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3.12.2002 | Von:
Eike Hebecker

Experimentieren für den Ernstfall - Der Online-Wahlkampf 2002

VI. Digitale Dramaturgie

Neben der strategischen Aufstellung der Parteien im Netz spielte 2002 in zunehmendem Maße die zeitliche Dramaturgie des Wahljahres auch für den Online-Wahlkampf eine zentrale Rolle. Bereits sehr früh im Wahljahr wurden Websites verankert, um sich zu positionieren und über eine Operationsbasis zu verfügen, von der aus jederzeit eigene Aktionen gestartet und flexibel auf die Aktivitäten des politischen Gegners reagiert werden konnte. Christoph Bieber sieht in den frühzeitigen Internet-Aktivitäten nicht nur einen Hinweise auf den enormen Bedeutungszuwachs des Online-Wahlkampfes. "Darüber hinaus ist im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 auch eine Dramaturgie zu erkennen, die von wesentlichen Eckdaten des politischen Jahreskalenders strukturiert wird. Dazu zählen die Kandidatennominierungen, Kommunal- oder Landtagswahlen, Bundes- und Wahlparteitage sowie die für die heiße Wahlkampfphase im Herbst vorgesehenen Fernsehduelle." [13] Die FDP hatte bereits auf ihrem 52. Ordentlichen Bundesparteitag im Mai 2001 in Düsseldorf neben der "Strategie 18 %" eine weit reichende Richtungsentscheidung für den Bundestagswahlkampf 2002 getroffen: fdp.de wurde zum neuen offiziellen Logo der Liberalen. FDP-Chef Westerwelle beantwortete die Frage nach der Rolle des Internets als Wahlkampfinstrument in einem Interview mit heute.t-online.de: "Schon jetzt gehen mehr als eine halbe Million Menschen regelmäßig auf unsere Homepages. Das ist das erfolgreichste Ansprachemittel der Wähler für die Freien Demokraten. Wir werden den Internet-Auftritt ausbauen ... ." [14]

Zu den Eckdaten des Online-Wahlkalenders zählte auch die Computermesse CeBIT im März 2002, auf der Politiker und Parteien vor allem Medienkompetenz präsentieren konnten. So wurde hier die neu gestaltete Website bundeskanzler.de der Öffentlichkeit vorgestellt, und die CDU präsentierte ihre Politiksimulation wahlkreis300.de. Dieses community-orientierte Spiel, das sich vor allem an Jung- und Erstwähler richtet, stellte zwar für die CDU konzeptionelles Neuland dar. Aber die Spielidee des virtuellen Wahlkreises, in dem man sich durch diverse Aktivitäten bis zum Kanzlerkandidaten hocharbeiten kann, war schlicht von der etablierten Politik-Community democracy online today (dol2day.com) übernommen worden. Dieser Affront gegen die Netz-Community sowie die Verwendung der offiziellen Logos anderer Parteien auf einer CDU-Website führten zu Protesten und einer zeitweiligen "feindlichen" Übernahme des Wahlkreises300 durch dol2day-User. [15]

Eine wichtige Etappe im Online-Wahlkampf ist für die Parteien die offizielle Vorstellung der Homepage ihrer Spitzenkandidaten. Am 15. Mai stellte Edmund Stoiber auf einer Pressekonferenz seine persönliche Website vor. Der mediengerechte Ort für die Präsentation war eine "Surf-and-Sushi"-Bar in Berlin-Mitte. Zusammen mit seiner Frau Karin schaute sich der Kanzlerkandidat unter Anleitung des Online-Teams seine neue Website (stoiber.de) an und entschwand wieder. Eine ähnliche Strategie im Zusammenspiel etablierter Wahlkampf- und innovativer Netzmedien legte auch der Kanzler an den Tag. In dem Wissen, dass bisher noch jede Online-Aktivität ein Offline-Echo in den Medien gefunden hat, wurde der Launch seiner persönlichen Website (gerhard-schroeder.de) Ende Juni konsequenterweise im Sony-Center in Berlin zelebriert. Höhepunkt war die Live-Übertragung eines Interviews durch AOL und freenet. Es folgte die obligatorische Pressemitteilung, [16] die von über zwei Millionen Zugriffen in den ersten 48 Stunden nach der Freischaltung berichtete und Pressestimmen zitierte, die die Professionalität und mediengerechte Ästhetik loben. Was in der Folge mit der Website geschieht, schien niemanden mehr wirklich zu interessieren, es war zumindest keine Meldung mehr wert. Durch die Verschränkung von medialen Kanälen ist hier jedoch zumindest das Medienecho messbar, während es an gesicherten Erkenntnissen über die Wirkung der Online-Angebote auf die Wählerinnen und Wählern nach wie vor mangelt. Diese mediale Verschränkung zeigt sich auch daran, das kaum ein Wahlplakat mehr ohne die Nennung der Website auskommt. Im Falle der Homepage von Bundeskanzler Schröder wurde im Zuge einer integrierten Kampagne sogar auf die identische Bebilderung von Web-Präsenz und Wahlplakat gesetzt.

