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3.12.2002 | Von:
Kai Arzheimer
Jürgen W. Falter

Ist der Osten wirklich rot? Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2002 in Ost-West-Perspektive

III. Sozialstruktur und Partei- bindungen im vereinigten Deutschland

Obwohl die Zahl der Nicht- und Wechselwähler seit den siebziger Jahren zugenommen hat, ist das Wahlverhalten in der alten Bundesrepublik nach wie vor von einer erstaunlichen Kontinuität geprägt. Bei einem großen Teil der Bürgerinnen und Bürger lassen sich langfristig stabile, oft emotional aufgeladene Bindungen an eine Partei nachweisen, die als "Parteiidentifikationen" bezeichnet werden und die Wahlentscheidung in einem erheblichen Umfang steuern. Nach dem in der Wahlforschung weithin akzeptierten Ann-Arbor-Modell [9] haben solche Parteibindungen einerseits einen unmittelbaren Einfluss auf die Wahlentscheidung. Darüber hinaus wirken sie aber auch indirekt, weil zwei andere wichtige Faktoren der Wahlentscheidung, die relevanten politischen Themen sowie die zur Wahl stehenden Personen, häufig durch einen parteipolitisch gefärbten Filter wahrgenommen werden.

In Deutschland standen diese Parteibindungen in der Vergangenheit ihrerseits häufig in einem engen Zusammenhang mit sozialen Merkmalen wie der Berufsgruppe und der Konfession. [10] Gewerkschaftlich gebundene Arbeiter bildeten die Kernklientel der SPD, während sich praktizierende Katholiken weit überdurchschnittlich häufig den Unionsparteien verbunden fühlten. In abgeschwächter Form galt diese Aussage auch für Arbeiter, die keiner Gewerkschaft angehörten bzw. für kirchlich aktive Protestanten.

Diese Zusammenhänge lassen sich historisch erklären: [11] Im Umfeld der Reichsgründung von 1870/71 kam es in Deutschland zu tief greifenden soziopolitischen Konflikten, unter denen zwei besonders wichtig waren: die Frage der Integration der Katholiken in das mehrheitlich preußisch-protestantisch geprägte Reich (Stichwort "Kirchenkampf") sowie der Interessengegensatz zwischen Arbeitern und Unternehmern. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen schlossen die von diesen Konflikten betroffenen gesellschaftlichen Gruppen bzw. deren Organisationen Bündnisse mit den damals entstehenden politischen Parteien. Dies war umso leichter möglich, als die Gruppen der Katholiken und der Arbeiter im Kaiserreich und auch noch in der Weimarer Republik so genannte "sozial-moralische Milieus" bildeten, die sich durch ein hohes Maß an gruppeninternen Interaktionen auszeichneten und über je eigene Wertsysteme sowie über dichte organisatorische Netzwerke (Vereine, soziale Einrichtungen etc.) verfügten, in welche die Gruppenmitglieder fest eingebunden waren. [12]

Zentrumspartei und SPD wurden deshalb in erster Linie von Katholiken bzw. Arbeitern gewählt und versuchten im Gegenzug, die Interessen ihrer Klientel im politischen Prozess zu vertreten. Stabilisiert wurden diese Koalitionen zwischen Parteien und Bevölkerungsgruppen einerseits durch Verflechtungen auf der Ebene der Partei- und Verbandseliten, andererseits durch psychologische Mechanismen wie internalisierte Wahlnormen, ideologische Grundüberzeugungen und Parteiidentifikationen auf Seiten der Wähler.

Die Position eines Bürgers in der Sozialstruktur hatte deshalb einen erheblichen Einfluss auf die Wahlentscheidung, auch wenn dieser Zusammenhang bereits im Kaiserreich und in der Weimarer Republik keineswegs deterministisch war. [13] Nach dem Zweiten Weltkrieg lösten sich in der Bundesrepublik im Zuge eines allgemeineren Wandels der politischen Kultur die engmaschigen Beziehungsnetzwerke der Milieus zunächst langsam, dann immer rascher auf. [14] Parallel dazu verloren Katholizismus und Zugehörigkeit zur Arbeiterschaft auch rein quantitativ an Bedeutung für das Wahlverhalten, da der Anteil der praktizierenden Katholiken und der Arbeiter an der Gesamtbevölkerung seit den fünfziger Jahren stetig sank. [15] Dieser Prozess einer (partiellen) Entkoppelung von Sozialstruktur und Wahlverhalten wurde von den großen Parteien mit vorangetrieben, auch wenn diese gelegentlich die alten Konflikte in Erinnerung riefen. [16]

