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3.12.2002 | Von:
Rita Müller-Hilmer
Wolfgang Hartenstein

Die Bundestagswahl 2002: Neue Themen - neue Allianzen

Bei der Wahl am 22. September haben sich bedeutsame Umschichtungen zwischen den politischen Lagern vollzogen. Vier Veränderungen in den Sozialprofilen der Parteien werden beschrieben und gedeutet.

Einleitung

Darüber, was im Wählervotum vom 22. September eigentlich zum Ausdruck gekommen sei, gab es gleich nach der Wahl ganz konträre Meinungen auch unter Experten. [1]




Auf der einen Seite wird das Ergebnis als "zufällige Momentaufnahme" eines sich ständig wandelnden, von Stimmungen und "situativen Faktoren" bestimmten Meinungsbildes wahrgenommen (so Klaus-Peter Schöppner vom Emnid-Institut). Nach der anderen Auffassung kommt im Abstimmungsverhalten die "Reflexion der Wähler über die letzte Legislaturperiode" zum Ausdruck, ist die Wahl am Ende ein kollektiver Entscheidungsprozess, unabhängig von zwischenzeitlichen Schwankungen der Vorwahlumfragen (so Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen). Was trifft nun zu: "Last-Minute-Wahl der Emotionen" [2] oder getreues Abbild stabiler Überzeugungen?


Es gab bei dieser Bundestagswahl eine Reihe von Indizien, die für die erste Position zu sprechen schienen: ein ungewöhnlich kräftiges Auf und Ab in den Sympathiewerten für Regierung und Opposition zwischen Herbst 1998 und Frühjahr 2002 und ein nochmaliges Oszillieren der Kurven im Sommer vor der Wahl; neue, von außen auf die politische Agenda drängende, emotional stark besetzte Ereignisse; eine durch die TV-Duelle zugespitzte, vermeintliche Personalisierung der Entscheidung. Die gängige Soziologenmeinung, wonach dauerhafte, traditionelle Parteibindungen der Vergangenheit angehören, ließ den "Wechselwähler" zur Leitfigur avancieren. Die Neigung vieler Journalisten, die Spannung möglichst lange hoch und das Rennen offen zu halten, hat ebenfalls dazu beigetragen, Stimmungen stärker zu registrieren als Grundüberzeugungen.

Fußnoten

1.
Vgl. Vier Wahlforscher, vier Ansichten, in: Die Zeit vom 26. 9. 2002.
2.
So der Leitartikel in: Die Welt vom 21. 9. 2002: "Diese Wahl wird sich in letzter Minute entscheiden, in der Kabine erst - und womöglich an dem Thema, das am Sonntag, zufällig oder nicht, oben auf der Agenda steht."