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3.12.2002 | Von:
Eike Hebecker

Experimentieren für den Ernstfall - Der Online-Wahlkampf 2002

II. Potenziale und Perspektiven

Von den Parteistrategen wird das Internet vor allem als selbst kontrollierter Medienkanal zur Direktansprache der Wählerinnen und Wähler, als Instrument der innerparteilichen Wahlkampfkommunikation und -motivation sowie als Vertiefungsmedium im Verbund mit anderen Medienkanälen geschätzt. Über Mitglieder- und Funktionsträgernetze lassen sich beispielsweise Sprachregelungen in Windeseile ventilieren, noch bevor sich der politische Gegner oder die Medien auf einen Fehler oder eine Schwäche eingeschossen haben. Damit wird einerseits das Organisationsmanagement im Wahlkampf erleichtert. Andererseits setzen insbesondere die kleineren Parteien angesichts ihrer begrenzten Ressourcen auf die Effizienz des Internets, von dem sie sich eine potenziell hohe Reichweite bei vergleichsweise geringem Mitteleinsatz erwarten.

Im Hinblick auf die Außenwirkung ist man jedoch skeptischer und gibt ganz offen zu, dass der Zeitpunkt, an dem das Internet eine wirklich ernsthafte Alternative als massenwirksames Wahlkampfinstrument darstellt, frühestens 2006, jedoch eher 2010 gekommen sein wird. Dennoch ist der Online-Wahlkampf eine feste und nicht zu unterschätzende Größe in den Etats der Kampagnenmanager geworden. Diese Einschätzung der gegenwärtigen Bedeutung und des noch bevorstehenden Durchbruchs des Online-Wahlkampfes wird auch von Politik- und Medienexperten geteilt. Bereits lange vor dem 22. September haben sie sich in ihren Analysen und Bewertungen des Online-Wahlkampfes 2002 festgelegt: Dem Bedeutungszuwachs, der Differenzierung und Professionalisierung wird beigepflichtet. Aber diese Einschätzung ist immer mit der Einschränkung verbunden, dass das Internet im Wahlkampf noch weit davon entfernt sei, auch nur einen annähernd vergleichbaren Stellenwert wie das Fernsehen oder die Printmedien zu erreichen.

Laut der ARD/ZDF-Online-Studie 2002 ist die Zahl der Internet-Nutzer in Deutschland in den vergangenen vier Jahren von 6,6 Millionen auf 28,3 Millionen gestiegen, was 44,1 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren entspricht. Aufgrund der abflachenden Zuwachsraten wird bis 2005 jedoch nur noch mit einer Steigerung auf ca. 55 Prozent gerechnet. [3] Auch wenn nur ein Teil davon das Internet als Quelle für politische Informationen nutzt, ist dieses Potenzial nicht mehr zu vernachlässigen. Besonders hinsichtlich der Altersstruktur und des Bildungsstandes ist die Medien-Zielgruppe der Internetnutzer interessant. Gut ein Drittel ist unter 29 Jahre, knapp zwei Drittel sind unter 40 Jahre, und ebenfalls ein Drittel verfügt über einen Hochschulabschluss. [4] Für die Reichweite und Positionierung der Wahlkampfkommunikation im Internet ist zudem entscheidend, dass sich die Nutzer vor allem an vertrauten Marken und Medienprodukten aus TV, Radio oder dem Printbereich orientieren, was auch auf Parteien oder prominente Politiker übertragbar ist.

Die Hoffnung, dass sich das Internet aufgrund seiner interaktiven Optionen als alternativer Raum politischer Sachdiskussion und Argumentation entwickelt, der gar in die Entscheidungspolitik hineinwirkt, sieht der Politikwissenschaftler Stefan Marshall jedoch enttäuscht: "Massenkommunikation findet auch auf dem Netz statt, nachdem das Netz zu einem Medium von ‘Massen‘ geworden ist." [5] Ob und inwieweit sich im Rahmen des Online-Wahlkampfes 2002 nicht doch interaktive Nischen für politische Internet-Diskurse gebildet haben [6] und von welchen Akteuren sie gefördert bzw. gebremst wurden, wird in der Folge zu überprüfen sein. Der Beeinflussung des Online-Wahlkampfes durch die "alten" Massenmedien wurde vor allem durch die erstmals in einem Bundestagswahlkampf durchgeführten Fernsehduelle Vorschub geleistet.

Fußnoten

3.
Vgl. Birgit van Eimeren/Heinz Gerhard/Beate Frees, ARD/ZDF-Online-Studie 2002. Entwicklung der Online-Nutzung in Deutschland. Mehr Routine, weniger Entdeckerfreude, in: Media Perspektiven, (2002) 8, S. 346 - 362; Online unter: (http://www.daserste.de/intern/entwicklung 2002.pdf).
4.
Vgl. die Ergebnisse der 13. WWW-Benutzer-Analyse (W3B), die vom 1. 10. bis 5. 11. 2001 unter 96 611 Internet-Nutzern durchgeführt wurde, (http://www.w3b.de/).
5.
Stefan Marshall, Wahlkampf mit Netz und doppeltem Boden, in: politik-digital.de vom 18. 9. 2002, (http://www. politik-digital.de./wahlkampf/bundestagswahl2002/wahlnetz. shtml).
6.
Vgl. Claus Leggewie/Christoph Bieber, Interaktive Demokratie. Politische Online-Kommunikation und digitale Politikprozesse, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 41 - 42/2001, S. 37 - 45, hier S. 44.