Dennoch schwächten sich, wie oben erwähnt, die bekannten Verbindungen zwischen Gruppenzugehörigkeit, Parteiidentifikationen und Wahlentscheidung nur sehr langsam ab - die Sozialstruktur der alten Bundesrepublik blieb weiterhin politisiert. Dies zeigt sich übrigens nicht nur im Wahlverhalten, sondern auch auf der Ebene der politischen Eliten: So gehörten noch im 11. Deutschen Bundestag (1987 - 1990) nach eigener Auskunft rund zwei Drittel der Unions-Abgeordneten der katholischen Konfession an, [17] obwohl der Bevölkerungsanteil der Katholiken in der alten Bundesrepublik bei lediglich etwa 50 Prozent lag. Unter den Abgeordneten der anderen Fraktionen gaben hingegen jeweils weniger als 15 Prozent an, dieser Konfession anzugehören. Umgekehrt waren im 11. Bundestag 97 Prozent der SPD-Abgeordneten, aber nur acht Prozent der Mandatsträger der Union Mitglied einer DGB-Gewerkschaft. [18] Auf diese Weise beeinflussen die großen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts noch mehr als hundert Jahre nach ihrem Aufbrechen das politische Geschehen in der alten Bundesrepublik, auch wenn dies den meisten Akteuren kaum bewusst sein dürfte.

Aufgrund dieser Zusammenhänge gingen am Beginn der neunziger Jahre viele politische Beobachter davon aus, dass die SPD in den neuen Ländern von einem strukturellen Vorteil profitieren würde: Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung war der Anteil der Arbeiter an der wahlberechtigten Bevölkerung im Osten wesentlich höher als im Westen. [19] Zugleich spielte aus historischen Gründen wie aufgrund der langen Dauer der SED-Diktatur das Christentum und insbesondere der Katholizismus in den neuen Ländern kaum eine Rolle.

Im Verlauf der neunziger Jahre hat sich an diesen Verhältnissen nichts Substanzielles geändert. So gehörten sechs Jahre nach der Wiedervereinigung lediglich etwa fünf Prozent der ostdeutschen Bevölkerung der katholischen Kirche an; der Anteil der Protestanten an der Bevölkerung der neuen Länder lag bei rund 24 Prozent. Im gleichen Jahr waren in den alten Ländern immer noch etwa 37 Prozent der Bürger Angehörige der evangelischen und 42 Prozent Mitglieder der katholischen Kirche. [20] Die Bemühungen der beiden großen Kirchen, den Osten zu rechristianisieren, tragen bislang offensichtlich keine Früchte; wenn es in Zukunft zu einer Angleichung zwischen Ost- und Westdeutschland kommen wird, dann vermutlich eher durch einen weiteren Bedeutungsverlust des Christentums im Westen.

Auch bei den Berufsgruppen ist keine Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschland zu verzeichnen. Zwar ist in den neuen Ländern wie in der alten Bundesrepublik der Anteil der Arbeiter an der Erwerbsbevölkerung seit der Wiedervereinigung kontinuierlich zurückgegangen. Da sich diese Entwicklung im Westen aber schneller vollzieht, sind die bekannten Ost-West-Unterschiede im Verlauf der neunziger Jahre sogar etwas größer geworden. Hinzu kommt, dass sich unabhängig von diesen objektiven Veränderungen nach wie vor ein großer Teil der Ostdeutschen selbst als Arbeiter einstuft.

Resultieren aus diesen Gruppenzugehörigkeiten zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung nun Parteibindungen, die mit den aus dem Westen bekannten Mustern vergleichbar sind? Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nachdem, welche Gruppen betrachtet werden.

So identifizieren sich etwa 40 Prozent aller ostdeutschen Katholiken mit den Unionsparteien; unter denen, die mehrmals pro Jahr an einem Gottesdienst teilnehmen, liegt dieser Anteil sogar bei knapp 50 Prozent. Dieser Befund unterscheidet sich nicht signifikant von den aus den alten Bundesländern bekannten Verhältnissen. [21] Offensichtlich ist es der CDU in den neuen Ländern gelungen, an traditionelle Bindungen anzuknüpfen. [22] Angesichts des sehr niedrigen Katholikenanteils in Ostdeutschland ist der Einfluss dieser Bevölkerungsgruppe auf das Wahlergebnis jedoch zu vernachlässigen.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich hingegen bei den Arbeitern. Hier ist der Anteil derjenigen, die sich mit der SPD identifizieren, kaum gestiegen. Nach wie vor bestehen aber deutliche Unterschiede zwischen beiden Landesteilen: Der Anteilswert im Osten ist um rund ein Drittel niedriger als im Westen und entspricht fast exakt dem Bevölkerungsdurchschnitt, während sich unter den Arbeitern in den alten Ländern immer noch (etwas) mehr SPD-Anhänger finden als in anderen Berufsgruppen.

