Afrika Bambaataa - Konzert in London

23.2.2018 | Von:
Martin Seeliger

Rap und Gegenidentitäten in der Migrationsgesellschaft

Inszenierung von Gegenidentitäten im Gangsta-Rap

Ganz im Sinne des dargestellten Verständnisses von Popkultur als Konfliktkultur lässt sich im Bereich des Gangsta-Rap allerdings eine kreative Dynamik erkennen: Indem Gangsta-Rapper sich der Elemente dieses Krisendiskurses bedienen, gelingt es ihnen nicht nur, aufmerksamkeitsökonomische Erfolge zu erzielen. Sie gewinnen teilweise auch diejenige Deutungsmacht zurück, die die Bilder dieses Diskurses zumindest anfangs geprägt hat.

Dem Medienwissenschaftler Marcus Kleiner und dem Politologen Jörg-Uwe Nieland zufolge erzählen Gangsta-Rapper eine "Geschichte von Grenzerfahrungen und Grenzziehungen, der es nicht um Versöhnung und Dialog mit der Gesellschaft geht, von der sie marginalisiert und ausgeschlossen werden".[31] Dass Kinder aus Einwandererfamilien über Generationen nicht nur vom gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Arbeit, sondern so auch vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen sind, spiegelt sich in der Darstellung der Sprecher auch in einem beständig erlebten Anerkennungsdefizit.

Besonders anschaulich bringt das Biopic des Berliner Rappers Bushido dieses Lebensgefühl auf den Punkt.[32] Darin führt die Szene bei den Eltern seiner Jugendliebe Celina dem Zuschauer die soziale Kluft vor Augen, die Bushido von der Familie seiner Partnerin (und damit letztlich auch von ihr selbst) trennt. "Ich bin nicht so ein Scheiß-Kanacke, den man das Klo runterspülen kann!", ruft Bushido Celina später im Streit zu. Die Symbolkraft des Satzes ist immens. Denn auch wenn Bushido von Celinas Eltern, die für eine bourgeois-arrivierte Mehrheitsgesellschaft stehen, nicht akzeptiert wird, bringt er hier klar zum Ausdruck, dass er die Geringschätzung nicht auf sich sitzen lassen wird. Verherrlichung von Kriminalität, das offensive Thematisieren männlicher Privilegien oder aggressiv inszeniertes Gewalthandeln dienen damit einer Etablierung von "Gegenidentitäten als Reaktion auf mangelnde Integrationsleistungen moderner Gesellschaften".[33]

Dass Genrevertreter wie Bushido bei der Inszenierung solcher Gegenidentitäten symbolisch aus dem Vollen schöpfen können, ist zu wesentlichen Teilen dem skizzierten Krisendiskurs geschuldet. Die reißerischen Darstellungen migrantischer Delinquenz bieten daher den symbolischen Rohstoff für die kulturindustrielle Inszenierung von Gangsta-Rap-Images. Es ist zu vermuten, dass die heroisierte Darstellung von (vor allem migrantischen) Dominanz- und Delinquenzmotiven hierbei eine besondere Attraktivität auf das Publikum ausübt, weil sich darin latente eigene Fantasien verwirklichen lassen. Die Figur des migrantischen Fremden wirkt bedrohlich und verlockend zugleich und bietet durch die Distanz zum Selbst des Betrachters eine geeignete Projektionsfläche für verdeckte Wünsche und Sehnsüchte.[34]

Ähnliche Konstruktionsmodi finden sich seit einigen Jahren auch in anderen kulturindustriellen Bereichen, etwa in Form von Buchveröffentlichungen mit Titeln wie "Türken Sam" oder "Der große Bruder von Neukölln", in denen Kriminellenbiografien von (Post-)Migranten in einseitiger und voreingenommener Weise wiedergegeben werden, oder der Serie "4 Blocks", die ebenfalls kriminelle Aktivitäten im Berliner Migrantenmilieu thematisiert.

Fußnoten

31.
Marcus S. Kleiner/Jörg-Uwe Nieland, HipHop und Gewalt: Mythen, Vermarktungsstrategien und Haltungen des deutschen Gangsta-Raps am Beispiel von Shok-Muzik, in: Karin Bock/Stefan Meier/Gunter Süss (Hrsg.), HipHop Meets Academia. Globale Spuren eines lokalen Kulturphänomens, Bielefeld 2007, S. 215–244, hier S. 239.
32.
Vgl. Marc Dietrich/Martin Seeliger, Gangsta-Rap im zeitgenössischen Kinofilm, in: dies. 2012 (Anm. 1), S. 345–363.
33.
Naika Foroutan, Hybride Identitäten, in: Heinz Ulrich Brinkmann/Hacı-Halil Uslucan (Hrsg.), Dabeisein und Dazugehören. Integration in Deutschland, Wiesbaden 2013, S. 85–99, hier S. 97.
34.
Es erscheint vielversprechend, diesem Umstand unter psychoanalytischen Aspekten nachzugehen.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Martin Seeliger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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