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3.12.2002 | Von:
Eike Hebecker

Experimentieren für den Ernstfall - Der Online-Wahlkampf 2002

VIII. Der parteiunabhängige Online-Wahlkampf

An der Peripherie des Online-Wahlkampfes finden sich nach wie vor eine Vielzahl partei-unabhängiger Angebote, die rein privat betrieben oder institutionell organisiert sind. Je nach Qualität und Originalität kann es jedoch auch passieren, dass diese in das Zentrum rücken bzw. von den professionellen Playern integriert oder adaptiert werden. Vor allem der systematische Ausbau von Bildungs- und Wissenschaftsangeboten, die die Bundestagswahl nicht nur zum Thema machen, sondern selbst innovative Formate der Wählerbildung, -motivation, -kommunikation und -evaluation im Netz erproben, hat zur Etablierung einer dritten Säule des Online-Wahlkampfes neben den Parteien und den Bericht erstattenden Medien geführt. Allein die Bundeszentrale für politische Bildung produzierte und unterstützte eine Reihe von Projekten, die sich an unterschiedliche Zielgruppen wandten. [21] Darüber hinaus sind vor allem im universitären Umfeld zahlreiche Projekte und Initiativen entstanden, die sich mit Online-Prognosen sowie der Wählmotivation und -bildung befasst haben. [22]

Während sich der Online-Wahlkampf entlang seiner tragenden Säulen aus Parteien, Berichterstattung und Wählerbildung weiterentwickelt, etabliert und professionalisiert hat, ist die Begeisterung für die Bundestagswahl im Netz groß. Die Eingabe "Wahlkampf 2002" ergab im September 2002 je nach Suchmaschine etwa 150.000 bis 170.000 Treffer und keine Spur von Politikverdrossenheit. Dass überall alles zur Bundestagswahl zu finden ist, liegt weniger am Gegenstand, sondern an der Logik der Informationsaufbereitung und -verwertung im Internet. Die Basisinformationen sind frei verfügbar, ein Link ist schnell gesetzt und kein Anbieter, privat oder professionell, will sich die Blöße geben, nicht vorweisen zu können, was anderenorts auch präsentiert wird. Das Aufmerksamkeitspotenzial um das Thema Bundestagswahl, das politische Interesse und Engagement oder einfach der Selektions- und Präsentationseifer der User sind ausschlaggebend für die aktive Beteiligung in der Arena des Online-Wahlkampfes. Unabhängig von der Qualität und individuellen Reichweite zählt hier allein die Präsentation einer eigenen Auswahl an Themen, Positionen und Links, mit denen man sich von der Peripherie direkt an die Zentren des Wahlkampfes anschließt.

Als der Entertainer Harald Schmidt während der heißen Wahlkampfphase in seiner Show die Website wahl-o-mat.de anklickte und sich vor laufenden Kameras dem kritischen Selbsttest seiner politischen Einstellung unterzog, waren die Folgen absehbar: Es konnte zwar nicht unbedingt erwartet werden, dass nach dem Abgleich der parteipolitischen Statements mit den Antworten des Entertainers eine konkrete Wahlempfehlung für Bündnis 90/Die Grünen ausgeworfen wurde. Aber dass unter den Klicks tausender Schmidt-Fans der Server der Website kurz nach der Sendung "in die Knie ging", war durchaus kalkulierbar. Die Betreiber des wahl-o-mat, 80 Studierende der Freien Universität Berlin, die sich in dem Projekt "Politikfabrik" zusammengefunden haben, konnten sich über diesen Medien-Coup freuen. Der Durchbruch war geschafft, und die Userzahlen kletterten von 2.600 vor der Sendung auf 2.269.756 "Wahlhilfen" bis zum 22.9.2002 um 18.00 Uhr. Allein die Begeisterung des Kooperationspartners, der Bundeszentrale für politische Bildung, auf deren Server der wahl-o-mat lief, war nicht uneingeschränkt. Auch ihre Onlineangebote waren erst am folgenden Tag wieder erreichbar, aber etwas vom Glanz der gelungenen und innovativen Aktion strahlte natürlich auch auf ihr Image ab.

Der Online-Wahlkampf 2002 weist in seiner Bandbreite ambivalente Tendenzen auf, die von einer Professionalisierung und Standardisierung über eine Dynamisierung bis hin zu einer Popularisierung im Sinne eines Massenmediums reichen. Die Arena aus Parteien, Bericht erstattenden Medien, Wählerbildung sowie dem aktiven und passiven Publikum ist jedoch nicht hermetisch geschlossen, sondern ein Austausch und Mobilität ist zwischen diesen Ebenen nach wie vor gegeben. Darüber hinaus ist eine intensive Vernetzung der verschiedenen Wahlkampfmedien feststellbar. In welche Richtung sich der Online-Wahlkampf weiterentwickelt und ob interaktive Formate gegenüber der Kolonisierung durch die massenmediale Kommunikation bestehen können, bleibt abzuwarten. Dies hängt maßgeblich davon ab, ob sich die Parteien noch mehr für interaktive Diskussions- und Beteiligungsformate öffnen. Das Potenzial und die Nachfrage dafür bestehen auf Seiten der Internet-User und müssen gegebenenfalls durch parteiunabhängige Institutionen und Initiativen weiterentwickelt werden. Medien-, Parteien- und Beteiligungsdemokratie bilden hier keinen Gegensatz, sondern markieren eine gemeinsame Entwicklungsperspektive, die es nachhaltig zu nutzen gilt.

Fußnoten

21.
Vgl. u. a. (http://www.hanisauland.de, http://www.projekt-wahlen2002.de, http://www.wahl-gang.de, http://www.wahlthemen.de).
22.
Stellvertretend sei hier auf die Projekte: http://www.erstwaehler2002.de (Universität Düsseldorf), http://www.wahlumfrage2002.de (Universität Bamberg) und http://www.wahlkampf2002.net (Universität Kiel) verwiesen.