Eine dauerhafte, mit der Bindung der Katholiken an die Union vergleichbare Mobilisierung der Arbeiterschaft zugunsten der SPD lässt sich in den neuen Ländern mithin nicht nachweisen. Im Gegenteil: Der Anteil derjenigen Arbeiter, die sich keiner Partei besonders verbunden fühlen, ist zwar gesunken. Er liegt aber noch immer über dem ohnehin recht hohen Durchschnittswert der parteipolitisch Ungebundenen in den neuen Ländern.

Wie in Abbildung 2 (s. PDF Version) zu erkennen ist, stellen die Ostdeutschen in dieser Hinsicht insgesamt den "moderneren" Teil des Elektorats dar: Obwohl in der Bundesrepublik wie in vielen anderen westlichen Demokratien seit langem über eine in der internationalen Forschungsliteratur als "dealignment" bezeichnete allmähliche Auflösung von Parteibindungen diskutiert wird, die einerseits auf die oben angesprochene Auflockerung der sozialen Milieus, andererseits auf das steigende Bildungsniveau [23] zurückgeführt wurde, identifizierten sich in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren etwa 80 Prozent der erwachsenen Westdeutschen mit einer politischen Partei. Dieser Anteil sank nur langsam. Kurz nach der Wiedervereinigung betrachteten sich im Westen immer noch etwa 70 Prozent der Bürger als langfristige Anhänger einer Partei, während der entsprechende Anteil im Osten zunächst nur bei rund 60 Prozent lag und dann sogar auf weniger als 50 Prozent absank, wodurch sich die Kluft zwischen Ost und West nochmals vertiefte.

Seitdem verringerte sich der Anteil derjenigen, die sich mit einer Partei identifizieren, im Westen fast kontinuierlich, aber sehr langsam. [24] In den neuen Ländern hingegen lässt sich kein Trend erkennen. Abgesehen von dem raschen, aber kurzlebigen Anstieg während des "Superwahljahres" von 1994 ist es nicht zu einer nennenswerten Zunahme der Parteibindungen gekommen. Vielmehr schwanken hier die monatlich gemessenen Werte unsystematisch und mit relativ großen Ausschlägen um den insgesamt niedrigeren Mittelwert. [25] Dies lässt darauf schließen, dass einmal erworbene Parteibindungen in den neuen Ländern rascher wieder aufgegeben werden als im Westen. Analysen des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP), mit denen sich Entwicklungen auf der Individualebene über einen längeren Zeitraum hinweg nachvollziehen lassen, bestätigen diese Vermutung im Wesentlichen. [26]

Auch in dieser Hinsicht lassen sich also bislang keine Hinweise auf eine Angleichung des Ostens an den Westen finden. Vielmehr steht zu erwarten, dass es - ähnlich wie im Falle der Kirchenmitgliedschaften - langfristig durch Veränderungen im Westen zu einer Annäherung beider Landesteile kommen wird.

Der niedrigere Anteil an parteigebundenen Bürgern erklärt einen Teil der in Abschnitt II skizzierten Ost-West-Unterschiede: Dort, wo die Parteiidentifikation als stabilisierendes Element fehlt, müssen nach dem Ann-Arbor-Modell kurzfristige Einflüsse, d.h. aktuelle politische Themen sowie die Images der Spitzenpolitiker, einen größeren Einfluss auf die Wahlentscheidung gewinnen, woraus wiederum eine höhere Zahl an Nicht- und Wechselwählern resultiert. Eine wesentliche Frage ist mit dieser Erklärung aber noch nicht beantwortet: Warum konnten SPD und PDS seit Mitte der neunziger Jahre in den neuen Ländern vergleichsweise gute Ergebnisse erzielen, obwohl es dort zumindest den Sozialdemokraten an langfristigen Anhängern mangelt? Und warum musste umgekehrt die Union bei den beiden letzten Wahlgängen in den neuen Ländern erheblich schlechtere Ergebnisse hinnehmen als in Westdeutschland? Unserer Auffassung nach lässt sich dies durch die gesellschaftspolitischen Präferenzen der ostdeutschen Bundesbürger erklären.

