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23.2.2018 | Von:
Martin Seeliger

Rap und Gegenidentitäten in der Migrationsgesellschaft

Popkultur als Konfliktkultur

Der Zusammenhang dieser Entwicklungen lässt sich aus sozialwissenschaftlicher Sicht besonders gut aus dem Blickwinkel der Cultural Studies aufzeigen.[15] Grundannahme dieses Forschungszweiges ist, dass sich Inszenierungen im popkulturellen Bereich häufig entlang der großen Linien gesellschaftlicher Auseinandersetzungen abspielen: "Popular Culture is always a culture of conflict, it always involves the struggle to make social meanings that are in the interest of the subordinate and that are not those preferred by the dominant ideology. The victories, however fleeting or limited, in this struggle produce popular pleasure, for popular pleasure is always social and political."[16]

Dass popkulturelle Genres Auseinandersetzungen um die Darstellung sozialer Gegebenheiten darstellen, zeigt sich am Beispiel Rap besonders anschaulich im Subgenre des Gangsta-Rap. Ein wesentliches, wenn nicht sogar das wesentliche Bestimmungsmerkmal von Gangsta-Rap ergibt sich aus der mal kontemplativen, mal verherrlichenden, jedoch immer offenen Thematisierung von Gewalthandeln und Kriminalität.[17] Der stereotype Sprecher tritt im Gangsta-Rap keineswegs als Biodeutscher in Erscheinung, sondern wird in der Regel durch einen jungen Mann mit Migrations- und ohne Bildungshintergrund mit Hang zu Misogynie und Homophobie verkörpert.[18] Es ist diese Sozialfigur, die die öffentliche Diskussion um die gesellschaftlichen Folgen von Einwanderung aus dem Bereich des Rapgenres heraus am meisten prägt. Demnach lässt sich die popkulturelle Konstruktion von Gangsta-Rap-Images als Bezugspunkte in der Auseinandersetzung um Integration in der (Post-)Einwanderungsgesellschaft auf das Zusammenwirken von zwei Dynamiken zurückführen: einem Krisendiskurs um migrantische Männlichkeiten und der Inszenierung von Gangsta-Rappern unter Bezug auf diesen Diskurs.

Krisendiskurs um migrantische Männlichkeiten

Die besondere Rolle der Medien im Verhältnis von Migration und Gesellschaft wurde bereits in einer Vielzahl von Studien herausgearbeitet.[19] Diese Rolle erfüllen sie keineswegs im Rahmen leidenschaftsloser Berichterstattung. Eine genuin politische Tendenz medialer Berichterstattung folgt stattdessen aus der Tatsache, "dass die Massenmedien nicht nur Selbstbeschreibungen der Gesellschaft anfertigen, Wissen archivieren, eine gesellschaftsweit gleichförmige Realität vermitteln und als ent-/bezaubernde Unterhaltungsindustrie dienen, sondern auch mittels moralischer Kriterien und Beobachtungsweisen die Gesellschaft (über sich selbst) alarmieren".[20]

Vor allem seit der Jahrtausendwende intensiviert sich in deutschen Medien ein Krisendiskurs um die Delinquenz junger Männer mit oft türkischem oder arabischem Migrationshintergrund. Getrieben von mehrheitsdeutschem "Überfremdungsempfinden"[21] verweisen hier stilisierte Fallbeispiele auf ein insgesamt oft nicht näher benanntes Scheitern der Integration.[22]

Einen Meilenstein dieser Entwicklung stellt die Anfang 2008 erschienene Ausgabe des "Spiegels" mit dem Titel "Migration der Gewalt. Junge Männer – Die gefährlichste Spezies der Welt" dar. Anlässlich eines brutalen Überfalls zweier Jugendlicher migrantischer Herkunft auf einen pensionierten Münchner Hauptschuldirektor wird in der Titelgeschichte adoleszente Gewalttätigkeit bei migrantischen Männern zum "Naturgesetz" stilisiert. "Wenn nicht schnell Rezepte gefunden werden", so heißt es dort weiter, "die Infektion der Zuwanderer und ihrer Familien mit der Gewaltseuche zu stoppen", drohe "eine Explosion".[23]