Aber auch die Bundes- bzw. Wahlparteitage haben sich zu wichtigen Netz-Ereignissen entwickelt. Auf einer separaten Domain wie spd-parteitag.de/ oder integriert in die Partei-Website findet auch im Internet eine intensive Vor- und Nachbereitung dieser zentralen Zeremonien in der Wahlkampfdramaturgie statt. [17]

Damit verlagert sich auch der Online-Wahlkampf für kurze Zeit auf den Inhalt und vor allem auf die mediale Umsetzung der auf einem Wahlparteitag zelebrierten "Krönungsmessen". Neben der Bereitstellung und Dokumentation von Anträgen, Beschlüssen und zentralen Reden in Bild, Ton und Wort liegt der Schwerpunkt auch im Netz auf der Darstellung der positiven Stimmung und des Siegeswillens. Ebenso wie es der Parteitagsregie in der Regel gelingt, die Berichterstattung der Massenmedien in diesem Sinne zu lenken, werden selbstverständlich auch auf den Parteitags-Websites alle Register einer positiven Selbstinszenierung gezogen. Hans-Georg Soeffner und Dirk Tänzler haben bereits anhand ihrer Analyse des Leipziger Parteitags der SPD von 1998 zeigen können, dass die mediale Berichterstattung über den Wahlparteitag trotz der kritischen Attitüde nichts anderes als eine "Hofberichterstattung" liefert. "Die Medienvertreter erliegen selbst der Macht der schönen Bilder und haben kein adäquates Medienformat zur Bewältigung der neuen Realität." [18]

Die zeitliche Dramaturgie des Online-Wahlkampfes verweist damit auch auf seine generelle Strategie. Im Internet wird nicht nur begleitet, was sich an anderen Orten oder in anderen Medien ereignet. Im und um das Netz wird vielmehr selbst eine Reihe von Events inszeniert, die ihrerseits crossmedial vermarktet werden. Damit wird das Internet als unverzichtbarer Bestandteil in den Medienverbund der Wahlkampfkommunikation integriert.

Fußnoten

13.
Christoph Bieber, Online-Wahlkampf 2002. Formate und Inhalte in der digitalen Politikarena, in: Media Perspektiven, (2002) 6, S. 277 - 283, hier S. 277.
14.
Zit. in: (http://www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/0,1367,POL-0 - 174991,FF.html).
15.
Vgl. Torsten Kleinz, Offene Plattform oder Plagiat?, in: telepolis vom 22. 3. 2002 sowie ders., Wahlkreis der Affen?, in: telepolis vom 3. 4. 2002, (http://www.heise.de/tp).
16.
Vgl. (http://www.spd.de/servlet/PB/menu/1019058/index.html).
17.
Vgl. hierzu ausführlich: Eike Hebecker, Digitale Delegierte? Funktionen und Inszenierungsstrategien virtueller Parteitage, in: Ulrich von Alemann/Stefan Marschall (Hrsg.),'Parteien in der Mediendemokratie, Wiesbaden 2002, S. 232 - 255.
18.
Hans-Georg Soeffner/Dirk Tänzler, Medienwahlkämpfe. Hochzeiten ritueller Politikinszenierung, in: Andreas Dörner/Ludgera Vogt (Hrsg.), Wahl-Kämpfe. Betrachtungen über ein demokratisches Ritual, Frankfurt/M. 2002, S. 92 - 115, hier S. 112.