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31.10.2002 | Von:
Michael Kunczik
 Astrid Zipfel

Gewalttätig durch Medien?

II. Ausgewählte Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen

Anhänger der Katharsisthese gehen von der Existenz eines angeborenen Aggressionstriebes aus. Sie behaupten, durch das dynamische Mitvollziehen von an fiktiven Modellen beobachteten Gewaltakten in der Phantasie werde der Drang des Rezipienten abnehmen, selbst aggressives Verhalten zu zeigen. Die Katharsisthese, die sich bis auf Aristoteles zurückführen lässt, kann als widerlegt angesehen werden. In einer jüngeren Studie von Jürgen Grimm konnte allerdings im Hinblick auf Gewaltdarstellungen in den Kampfsportfilmen "Rambo" und "Savage Street" zumindest kurzfristig eine Aggressionsminderung nachgewiesen werden. [6] Diese Aggressionsminderung war nicht mit Hilfe der Konzepte Furcht/Angst im Sinne der so genannten Inhibitionsthese zu erklären, der zufolge das Betrachten von Gewaltdarstellungen Aggressionshemmungen auslöst.

Eine Variante der Katharsisthese stellt die These der kognitiven Unterstützung dar. Diese besagt, dass die Fähigkeit zur Phantasietätigkeit es ermögliche, den unmittelbaren Ausdruck von Impulsen zu kontrollieren. Für Individuen mit geringen kognitiven Fähigkeiten und einer schwach entwickelten Phantasie sei das Fernsehen eine wichtige Quelle für phantasieanregendes Material, durch das die Fähigkeit zur Kontrolle aggressiver Impulse eine kognitive Unterstützung erfahre. Auch für diese These gibt es keine überzeugenden empirischen Befunde.

Die Habitualisierungsthese basiert auf der empirisch gesicherten Annahme, dass ein einzelner Film kaum in der Lage ist, Einstellungen oder sogar Persönlichkeitsstrukturen dauerhaft zu verändern. Stattdessen werden langfristige, kumulative Effekte betont. Der Habitualisierungsthese zufolge nimmt die Sensibilität gegenüber Gewalt durch den ständigen Konsum von Fernsehgewalt ab, bis Aggression schließlich als normales Alltagsverhalten betrachtet wird. Die Problematik der Habitualisierungsthese liegt darin, dass in den entsprechenden Studien die wiederholte Betrachtung von Fernsehgewalt sehr unterschiedlich verstanden und operationalisiert wird. Die Befunde müssen als bruchstückhaft, zusammenhanglos und widersprüchlich bezeichnet werden. Dies zeigte etwa eine Meta-Analyse der zur Habitualisierungsthese vorliegenden Forschungsbefunde, in der insgesamt 30 Studien zu dieser Thematik für den Zeitraum 1983 bis 1992 identifiziert wurden. Die Analyse kam zu dem Schluss, dass die Habitualisierungsthese noch der empirischen Untersuchung bedarf [7] - ein Urteil, das auch heute noch gültig ist.

Langfristige Medienwirkungen stehen auch im Mittelpunkt der so genannten Kultivationsthese. Diese beruht auf der Annahme, dass häufig und über einen längeren Zeitraum hinweg angesehene Gewaltdarstellungen in Unterhaltungsprogrammen v. a. die Vorstellungen der Vielseher von der Realität beeinflussen, sie die Häufigkeit von Verbrechen überschätzen lassen und die Furcht vor Verbrechen steigern. Stärker als bei Rezipienten, die wenig fernsehen, übernähmen Vielseher das Realitätsbild, das ihnen das Fernsehen biete und in dem Kriminalität überrepräsentiert sei. Auch diese These ist nicht unumstritten. [8] So wäre zu prüfen, ob das Fernsehen die Rezipienten tatsächlich furchtsamer macht oder sich nicht eher furchtsame Rezipienten stärker dem Fernsehen zuwenden. Auch sagt der hohe Medienkonsum noch nichts über die Art der konsumierten Inhalte aus, und der mit Vielsehen evtl. einhergehende Abstumpfungseffekt könnte die Wirkung mindern.