Ein wesentlicher Bestandteil dieses Krisendiskurses ist weiterhin die Schilderung des Alltags in bestimmten Stadtteilen. "An anderen Orten", berichtet "Der Spiegel" 2010, "gibt es Gewinner und Verlierer – in Neukölln gibt es Leute, die Respekt verdienen, und es gibt Opfer."[24] Und auch der ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky steuert im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" einen Bericht aus seinem Verantwortungsbereich bei: "Studenten, die der billigen Mieten wegen im Bezirk wohnen, berichten, es sei absolut unangemessen, Gruppen von türkischen oder arabischen Jugendlichen nach Einbruch der Dunkelheit mit offenem Blick zu begegnen, man habe den Blick unbedingt zu senken."[25] Indem der Autor des zugehörigen Artikels gleichzeitig auf das vermeintliche Problem verweist, dass man an manchen Berliner Schulen "besser kein Salamibrot isst. Weil Schweinefleisch drin ist",[26] markiert er weiterhin die Fremdheit der betreffenden Gruppe.

Die Stigmatisierung männlicher Jugendlicher mit arabischem Migrationshintergrund ergibt sich demnach aus dem Zusammenwirken einer Fremdheits- und einer Risikozuschreibung. Demgegenüber erkennen einwanderungskritische Kommentatoren wie zuletzt auch Alice Schwarzer ein "Problem der falschen Toleranz", also eine "Haltung, die im Namen dieser falschen Toleranz die Probleme lieber vertuscht oder verharmlost, statt sie zu benennen und zu bekämpfen".[27]

Diese tendenziöse Form der Berichterstattung ist nicht unreflektiert geblieben. "Der ‚Migrant‘", bemerkt der Soziologe Erol Yildiz, "taucht fast nur in Problemsituationen auf, wird mit bildungsfernen Milieus in Verbindung gebracht und zumeist als nicht anpassungsfähiges und therapiebedürftiges Objekt wahrgenommen."[28] Eine grundsätzliche Schwachstelle in der öffentlichen Debatte identifiziert der Migrationsforscher Mark Terkessidis, demzufolge der Begriff der Integration ohnehin "stets eine negative Diagnose" impliziert: "Es gibt Probleme und die werden verursacht durch die Defizite von bestimmten Personen, die wiederum bestimmten Gruppen angehören."[29] Ein Defizit der öffentlichen Auseinandersetzung ergibt sich auch aus der Tatsache, dass Migrantenjugendliche "als Normalbürger kein interessanter Gegenstand" sind.[30]

Fußnoten

15.
Vgl. etwa Oliver Marchart, Cultural Studies, Konstanz 2008.
16.
John Fiske, Reading the Popular, London 1993, S. 3.
17.
Siehe auch den Beitrag von Fabian Wolbring in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
18.
Vgl. Martin Seeliger, Deutscher Gangsta-Rap. Zwischen Affirmation und Empowerment, Berlin 2013.
19.
Vgl. etwa Rainer Geißler/Horst Pöttker (Hrsg.), Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Problemaufriss, Forschungsstand, Bibliograhpie, Bielefeld 2005.
20.
Andreas Ziemann, Soziologie der Medien, Bielefeld 2006, S. 72.
21.
Anette Treibel, Integriert Euch!, Frankfurt/M.–New York 2015, S. 22.
22.
Vgl. exemplarisch Kirsten Heisig, Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, Freiburg/Br. 2010.
23.
Matthias Bartsch, Exempel des Bösen, in: Der Spiegel 2/2008, S. 22, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-55294620.html«.
24.
Thomas Hüetlin, Moks Revier, in: Der Spiegel 6/2010, S. 51, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69003634.html«.
25.
Zit. nach Birk Meinhardt, Mensch ärgere Dich, in: Süddeutsche Zeitung, 21./22.11.2009, S. 3.
26.
Ebd.
27.
Alice Schwarzer, Silvester 2015, Tahrir-Platz in Köln, in: dies. (Hrsg.), Der Schock – die Silvesternacht in Köln, Köln 2016, S. 7–35, hier S. 35.
28.
Erol Yildiz, Migration bewegt die Gesellschaft, in: Bartholomäus Figatowski et al. (Hrsg.), The Making of Migration. Repräsentationen – Erfahrungen – Analysen, Münster 2007, S. 33–45, hier S. 37.
29.
Mark Terkessidis, Interkultur, Berlin 2010, S. 9.
30.
Rainer Leenen/Harald Grosch, Migrantenjugendliche in deutschsprachigen Medien, in: Markus Ottersbach/Thomas Zitzmann (Hrsg.), Jugendliche im Abseits. Zur Situation in französischen und deutschen marginalisierten Stadtquartieren, Wiesbaden 2009, S. 215–241, hier S. 216f.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Martin Seeliger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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