APUZ Dossier Bild

3.12.2002 | Von:
Kai Arzheimer
Jürgen W. Falter

Ist der Osten wirklich rot? Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2002 in Ost-West-Perspektive

II. Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2002 in Ost-West-Perspektive

Einen ersten Überblick über das Ausmaß der Kluft zwischen Ost und West kann man sich verschaffen, indem man für die in den neuen Ländern erfolgreicheren Parteien die Ost-West-Differenzen sowie eine eventuelle positive Ost-West-Differenz des Nichtwähleranteils summiert. Auf diese Weise erhält man eine Maßzahl, die im Falle eines in Ost und West identischen Wahlergebnisses den Wert null annimmt, während ihr theoretisches Maximum bei einem Wert von 100 liegt. [8] Führt man diese Berechnung für das Ergebnis der Bundestagswahl 2002 durch, so zeigt sich, dass es auch nach dem vierten gesamtdeutschen Urnengang kaum Hinweise auf eine Angleichung des Wahlverhaltens zwischen beiden Landesteilen gibt. Mit einem Indexwert von 23,2 haben sich die Unterschiede zwischen alten und neuen Ländern zwar gegenüber den Bundestagswahlen von 1998 (25,1) und 1994 (24,2) leicht abgeschwächt, liegen aber immer noch deutlich über dem bereits relativ hohen Wert von 17,8, der bei der Vereinigungswahl im Dezember 1990 erreicht wurde.
Im Wesentlichen gehen die in dem Indexwert zusammengefassten Ost-West-Unterschiede auf Muster der Stimmenverteilung zurück, die bereits bei den Wahlen von 1994 und 1998 zu beobachten waren (vgl. Abbildung 1, s. PDF Version): Die Union ist im Westen deutlich erfolgreicher als im Osten; die PDS bleibt in den neuen Ländern die drittstärkste Kraft, während sie im Westen weiterhin als Splitterpartei gelten muss; umgekehrt sind Grüne und FDP in den alten Ländern erheblich stärker als in den neuen.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch gegenüber den vorangegangenen Wahlen einige interessante Veränderungen. Für die Union hat sich die Schere zwischen Ost und West noch weiter geöffnet: Im Gebiet der alten Bundesrepublik kann sie gegenüber dem sehr schlechten Ergebnis von 1998 leichte Zugewinne verzeichnen, die allerdings zum größten Teil auf das herausragende Abschneiden der CSU in Bayern zurückgehen. In den neuen Ländern hingegen hat sie - wie schon bei den beiden vorangegangenen Wahlen - abermals an Unterstützung verloren. Spiegelbildlich dazu haben sich die Stimmenanteile der SPD entwickelt: Hier stehen deutliche Verluste im Westen leichten Gewinnen im Osten gegenüber. Im Ergebnis gelang es der Sozialdemokratie als einziger Partei, ost- und westdeutsche Wahlberechtigte in annähernd gleichem Umfang für sich zu gewinnen.

Auch bei den kleineren Parteien zeichnen sich gegenüber den Wahlergebnissen der neunziger Jahre Veränderungen ab. Bündnis 90/Die Grünen haben vor allem im Westen an Stimmen hinzugewonnen, während die Partei im Osten auf niedrigem Niveau stagniert. Im Gegensatz dazu konnte die FDP in beiden Landesteilen deutliche Gewinne verbuchen, auch wenn diese hinter den hoch gesteckten Zielen zurückblieben. In den neuen Ländern erzielten die Liberalen, die sich während der neunziger Jahre ähnlich wie die Grünen zu einer westdeutschen Regionalpartei entwickelt hatten, damit ihr bestes Ergebnis seit der Ausnahmewahl von 1990. Schwere Verluste musste hingegen die PDS hinnehmen: Während der Stimmenanteil der Postsozialisten im Westen auf niedrigstem Niveau konstant blieb, verlor die Partei im Osten gegenüber 1998 mehr als ein Drittel ihrer Wähler und ist jetzt mit lediglich zwei Abgeordneten im Bundestag vertreten.

Ein letzter großer Unterschied im Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschen, der sich aber nur indirektUnterschiede in der Wahlbeteiligung sind für die Entstehung der so genannten Überhangmandate mitverantwortlich. auf das Kräfteverhältnis im Parlament auswirkt, wurde vor dem Hintergrund des Kopf-an-Kopf-Rennens zwischen Regierungskoalition und bürgerlicher Opposition in der Wahlberichterstattung fast übersehen: Während sich im Westen der Nichtwähleranteil gegenüber 1998 kaum verändert hat, ist die Wahlbeteiligung in den neuen Ländern um mehr als sieben Prozentpunkte gesunken. Die Nichtwähler stellen damit wie schon 1990 und 1994 die zweitgrößte Gruppe unter den ostdeutschen Wahlberechtigten dar. Anders als zu Beginn der neunziger Jahre wird dies in der politischen Öffentlichkeit jedoch nicht als Zeichen einer Krise des politischen Systems wahrgenommen.

Bereits diese kursorische Betrachtung zeigt, dass sich das Wahlverhalten in Ost und West nicht nur in quer-, sondern auch in längsschnittlicher Betrachtungsweise unterscheidet: Seit der Vereinigung ist es in den neuen Ländern immer wieder zu Kräfteverschiebungen zwischen den politischen Lagern gekommen, die weitaus dramatischer waren als im Westen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass fast zwölf Jahre nach der Vereinigung die Chancen der Parteien im Osten von Wahl zu Wahl immer noch erheblichen Schwankungen unterliegen. Zu einer Stabilisierung des Parteiensystems, wie sie sich in der alten Bundesrepublik während der fünfziger Jahre vollzogen hat, ist es in den neuen Ländern bislang nicht gekommen. Vielmehr hat seit 1990 jede einzelne Bundestagwahl zu einer deutlichen Umgestaltung der politischen Landschaft geführt, ohne dass dies eine Annäherung an die aus dem Westen Deutschlands bekannte Verteilung der politischen Kräfte gebracht hätte.

Fußnoten

8.
Wie in der Wahlforschung üblich, betrachten wir die Nichtwahl als eine Kategorie des Wahlverhaltens und beziehen deshalb die Anteile der Parteien nicht auf die gültigen Stimmen, sondern auf die Wahlberechtigten. Erst durch diese Form der Prozentuierung werden die tatsächlichen Mobilisierungsleistungen der Parteien erkennbar, die sonst durch die Unterschiede in der Wahlbeteiligung verdeckt würden. Ungültige Stimmen wurden der Kategorie "Sonstige" zugeschlagen.