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3.12.2002 | Von:
Eike Hebecker

Experimentieren für den Ernstfall - Der Online-Wahlkampf 2002

Wahlkämpfe sind Hochzeiten medialer Innovation in der politischen Kommunikation. Die Rolle des Internets und die Entwicklung hin zu einem eigenständigen Bereich des Online-Wahlkampfes stellt sich 2002 ambivalent dar.

I. Einleitung

Das Internet hat sich im Bundestagswahlkampf 2002 zu einer festen Größe entwickelt, auf die kein politischer Akteur mehr verzichten kann. Die erstmalige Einbindung der neuen Optionen eines Online-Wahlkampfes konnte im Zuge der Bundestagswahl 1998 noch unter dem Motto "Dabei sein ist alles" firmieren. Die Rolle des Internets und die Entwicklung hin zu einem eigenständigen Online-Wahlkampf stellt sich 2002 ambivalent dar. Einerseits kann eine Intensivierung, Professionalisierung und Popularisierung konstatiert werden. Andererseits ist eine Standardisierung und medienübergreifende Vernetzung der Angebote zu beobachten. Die Dynamisierung des Online-Campaigning steht aber auch 2002 noch für eine Phase des Experimentierens. Statt einer klaren Strategie zu folgen, wird noch häufig nach dem Trial-and-error-Prinzip verfahren. Viele Formate wie das Online-Fundraising, Negative-Campaigning oder der Rapid-Response auf Äußerungen des politischen Gegners via Internet wurden vor allem aus dem Präsidentschaftswahlkampf in den USA übernommen und erstmals erprobt. Andere Optionen einer interaktiven Wahlkampfkommunikation wie das Voter-Targeting, die personalisierte Ansprache von Wählerinnen und Wählern oder eine direkte Bürgerbeteiligung durch Internet-Diskurse sind von den Parteien noch nicht vollständig ausgeschöpft bzw. sogar bewusst vermieden worden.


Bisweilen hatte das Netz aber auch den Charakter eines Testfeldes für die Kampagnenführung in anderen Medien. Was sich auf Plakaten oder im Wahlwerbespot (noch) nicht schickt, konnte auf den Websites im Rahmen des Negative-Campaigning ausagiert werden. Mit interaktiven Spielen, Animationen und E-Cards wurde von den Parteien im virtuellen Raum verbal und visuell reichlich ausgeteilt. [1] Hinzu gesellten sich eine Vielzahl von Anti-Stoiber-Seiten sowie die entsprechenden Repliken gegen Gerhard Schröder, die jedoch - in sicherer Entfernung von den Parteizentralen - durch deren Jugendorganisationen oder durch Privatpersonen betrieben wurden. [2]

Fußnoten

1.
Herausragend, aber nach der Wahl leider nicht mehr erreichbar, ist in dieser Hinsicht die Negative-Campaigning-Site der SPD: (http://www.nicht-regierungsfaehig.de). Vorbildlich archiviert und noch verfügbar sind die entsprechenden Angebote der PDS: (http://www.pds2002.de/buntes/index.htm) und der CDU: (http://www.cdu.de/interaktiv/inhalt.htm). Aber auch die FDP und Bündnis 90/Die Grünen sind auf diesem Gebiet aktiv gewesen.
2.
An dieser Stelle sei nur exemplarisch auf: (http://www.stoppt-stoiber.de) und (http://www.schroeder-muss-weg.de) verwiesen. Bemerkenswert ist hier vor allem die Gestaltung der Anti-Schröder-Seite im Corporate-Design der SPD; ansonsten waren aber die Stoiber-Gegner quantitativ im Vorteil.