Die eher simple Suggestionsthese, die besagt, dass die Beobachtung von Mediengewalt beim Rezipienten zu einer Nachahmungstat führe, wird in der wissenschaftlichen Literatur nicht mehr vertreten. Eine Reihe von Studien stützt jedoch die These, dass für bestimmte Rezipienten das Konzept der Suggestion unter bestimmten Bedingungen zur Erklärung von in der natürlichen Umgebung auftretenden Effekten von Mediengewalt geeignet ist. So stieg die Selbstmordziffer nach der Veröffentlichung von Berichten über Selbstmorde (z. B. von Marilyn Monroe) an. [9] In Anlehnung an Goethes Werk Die Leiden des jungen Werther, das wegen befürchteter Nachahmungstaten (Selbstmord) in einigen Ländern verboten war, wird hier vom "Werther-Effekt" gesprochen. Auch in Deutschland gibt es Befunde, die für eine Nachahmung von im Fernsehen gezeigtem fiktivem Selbstmord sprechen. [10]

Die Vertreter der "Excitation-Transfer"-These gehen davon aus, dass Medieninhalte (Gewalt, aber auch Erotik, Humor usw.) unspezifische emotionale Erregungszustände beim Rezipienten auslösen können, die ein "Triebpotenzial" bilden. Welches Verhalten daraus resultiert, hängt von Situationsfaktoren ab und steht mit der Qualität des gesehenen Inhalts in keinerlei Zusammenhang. Die These besagt lediglich, dass residuale, d. h. noch nicht abgebaute Erregung in Situationen, die zu der die Erregung bewirkenden Situation keinerlei Beziehung aufweisen müssen, zu intensiverem Verhalten führt ("Transfer of Excitation"). Bei einer entsprechenden situationsbedingten Motivation könnten erotische Medieninhalte ebenso gewalttätiges Verhalten fördern, wie gewalthaltige Inhalte in der Lage wären, prosoziale Handlungen zu unterstützen.

Der Erregungszustand des Individuums und Situationsfaktoren spielen auch bei der Stimulationsthese eine Rolle. Dieser Ansatz ist insbesondere mit dem Namen Leonard Berkowitz [11] verbunden. Berkowitz zieht aus seinen Experimenten den Schluss, das Betrachten bestimmter (z. B. als gerechtfertigt gezeigter) Gewalt führe unter bestimmten Bedingungen zu einer Zunahme aggressiven Verhaltens. Zu diesen Bedingungen gehören persönlichkeitsspezifische und situative Faktoren. Bei den persönlichkeitsspezifischen Faktoren handelt es sich v. a. um durch Frustration bewirkte emotionale Erregung. Unter situativen Bedingungen versteht Berkowitz z. B. aggressionsauslösende Hinweisreize, die entweder mit gegenwärtigen Ärgernissen oder vergangenen Erlebnissen assoziiert werden oder grundsätzlich aggressionsauslösend wirkten, wie z. B. Waffen. Nach Berkowitz schafft ein durch Frustration bewirkter Zustand emotionaler Erregung eine Disposition für Aggression bzw. ein Handlungspotenzial, bei dem die Gewaltdarstellung, insbesondere wenn sie Ähnlichkeiten zur realen Situation der Person aufweist, aggressives Verhalten auslöst. Abgesehen davon, dass sich die Aussagen von Berkowitz nur auf sehr kurzfristige Medienwirkungen beziehen, können seine Experimente aufgrund diverser methodischer Mängel nicht als Beweis für einen Stimulationsmechanismus gewertet werden. [12] Auch andere Studien konnten diese These nicht eindeutig nachweisen.

