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3.12.2002 | Von:
Kai Arzheimer
Jürgen W. Falter

Ist der Osten wirklich rot? Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2002 in Ost-West-Perspektive

V. Fazit und Ausblick

Zwölf Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat sich das Wahlverhalten in den neuen Ländern keineswegs an die aus dem Westen bekannten Muster angeglichen. Insbesondere wurden während der SED-Herrschaft die traditionellen Bindungen der Arbeiter an die Sozialdemokratie zerstört. Darüber hinaus haben die ehemaligen DDR-Bürger, die über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahrzehnten keine Erfahrungen mit demokratischen Wahlen sammeln konnten, insgesamt weitaus seltener stabile Bindungen an die politischen Parteien entwickelt als ihre Mitbürger aus der alten Bundesrepublik. Beiden großen Parteien fehlt es deshalb in den neuen Ländern an langfristigen Anhängern. Infolgedessen orientieren sich die Ostdeutschen bei ihrer Wahlentscheidung in viel stärkerem Umfang an kurzfristigen Einflüssen, d.h. an politischen Themen und an den zur Wahl stehenden Kandidaten, als die Westdeutschen. Diese grundsätzlichen Unterschiede sind für die aus westlicher Sicht ungewöhnlich großen Schwankungen im Wahlverhalten der neuen Bundesbürger verantwortlich.

Davon abgesehen unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche in ihren grundlegenden politischen Präferenzen. Die Ostdeutschen erwarten vom Staat ein größeres Engagement im Bereich der Frauen-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, befürworten generell ein aktives Eingreifen des Staates in die gesellschaftliche Entwicklung und messen dem Wert der Gleichheit mehr Bedeutung zu als die Westdeutschen. Bei der vergangenen Bundestagswahl konnte die SPD mit hoher Wahrscheinlichkeit von diesen Dispositionen profitieren.

Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass es der SPD mit der Bundestagswahl von 2002 gelungen sei, dauerhaft zu stärksten Partei in den neuen Ländern zu werden, die mittelfristig sogar die PDS beerben könnte, wäre aus unserer Sicht voreilig: Gerade weil die Ostdeutschen bislang kaum stabile Parteiloyalitäten entwickelt haben, sind sie politisch leichter zu enttäuschen und werden sich in diesem Fall auch rascher von der SPD abwenden als deren westdeutsche Wähler.