Fußnoten

9.
Das Modell ist nach dem Sitz der University of Michigan benannt, an der es entwickelt wurde. Seine ursprüngliche Fassung findet sich in Angus Campbell/Philip E. Converse/Warren E. Miller/Donald E. Stokes, The American Voter, New York 1960.
10.
Zum Zusammenhang zwischen sozial-strukturellen Merkmalen und der Herausbildung von Parteiidentifikation vgl. Russell J. Dalton/Paul Allen Beck/Scott C. Flanagan, Electoral Change in Advanced Industrial Democracies, in: dies. (Hrsg.), Electoral Change in Advanced Industrial Democracies. Realignment or Dealignment, Princeton 1984, S. 3 - 22, hier S. 11 ff.
11.
Den einflussreichsten Versuch, diese für Westeuropa charakteristische "Politisierung der Sozialstruktur" zu erklären, haben Lipset und Rokkan (Seymour Martin Lipset/Stein Rokkan, Cleavage Structures, Party Systems and Voter Alignments. An Introduction, in: dies. (Hrsg.), Party Systems and Voter Alignments. Cross-National Perspectives, New York-London 1967, S. 1 - 64) vorgelegt.
12.
Vgl. Rainer M. Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft (zuerst 1966), in: Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Deutsche Parteien vor 1918, Köln 1973, S. 56 - 80.
13.
Vgl. Jürgen R. Winkler, Die Politisierung der Sozialstruktur. Der Einfluss der Sozialstruktur auf die Wählerrekrutierung der Parteifamilien im Deutschen Reich, in: F. Brettschneider/J. van Deth/E. Roller (Anm. 7.), S. 129 - 158.
14.
Vgl. David P. Conradt, Changing German Political Culture, in: Gabriel A. Almond/Sidney Verba (Hrsg.), The Civic Culture Revisited, Boston-Toronto 1980, S. 212 - 272.
15.
Vgl. Peter Gluchowski/Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Sozialstrukturelle Grundlagen des Parteienwettbewerbs in der Bundesrepublik Deutschland, in: Oscar W. Gabriel/Oskar Niedermayer/Richard Stöss (Hrsg.), Parteiendemokratie in Deutschland, Opladen 1997, S. 179 - 208, hier S. 187.
16.
Vgl. Franz Urban Pappi, Die politisierte Sozialstruktur heute. Historische Reminiszenz oder aktuelles Erklärungspotential?, in: F. Brettschneider/J. van Deth/E. Roller (Anm. 7), S. 25 - 46, hier S. 37.
17.
Vgl. Peter Schindler, Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1949 - 1999, Baden-Baden 1999, S. 665 ff.
18.
Vgl. ebd., S. 723.
19.
Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Ein Studienbuch zur gesellschaftlichen Entwicklung im geteilten und vereinten Deutschland, Opladen 1992, S. 149.
20.
Eigene Berechnung nach den Angaben im Statistischen Jahrbuch für 1998.
21.
Die Berechnungen basieren auf den Ergebnissen des von der DFG geförderten Projektes "Politische Einstellungen, politische Partizipationen und Wählerverhalten im vereinigten Deutschland". Wegen der geringen Zahl von ostdeutschen Katholiken wurden die Ergebnisse der Befragungswellen von 1994, 1998 und 2002 zusammengefasst.
22.
Ob diese Bindungen bereits zu DDR-Zeiten bestanden oder nach der Wiedervereinigung gewissermaßen reaktiviert wurden, lässt sich mit den uns zur Verfügung stehenden Daten nicht ermitteln.
23.
Vgl. Russell J. Dalton, Cognitive Mobilization and Partisan Dealignment in Advanced Industrial Democracies, in: Journal of Politics, 46 (1984), S. 264 - 284.
24.
In den alten Ländern sank der Anteil derjenigen Bürger, die sich mit einer politischen Partei identifizieren, seit 1991 um etwa 0,5 Prozentpunkte pro Jahr.
25.
Im Zeitraum von 1991 bis 2000 betrachteten sich in den alten Ländern im Mittel 64,8 Prozent der Befragten als langfristige Anhänger einer politischen Partei. In den neuen Ländern hingegen sahen sich in der gleichen Periode nur 54 Prozent der Bürger als Parteianhänger.
26.
Vgl. Rüdiger Schmitt-Beck, Die dauerhafte Parteiidentifikation - nur noch ein Mythos? Eine Längsschnittanalyse zur Identifikation mit den politischen Parteien in West- und Ostdeutschland, in: Informationsdienst soziale Indikatoren, (2001) 6, S. 1 - 5.