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3.12.2002 | Von:
Kai Arzheimer
Jürgen W. Falter

Ist der Osten wirklich rot? Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2002 in Ost-West-Perspektive

Zwölf Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten: das Wahlverhalten in den neuen Ländern hat sich keineswegs den aus dem Westen bekannten Muster angeglichen.

I. Einleitung und Fragestellung

Als am 3. Oktober 1990 durch den Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik Deutschland die Einheit Deutschlands wiederhergestellt wurde, glaubten etliche Beobachter, dass sich nun die Gewichte zugunsten der SPD verschieben würden. Für diese Vermutung sprachen im wesentlichen drei Gründe: die Sozialstruktur der neuen Länder, deren bis ins Kaiserreich zurückreichende sozialdemokratische Traditionen und nicht zuletzt die Erwartung, dass das sozialistische DDR-Regime die Präferenzen und Wertorientierungen der Menschen nachhaltig im Sinne einer "linken" Politik geprägt haben müsse.


Das Wahlergebnis von 1990 schien die Hypothese vom strukturellen Vorteil der Sozialdemokraten jedoch zu widerlegen: Mit einem Zweitstimmenanteil von knapp 42 Prozent wurde die Union im Beitrittsgebiet mit weitem Abstand zur stärksten Partei, während die SPD nicht einmal ein Viertel der gültigen Zweitstimmen auf sich vereinen konnte. Besonders schlecht schnitten die Sozialdemokraten ausgerechnet in den alten Industrierevieren im Süden der ehemaligen DDR ab, die in der Weimarer Republik zu den Hochburgen der linken Parteien gehört hatten. Umfragedaten bestätigten den Eindruck, der sich aus der regionalen Stimmenverteilung ergab: Etwa 50 Prozent der ostdeutschen Arbeiter hatten ihre Zweitstimme der CDU gegeben, während der Anteil der SPD-Wähler in dieser Gruppe fast exakt dem Durchschnittswert der neuen Länder entsprach. [1] Der aus der alten Bundesrepublik bekannte Zusammenhang zwischen Berufsgruppenzugehörigkeit und Wahlentscheidung schien sich in den neuen Ländern zumindest zeitweilig umgekehrt zu haben. [2]




Konnte man 1990 noch davon ausgehen, dass die Union von den besonderen Umständen der Wahl profitierte - die CDU wurde als Partei des "Kanzlers der Einheit" wahrgenommen, während Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidat der SPD gegenüber der Wiedervereinigung eine ambivalente Haltung einnahm und die Partei selbst in ihrem Berliner Programm vom Dezember 1989 die für die Ostdeutschen weitgehend irrelevanten Probleme der alten Bundesrepublik diskutierte -, so schien das Ergebnis der Bundestagswahl 1994 tatsächlich für eine "Umkehrung" des aus dem Westen bekannten Musters zu sprechen: Während die Christdemokraten insgesamt an Unterstützung verloren, konnten sie ihren ungewöhnlich hohen Stimmenanteil bei den ostdeutschen Arbeitern verteidigen. [3] Einige Forscher glaubten deshalb, dass sich in den neuen Ländern eine stabile Bindung der Arbeiter an die CDU herausgebildet habe, die durch die Entfremdung zwischen der SED und der Arbeiterschaft sowie durch die besondere Rolle der CDU/CSU im Vereinigungsprozess zu erklären sei. [4]

Als die Union jedoch vier Jahre später schwere Verluste in fast allen Bevölkerungsgruppen hinnehmen musste, stimmten auch die Arbeiter in den neuen Ländern mit einer deutlichen Mehrheit für die SPD, [5] was nun wiederum als Anzeichen für die seit längerem erwartete Angleichung des ostdeutschen Wahlverhaltens an die aus dem Westen bekannten Muster gewertet wurde. [6] Gegen eine "Normalisierung" des ostdeutschen Wahlverhaltens sprechen jedoch u. a. die aus westlicher Perspektive höchst ungewöhnlichen Erfolge der DVU (1998) und der FDP (2002) bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, die trotz der Verluste in jüngster Zeit nach wie vor starke Stellung der PDS in den neuen Ländern, die häufig sehr niedrige Wahlbeteiligung sowie die teils beträchtlichen Abweichungen zwischen den Ergebnissen von Landtags- und Bundestagswahlen, die im Abstand von nur wenigen Monaten stattfanden. [7] Bis auf weiteres scheint es also kaum Anzeichen für eine Annäherung des Wahlverhaltens von Ost- und Westdeutschen zu geben. Die bisherigen Ergebnisse deuten vielmehr darauf hin, dass sich die Muster des Wahlverhaltens in den neuen Ländern weiterhin grundsätzlich von denen in den alten Ländern unterscheiden. Deshalb wollen wir in diesem Beitrag die vierte gesamtdeutsche Bundestagswahl zum Anlass nehmen, Umfang, Ursachen und Entwicklung der nach wie vor bestehenden Ost-West-Unterschiede im Überblick zu analysieren.

Fußnoten

1.
Vgl. Forschungsgruppe Wahlen, Bundestagswahl 1990. Eine Analyse der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990, Mannheim 1990, S. 35.
2.
Im Westen hatten bei dieser Wahl rund 47 Prozent der Arbeiter ihre Stimme der SPD gegeben, für die Union entschieden sich immerhin 39 Prozent. Vgl. ebd., S. 31.
3.
Vgl. Russell J. Dalton/Wilhelm Bürklin, The Two German Electorates. The Social Base of the Vote in 1990 and 1994, in: German Politics and Society, 13 (1995), S. 79 - 99, hier S. 84.
4.
Vgl. ebd., S. 94.
5.
Vgl. Kai Arzheimer/Jürgen W. Falter, "Annäherung durch Wandel"? Das Ergebnis der Bundestagswahl 1998 in Ost-West-Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 52/98, S. 33 - 43.
6.
Vgl. Forschungsgruppe Wahlen, Bundestagswahl 1998. Eine Analyse der Wahl vom 27. September 1998, S. 78.
7.
Vgl. Jürgen Maier/Karl Schmitt, Stabilität und Wandel regionaler Wählerstrukturen in Ostdeutschland 1990 - 1999, in: Frank Brettschneider/Jan van Deth/Edeltraud Roller (Hrsg.), Das Ende der politisierten Sozialstruktur?, Opladen 2002, S. 81 - 108, hier S. 82.