direkt ideologisch oder gar politisch im engeren Sinne. Zeugnisse eines direkten Nachahmungseffektes sind in den Akten eher selten. Dennoch ist deutlich, dass manche DDR-Studenten, von der westlichen Protestkultur beeindruckt, ähnliche Aktionen auch bei sich zu Hause beginnen wollten. In einem Informationsbericht des MfS vom Mai 1968 wird von einer "so genannten Demokratisierungswelle" unter den Jura-Studenten der Humboldt-Universität gesprochen [40] . Dann wird die Meinung zitiert: "Wir können ja auch unsere Meinung durch Protestdemonstrationen mit Schildern und Plakaten usw. zum Ausdruck bringen." [41] Weiter heißt es in dem Bericht: "Man verweist in den Diskussionen auf die Studenten-Demonstrationen in der CSSR, Westdeutschland, Polen und Frankreich." Laut MfS-Bericht waren DDR-Studenten der Meinung, "dass man sich auch bei uns Rechte und Freiheiten erkämpfen sollte. Durch die Ereignisse in der CSSR hegen sie große Hoffnungen. Sie sehen für sich in der Bildung einer unabhängigen Jugendorganisation eine Möglichkeit, ihre Ziele, die sie auch marxistisch nennen, zu verwirklichen. Alle auftretenden bzw. aufgetretenen Mängel an der Universität liegen nach ihrer Meinung im System unseres Staates begründet" [42] .

Anlass zur Klage gab es im Studentenalltag genug. Ein Student vertrat laut Stasi-Bericht die Meinung, "er würde sofort gegen das schlechte Mensa-Essen demonstrieren" [43] .

In den Stasi-Zentralen erinnerte man sich zu diesem Zeitpunkt gewiss daran, dass die Protestbewegung der Prager Studenten im Oktober 1967 mit einer Kerzendemonstration gegen die Stromausfälle in einem Studentenwohnheim begonnen hatte.

Differenziertere Gedanken machten sich Mitglieder der Evangelischen Studentengemeinde in Berlin, wo in Diskussionsveranstaltungen auch Gastredner aus der Tschechoslowakei auftraten [44] . "Krawalle, wie sie von den Studenten in der VR Polen organisiert wurden, seien an der Humboldt-Universität nicht möglich, da einerseits hierfür nicht die geeignete Situation vorhanden sei und andererseits ein derartiges Vorgehen sofort eine Konfrontation mit der Staatsmacht zur Folge hätte. Man müsse deshalb den Weg gehen, wie er in der CSSR beschritten wurde. Dabei dürfe man nicht sofort voll gegen die SED auftreten, sondern muss mit der Partei gehen und ihr eine Fehlerdiskussion aufzwingen, die zu Auseinandersetzungen in der Parteiführung führen würde." [45]

Auch Steigerwald sieht in seinem Buch über Marcuse den Zusammenhang zwischen der westlichen Studentenrebellion und dem Prager Frühling: "Die Auseinandersetzungen mit der Rechtsabweichung im internationalen Kommunismus, die vor allem durch die Ereignisse in der CSSR vorangetrieben werden muss, wird auch zum verstärkten Kampf gegen antisowjetische Auffassungen in linksliberalen und linksbürgerlichen Kreisen führen müssen, die auf der Grundlage abstrakter Freiheitslosungen reaktiviert werden. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Ansichten eines linksbürgerlichen ,dritten' Weges zwischen Bourgeoisie und Proletariat stärkere Belebung erfahren." [46]

Fußnoten

30.
MdI, Informationsgruppe Stab des MdI, 5. Informationsbericht vom 5.8.1968, Anlage: Information an E. Honecker vom 6. 8. 1968 über Stimmungen unter unserer Grenzbevölkerung an der Grenze zur CSSR.
31.
MdI, Kopie eines Schreibens Borning (Abt. Sicherheitsfragen des ZK der SED) an Hörnig (Abteilung Wissenschaft des ZK der SED) vom 16.7.1968.
32.
Ebd.
33.
MdI, Kopie eines Schreibens Borning (Abt. Sicherheitsfragen des ZK der SED) an Prof. Albert Norden (Politbüro) vom 16.7.1968.
34.
Zollchefinspektor Stauch (Ltr. Zollverwaltung der Deutschen Demokratischen Republik) an Abt. für Sicherheitsfragen des ZK der SED, Wocheninformation zu Feststellungen im grenzüberschreitenden Verkehr über die Staatsgrenze Süd vom 18.7.1969, Berichtszeitraum: 8.7.-14.7.1968, 7 Bl.
35.
Ebd., Bl. 4.
36.
SAPMO-BArch, IPA, DY 30, NL 2/31, Nachlass Walter Ulbricht, Schreiben Albert Nordens an Walter Ulbricht vom 26.7.1968, 2 Bl., Zitat Bl. 1.
37.
MfS, ZAIG, Z 1493, Einzel-Information 511/68 vom 9. 5. 1968 über die Verbreitung des Aktionsprogramms der KPE im Haus der Tschechoslowakischen Kultur in Berlin, Friedrichstraße, 2 Bl.
38.
Prager Volkszeitung vom 29.3.1968.
39.
Prager Volkszeitung vom 31.5.1968.
40.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1140/1, Stadtarchiv Berlin, Einzel-Information 29/68 vom 25.5.1968, 3 Bl.
41.
Ebd., Bl. 1.
42.
MfS (Anm. 40), Bl. 2.
43.
Ebd., Bl. 2.
44.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1140/2, Stadtarchiv Berlin, Einzel-Information 48/68 vom 24.7.1968, 3 Bl.
45.
Ebd., Bl. 1.
46.
R. Steigerwald (Anm. 23), S. 9.