Zur Einordnung der mittel- und langfristigen Wirkungsbefunde der Medien-und-Gewalt-Forschung scheinen lerntheoretische Überlegungen am besten geeignet zu sein. Vertreter der Lerntheorie sind davon überzeugt, dass sich Verhalten aus einer ständigen Wechselwirkung von Persönlichkeits- und Umweltfaktoren ergibt und keiner dieser beiden Bereiche isoliert betrachtet werden kann. Albert Bandura [13] geht in seiner Theorie des Beobachtungslernens davon aus, dass sich Menschen, indem sie (in der Realität oder in den Medien) das Verhalten anderer Personen verfolgen, Handlungsmuster aneignen ("Lernen am Modell"). Ein zentraler Aspekt der Lerntheorie besteht jedoch in der Annahme, dass der reine Tatbestand des Erlernens von Verhaltensweisen noch nichts über deren tatsächliche Ausführung sagt. Die Lerntheorie nimmt an, dass der Mensch in der Lage ist, die Ausübung einer Handlung von deren vermutlichen Konsequenzen abhängig zu machen. Normalerweise unterliegt gewalttätiges Verhaltenspotenzial Hemmungen, d. h. regulativen Mechanismen wie sozialen Normen, Furcht vor Bestrafung und Vergeltung, Schuldgefühlen und Angst, die verhindern, dass Aggression zu Tage tritt. Ob aus den latenten Handlungsmodellen manifestes Verhalten resultiert, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Hierzu zählen neben der Ähnlichkeit der Situation und dem Vorhandensein der entsprechenden Mittel für eine Imitation (z. B. Besitz von Waffen) in erster Linie die Konsequenzen eines solchen Verhaltens (Erfolg bzw. Misserfolg, Belohnung bzw. Bestrafung usw.) sowohl für das Modell als auch für den Beobachter. Erfolg des Modellverhaltens ist als stellvertretende Bekräftigung des Beobachters zu verstehen.

Insgesamt werden im Rahmen der Lerntheorie neben den Merkmalen von Medieninhalten (z. B. Stellenwert, Deutlichkeit, Nachvollziehbarkeit von Gewalt, Effizienz, Rechtfertigung, Belohnung von Gewalt) die Eigenschaften des Beobachters (z. B. Wahrnehmungsfähigkeiten, Erregungsniveau, Charaktereigenschaften, Interessen, frühere Erfahrungen, wie z. B. Bekräftigung erworbener Verhaltensmuster) sowie die situativen Bedingungen (z. B. Sozialisation, Normen und Verhaltensweisen in der familiären Umwelt und in den Bezugsgruppen, d. h. Peergroups) als Einflussfaktoren bei der Wirkung von Mediengewalt einbezogen. Dabei berücksichtigt die Lerntheorie, dass Handeln durch Denken kontrolliert wird und verschiedene Beobachter identische Inhalte unterschiedlich wahrnehmen und daraus auch unterschiedliche Verhaltenskonsequenzen ableiten können. So gesehen ist auch der Befund, dass Kinder, die keine Präferenz für brutale Medieninhalte besitzen, selbst nach langem Kontakt mit Mediengewalt keinerlei Neigung zeigen, dieses Verhalten nachzuahmen, [14] kein Widerspruch zur Lerntheorie.

Angesichts der vorangegangenen Überlegungen sowie des Tatbestandes, dass das Fernsehen nur einer von vielen die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussenden Faktoren ist, wäre in Feldstudien ein relativ schwacher positiver Zusammenhang zwischen dem Konsum von Fernsehgewalt und der späteren Aggressivität zu erwarten. Betrachtet man die in den verschiedenen Ländern durchgeführten Studien, dann ergibt sich genau dieses Muster. Während die einzelnen Korrelationskoeffizienten jeweils für sich nicht kausal interpretierbar sind, spricht das Gesamtmuster der Befunde für einen Einfluss des Fernsehens auf spätere Aggressivität. Die Resultate der Feldstudien entsprechen auch von der Stärke her den Erwartungen, die aufgrund lerntheoretischer Überlegungen gehegt werden. Die Koeffizienten variieren ungefähr zwischen 0,1 und 0,2, d. h., etwa zwischen ein und vier Prozent des späteren aggressiven Verhaltens wird in den Feldstudien durch den vorherigen Konsum von Fernsehgewalt erklärt. Allerdings hat es sich durchgesetzt, Korrelationskoeffizienten, deren Stärke geringer als 0,2 ist, als unbedeutend und uninterpretierbar zu betrachten. Der Einwand, dass die Werte zu schwach sind, berücksichtigt aber nicht, dass eine im Schnitt recht schwache Beziehung für alle Probanden eines Samples für einige Personen bzw. Personengruppen einen durchaus starken Zusammenhang bedeuten kann. So scheint bei bestimmten Rezipienten ein sich selbst verstärkender Prozess in dem Sinne vorzuliegen, dass der Konsum violenter Medieninhalte die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens, aggressiver Einstellungen und/oder Phantasien erhöht. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass violente Medieninhalte als attraktiv angesehen werden, was wiederum die Zuwendung zu aggressiven Medieninhalten fördern kann. Zu den Faktoren, die einen derartigen Prozess begünstigen, gehören u. a. niedriges Selbstbewusstsein und soziale Isolation, die mit erhöhtem Fernsehkonsum verbunden ist.

