Afrika Bambaataa - Konzert in London

23.2.2018 | Von:
Marc Dietrich

Rap als Forschungsgegenstand

Forschungsdesiderate und -perspektiven

Entlang der skizzierten Kategorien untersucht die HipHop-Forschung in den USA und Deutschland HipHop-spezifische, soziokulturell bedeutsame Konstruktionen und Aushandlungen und konzentriert sich dabei immer auch auf die kritische Kommentierung und Einordnung der Art und Weise, wie diese Themen in gesellschaftlichen (Medien-)Debatten verhandelt werden. Damit ist die Analyse von HipHop, wo dieser nicht allein auf ästhetische Qualitäten befragt und innerhalb literarischer Traditionen verortet wird, immer auch Gesellschafts- und Kulturanalyse. Trotz mittlerweile jahrzehntelanger Forschung sind aber noch immer Themen identifizierbar, die ungenügend erforscht sind.

Als ziemlich unterforscht kann beispielsweise nach wie vor die HipHop-Musikindustrie gelten. Eine HipHop-Kulturgeschichte unter ökonomischen Vorzeichen zu schreiben, wie dies der Journalist Dan Charnas für den amerikanischen Raum geleistet hat,[43] böte die Chance, das wirtschaftliche Setting, in dem die Kultur sich entwickelt (hat), besser zu verstehen. Ein umfassendes Verständnis der HipHop-kulturellen Etablierung in Deutschland kann nicht erfolgen, wenn ausschließlich soziale und kulturelle Faktoren behandelt werden. So ist der im HipHop stark verankerte Gedanke des Do-it-yourself auch wirtschaftlich konnotiert. Denn die Idee, aus den eigenen Ressourcen heraus Kunst, aber auch Geld zu machen, ist kein Spezifikum des US-amerikanischen HipHop, bei dem die Selbstinszenierung von Anfang an stark mit Entrepreneurship assoziiert war: Die gesamte HipHop-Geschichte ist geprägt von der Figur des selbstständigen Unternehmers, die sich auch symbolisch in den Texten mittels Figuren wie dem Hustler, dem Geschäftsmann oder auch dem Ticker beziehungsweise Dealer artikuliert.

Vor dem Hintergrund dieses Selbstverständnisses der Rapperinnen und Rapper als autonom und erfolgsorientiert hat in den vergangenen Jahren auch die Etablierung von Social Media als Instrument der Online-Selbstvermarktung großen Einfluss entfaltet.[44] So wird in vielen Fällen die "Promophase", aber gerade auch die Zeit zwischen den Veröffentlichungen, zur Selbstinszenierung oder Verbreitung von Content genutzt. Rapper verwenden dabei crossmediale Strategien, indem sie zum Beispiel ein Musikvideo zur ersten Single nicht nur in einem einschlägigen Portal hochladen, sondern es häufig auch mit einer Kommentierung versehen, bei der unter anderem auf weitere Kanäle verwiesen wird, auf denen der Musiker repräsentiert ist und die ihrerseits aufeinander verweisen.

Eng verknüpft mit der sehr früh erfolgten Adaption von Social Media im HipHop ist das ebenfalls bislang unterforschte Themenfeld der digitalen Kultur. Bereits 2010 verwies der Band "Digitale Jugendkulturen" auf die Notwendigkeit, das Internet als Ort der Vergemeinschaftung und Aushandlung von Jugendkulturen zu untersuchen,[45] HipHop-Forschung findet hier aber kaum statt. Bis heute dominieren in der Forschung vor allem ethnografische und/oder interviewbasierte Studien sowie Textinterpretationen. Damit werden besonders Daten zu Bereichen relevant gemacht, die auch schon vor der Etablierung von Internet und Social Media bestanden. Sowohl für die deutsche als auch für die US-amerikanische Forschung gilt, dass zwar Bereiche erforscht werden, die noch immer und zweifellos wichtig für die Formierung und den Wandel von HipHop-Phänomenen sind. Dies impliziert aber auch, dass wichtige Forschungen zu Szene(-Meta-)Diskursen im Internet, die insbesondere über Social Media erfolgen und zu denen etwa auch szeneseitige Kommentierungen von Musikvideos gehören, gänzlich fehlen.

Diese Themen werden seit einigen Jahren immer häufiger in Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern verhandelt, die häufig selbst in der Szene verwurzelt sind. Haus-, Bachelor- oder Masterarbeiten analysieren bereits HipHop-Diskurse im Internet, haben bislang jedoch zu wenig Eingang in wissenschaftliche Publikationen und damit breitere Diskussionszusammenhänge gefunden. Dass sich dies bald ändert, ist zu hoffen. Denn andernfalls droht die Forschung zusehends hinter die HipHop-Entwicklung zurückzufallen und allein der journalistischen Kommentierung das Feld zu überlassen.

Fußnoten

43.
Vgl. Marc Dietrich, Rap im 21. Jahrhundert: Bestandsaufnahme und Entwicklungslinien, in: ders. (Anm. 10), S. 7–26.
44.
Vgl. Kai Uwe Hugger (Hrsg.), Digitale Jugendkulturen, Wiesbaden 2010.
45.
Vgl. Charnas (Anm. 6).
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