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3.12.2002 | Von:
Eike Hebecker

Experimentieren für den Ernstfall - Der Online-Wahlkampf 2002

VII. Interaktivität inaktiviert?

Zur "interaktiven" Standardausstattung politischer und Bericht erstattender Websites gehören Newsletter, Diskussionsforen, Chats, Abstimmungstools zu aktuellen Fragen, reichhaltige Download-Bereiche für Text-, Bild- und Tondokumente sowie Entertainment-Angebote mit Grußkarten, Spielen und Flash-Animationen. Der Anwendung dieser Ausstattungsmerkmale ist vor allem die pflichtbewusste Bereitstellung als unverzichtbares Element der Online-Kommunikation und der instrumentelle Charakter im Sinne der Aufmerksamkeitslenkung und Nutzer-Bindung gemein. Bereits die Verknüpfung von Hintergrundinformationen, aktuellen Themen sowie Foren und Chats ist keine Selbstverständlichkeit, und der Einsatz von Spiel- und Abstimmungstools ist in der Regel eine sich selbst genügende Veranstaltung. Man könnte hier auch von Interaktivitäts-Simulationen sprechen, weil der entscheidende Faktor für die Integration innovativer Tools in der Regel deren Alleinstellungsmerkmal und weniger das kommunikative Potenzial ist.

Während das Internet auf der Ebene der internen Parteinkommunikation als zentralisiertes Distributionsmittel im Rahmen der Wahlkampforganisation und Mitgliedermotivation intensiv genutzt wird, ist eine solche Ambitioniertheit bei Angeboten einer interaktiven Wählerkommunikation noch zu vermissen. Das scheint jedoch weniger an den Erwartungen und der Bereitschaft der Nutzer als vielmehr am Willen der Wahlkampfstrategen zu liegen. Nimmt man die als "interaktiv" firmierenden Formate genauer in Augenschein, lassen bereits die Benutzerfreundlichkeit, Moderation und Pflege der Angebote zu wünschen übrig. Und wer sich einmal die Mühe gemacht hat, eine direkte Anfrage an die Wahlkampfzentralen oder einzelne Politiker zu stellen, kann - Ausnahmen bestätigen die Regel - von langen Wartezeiten berichten, wenn er denn überhaupt eine Antwort erhält. So entsteht leicht der Eindruck, dass - trotz der anders lautenden Intention - die Rückkanalfunktion im Sinne eines interaktiven Diskurses, der Wünsche, Anregungen und Fragen der Wähler kommuniziert, nicht wirklich erwünscht ist. Das Internet funktioniert hier nach wie vor als Wahlkampfkommunikation von "oben". Eine Partizipation im Sinne deliberativer Themendiskussionen findet nicht statt, und die Kommunikation beschränkt sich auch hier letztlich auf die Motivation zu Urnengang und Stimmabgabe.

Die Erwartungen, die Internet-User an die Parteiangebote und Politiker-Websites stellen, weisen jedoch in die entgegengesetzte Richtung. In der Online-Studie "eCandidates2002" wurde erstmals ein Test von Politiker-Websites mit einer repräsentativen Nutzerbefragung verbunden. Die Hälfte der Befragten hält die Internetpräsenz der Kandidaten im Wahlkampf für wichtig oder sehr wichtig. 36 Prozent gaben an, sich im Internet über Parteien und Kandidaten zu informieren. Die inhaltlichen Präferenzen liegen bei den politischen Arbeitsschwerpunkten der Kandidaten, den Parteiprogrammen sowie der argumentativen Aufbereitung der Positionen. Im Servicebereich werden Links zu aktuellen Themen und Text-Downloads bevorzugt und rangieren direkte Kontaktmöglichkeiten und Online-Sprechstunden weit vor Online-Spenden, dem Parteibeitritt per Mausklick sowie Gästebüchern und Foren, die vielfach von den Parteien angeboten werden. [19]

Im Online-Wahlkampf sind 2002 jedoch nicht mehr nur die netz-affinen Kandidatinnen und Kandidaten mit einer eigenen Homepage präsent. Das Internet gehört mittlerweile zu den medialen Pflichtübungen, und die Erwartungshaltung der Wählerinnen und Wähler ist mittlerweile so hoch, dass semiprofessionelle Auftritt nicht mehr ausreichen. Dass sich zumindest die Parteiseiten im Hinblick auf ihre Professionalität und Nutzerfreundlichkeit nicht vor einem Vergleich mit Unternehmensseiten scheuen müssen, zeigt eine Untersuchung des Dortmunder ProfNet Instituts für Internet-Marketing. Hier erhielten die Online-Auftritte der deutschen Parteien durchschnittlich bessere Noten als die von Wirtschaftsunternehmen. [20]

Fußnoten

19.
Vgl politik-digital.de/eMind@emnid/3-point concepts, eCandidates2002. (http://www.3-point.de/downloads/ecandidates2002.pdf), hier S. 14ff.
20.
Vgl. Duell im Netz, in: Capital, 17/2002, S. 22.