Von entscheidender Bedeutung hinsichtlich möglicher negativer Effekte von Mediengewalt auf Kinder und Jugendliche ist aber die familiäre Situation: Kinder aus intakten Familien sind wenig gefährdet, weil genügend kompensierende Einflüsse vorhanden sind. Auch für das Erlernen von Aggression gilt, dass zunächst erstens die unmittelbare familiäre Umwelt sowie zweitens die Subkultur bzw. die Gesellschaft, in der man lebt, die Quellen sind, aus denen aggressives Verhalten erlernt wird. Erst an dritter Stelle treten dann die massenmedial angebotenen aggressiven Modelle hinzu. Es scheint so zu sein, dass Gewaltdarstellungen auf die Mehrheit der Betrachter keine oder nur schwache Effekte haben, aber bei bestimmten Problemgruppen womöglich starke Wirkungen zeigen.

Fußnoten

6.
Vgl. Jürgen Grimm, Fernsehgewalt. Zuwendungsattraktivität, Erregungsverläufe, Sozialer Effekt. Zur Begründung und praktischen Anwendung eines kognitiv-physiologischen Ansatzes zur Medienwirkung am Beispiel von Gewaltdarstellungen, Opladen - Wiesbaden 1999.
7.
Vgl. Werner Fröhlich/Michael Kunczik u. a., Habituation an Mediengewalt - eine Metaanalyse, unv. Forschungsbericht, Mainz 1993.
8.
Dagegen sprechen etwa die Befunde einer jüngeren Studie von Jürgen Grimm, der zufolge Gewaltdarstellungen zwar teilweise zunächst zu mehr Angst beitrugen, es aber dennoch in der Regel zu einem Abbau von "Scary-World-Ansichten" (d. h. der Vorstellung, in einer bedrohlichen Welt zu leben) kam (vgl. J. Grimm Fernsehgewalt [Anm. 6]). Zu den Schwachpunkten der These vgl. M. Kunczik (Anm. 5), S. 133 - 145 und Michael Kunczik/Astrid Zipfel, Publizistik. Ein Studienhandbuch, Köln - Weimar - Wien 2001, S. 403 - 408.
9.
Vgl. David P. Phillips, The Influence of Suggestion on Suicide: Substantive and Theoretical Implications of the Werther Effect, in: American Sociological Review, 39 (1974), S. 340 - 354.
10.
1981 und 1982 strahlte das ZDF den sechsteiligen Fernsehfilm Tod eines Schülers aus, in dem ein 19-jähriger Schüler von der Eisenbahn überrollt wird. Imitationen des Selbstmordes waren am deutlichsten bei solchen Personen nachzuweisen, die dem Rollenmodell am meisten ähnelten; in diesem Fall 15- bis 19-jährige männliche Jugendliche, für die eine Zunahme der Selbstmorde in der im Fernsehen gezeigten Weise um 175 % festzustellen war (Beobachtungszeitraum: 70 Tage nach der jeweils ersten Sendung). Die Auswirkungen der zweiten Ausstrahlung des Fernsehspiels waren wesentlich schwächer. Vgl. Armin Schmidtke/Heinz Häfner, Die Vermittlung von Selbstmordmotivation und Selbstmordhandlung durch fiktive Modelle. Die Folgen der Fernsehserie "Tod eines Schülers", in: Der Nervenarzt, 57 (1986), S. 502 - 510.
11.
Vgl. z. B. Leonard Berkowitz, Roots of Aggression, New York 1969.
12.
Zu den Mängeln der Studien von L. Berkowitz vgl. ausführlich M. Kunczik (Anm. 5), S. 86 f.
13.
Vgl. z. B. Albert Bandura, Aggression. Eine sozial-lerntheoretische Analyse, Stuttgart 1979, oder ders., Sozial-kognitive Lerntheorie, Stuttgart 1979 (zuerst 1973).
14.
Vgl. Brent J. Slife/Joseph F. Rychlak, Role of Affective Assessment in Modeling Aggressive Behavior, in: Journal of Personality and Social Psychology, 43 (1982), S. 861 - 872.