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3.12.2002 | Von:
Eike Hebecker

Experimentieren für den Ernstfall - Der Online-Wahlkampf 2002

IV. Digital statt nur dabei

Dass sich eine beträchtliche Anzahl von aktiven Mediennutzern mit diesem Tatbestand nicht abfinden wollte, zeigt ein Blick ins Netz. Wem die Zuschauerrolle bei den Duellen nicht ausreichte, der konnte das Geschehen auf den Fernsehbildschirmen in offenen Chats (u.a. bei spiegel-online und politik-digital) kommentieren und diskutierten. [10] Hier fand weitgehend das statt, was die Fernsehduelle nur eingeschränkt darstellen und vermitteln konnten: klare Stellungnahmen, politische Bekenntnisse, offene Attacken auf den Gegner, die Benennung und Ausnutzung vermeintlicher Schwächen sowie die eine oder andere Pöbelei. Auch auf den Aktionsseiten der Parteien (spd-extra.de und wahlfakten.de) wurde umgehend reagiert, indem im Fernsehen geäußerte Statements des Gegners im Netz kommentiert und konterkariert wurden. Direkte Kommentare der Wählerinnen und Wähler wurden allerdings nur als E-Mail entgegengenommen und in die Online-Dokumentation des TV-Events eingebunden. Das Duell-Format ist selbstverständlich auch im Internet adaptiert worden. An vielen Stellen standen sich Kandidatinnen und Kandidaten gegenüber. So lieferten sich Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Cem Özdemir (Grüne) in den letzten 100 Tagen vor der Wahl ein E-Mail-Duell bei spiegel-online. [11]

Ein innovatives Doppel-Chat-Format präsentierten tagesschau.de, politik-digital.de und wahlthemen.de, die im Rahmen eines Kooperationsprojekts eine Reihe von Online-Duellen wie beispielsweise zwischen Edelgard Bulmahn (SPD) und Anette Schavan (CDU), Roland Koch (CDU) und Kurt Beck (SPD) sowie Günther Beckstein (CSU) und Cem Özdemir (Grüne) veranstalteten. Die Duelle konzentrierten sich jeweils auf ein zentrales Wahlthema wie Bildung, Wirtschaft oder innere Sicherheit. Die beiden Kontrahenten standen sich dabei - von einem Moderator begleitet - in einem gemeinsamen Chat-Fenster gegenüber. Die Teilnehmer konnten jedoch nicht nur, wie bei Einzel-Chats üblich, ihre Fragen stellen, sondern in einem zweiten Chat-Fenster auch ihre Kommentare und Meinungen zum Geschehen auf der Plattform kundtun. Damit wurde nicht nur eine Interaktion mit den Politikern, sondern auch unter den Usern selbst ermöglicht. Darüber hinaus wurden die Chat-Events über die Informations- und Debattenplattform wahlthemen.de, ein Kooperationsprojekt der Bundeszentrale für politische Bildung und des Zentrums für Medien und Interaktivität der Universität Gießen, durch ein Setting von Hintergrundinformationen, Debatten-Foren und Abstimmungs-Tools thematisch und dramaturgisch eingebunden. [12] An diesen Beispielen wird die Vernetzung verschiedener Medienkanäle durch das Internet deutlich. Auch wenn dabei die Ebene der Online-Kommunikation in ihrer Quantität noch weit hinter den Massenmedien zurücksteht, wird ihre interaktive und diskursive Qualität erkennbar, die für eine Weiterentwicklung derartiger Formate richtungweisend ist.

Im Rückblick auf den Online-Wahlkampf von 1998 erscheint vieles aus der heutigen Perspektive nicht nur bescheiden und unprofessionell, sondern auch aus dem Zufall geboren. Dennoch hat sich bereits damals eine Struktur und Dramaturgie für den Online-Wahlkampf herauskristallisiert, die in wesentlichen Teilen auch 2002 ihre Gültigkeit behalten hat. Zuerst lieferten die virtuellen Parteizentralen Wahlkampfmaterial, dann wurden mehr und mehr Kandidatendomains ausgekoppelt. Daraufhin richteten die Online-Medien ihre Aufmerksamkeit dem neuen Wahlkampf- und Kampagnenschauplatz zu und förderten vor allem die Vernetzung und Vergleichbarkeit der Angebote. Als Bedienungsanleitung für den Online-Wahlkampf kamen parteiunabhängige Bildungs- und Informationsangebote hinzu. Abgerundet wurde die Arena des Online-Wahlkampfes schließlich durch Umfragen, Testwahlen und Entertainment- bzw. Politainment-Formate, die entweder unter eigener Domain firmierten oder in andere Angebote integriert wurden.

Fußnoten

10.
Vgl. z. B. das Transkript des Live-Chats zum zweiten Fernsehduell am 8. 9. 2002, (http://www.wahlthemen.de/themenwahl/phasen/politikodershow/phase5/auswertungchat/tanskriptbiebergroebel). Leider sind hier nur die Kommentare der Experten, Professor Dr. Jo Groebel (Leiter des European Institute for the Media) und Dr. Christoph Bieber (Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität Gießen), dokumentiert.
11.
Die Korrespondenz dauerte jedoch nur bis zum Rücktritt von Cem Özdemir wegen der Bonusmeilen-Affäre. Nachzulesen unter: (http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,208621,00.html).
12.
Vgl. (http://www.zmi.uni-giessen.de/sektion1/wahlthemen.shtml).