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31.10.2002 | Von:
Michael Kunczik
 Astrid Zipfel

Gewalttätig durch Medien?

III. Aktuelle Forschungsansätze

Die Schwierigkeit für die Forschung liegt darin, herauszufinden, wie man solche Problemgruppen erreicht. Einen ersten Schritt stellte eine Befragung von klinischen Psychologen und Psychiatern dar. [15] Diese Untersuchung ergab, dass die Befragten aufgrund ihrer Berufserfahrung zum überwiegenden Teil von einer eher schädlichen Wirkung der Gewaltfilme ausgingen. Zu den beobachteten Symptomen gehörten Schlafstörungen und Übererregbarkeit sowie insbesondere aggressives Verhalten durch den Konsum von filmischer Gewalt. Sehr häufig wurde angeführt, dass Kinder und Jugendliche versuchen, ihr eigenes aggressives Verhalten durch Vorbilder aus Gewaltfilmen zu rechtfertigen (Rationalisierungsthese). Circa zwei Drittel der Befragten hatten diese Erfahrung schon häufig oder gelegentlich gemacht. Dass Kinder oder Jugendliche von sich aus sagten, das Fernsehen habe Einfluss auf ihr Verhalten genommen, war ebenfalls keine Seltenheit in der beruflichen Praxis der Psychologen und Psychiater. Jeweils gut 40 Prozent schilderten diese Beobachtung. Hier scheint sich die öffentliche Diskussion über die Gefahren von Mediengewalt bereits in konkreten Schuldzuweisungen an das Medium Fernsehen niederzuschlagen.

Ein zentraler Befund der Studie bestand darin, dass die Befragten einen engen Zusammenhang zwischen der häuslichen Situation und dem Gewaltfilmkonsum herstellten. Sie betonten die Bedeutung des Vorbilds der Eltern, und zwar sowohl in Bezug auf deren Fernseh- und Videokonsum als auch auf deren Aggressivität. Am häufigsten wurde ein Zusammenhang zwischen vernachlässigendem Erziehungsstil und Gewaltfilmkonsum der Kinder erwähnt. Die Experten nannten Fernseh- oder Gewaltfilmkonsum jedoch in keinem Fall als Alleinverursacher einer Verhaltensauffälligkeit, sondern führten diesen Faktor immer nur im Zusammenhang mit anderen Problemen auf. Trotzdem waren die Psychologen und Psychiater bei fast jeder Fragestellung bereit, den Gewaltfilmen eine negative, verursachende Rolle zuzugestehen: Gewaltfilme bewirken demnach Aggressivität, prägen Rollenverhalten und nehmen negativen Einfluss auf die Schulleistungen.

Eine weitere Expertengruppe, von der aufgrund ihrer Erfahrungen mit straffälligen Jugendlichen anzunehmen ist, dass sie Aussagen über mögliche Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und gewalttätigem Verhalten treffen kann, sind Richter und Staatsanwälte. Eine Befragung dieser Berufsgruppe in Nordrhein-Westfalen [16] ergab, dass vor Gericht ein Einfluss massenmedialer Gewalt auf die Straftat relativ häufig in Betracht gezogen wird. Fast die Hälfte der Befragten gab an, eine solche Begründung ein- oder mehrmals von den Tätern gehört zu haben, wobei die Antworten nahe legen, dass es sich hierbei vor allem um Rationalisierungsversuche handelte. Diese Experten erachteten die von Mediengewalt ausgehende Wirkung auf die kriminelle Entwicklung von Jugendlichen ebenfalls als bedenklich. Aber auch sie betonten, dass Medien nicht als alleine ausschlaggebend zu betrachten sind, sondern die Rolle des erzieherischen Umfeldes, des Milieus sowie des Alkohol- und sonstigen Drogengebrauchs mit zu berücksichtigen ist.

Wie wenig geeignet das Denken in simplen Ursache-Wirkungs-Schemata zur Erklärung der Wirkung von Mediengewalt ist, zeigen auch die Befunde einer umfassenden, methodisch ausgesprochen sauber durchgeführten Untersuchungsreihe von Jürgen Grimm, [17] an der insgesamt über 1 200 Probanden teilgenommen haben. Der wichtigste Befund bestand in der Feststellung, dass sich hinsichtlich der Gewaltrezeption von Spielfilmen das Ergebnis der Experimente "nicht auf die griffige Kurzformel einer durch Medien verrohten Gesellschaft bringen lässt" [18] . Vielmehr reichte die Wirkungsbandbreite "von Gewaltrechtfertigung bis zur Gewaltablehnung, von der Angst bis zur unterhaltsamen Spannung, von politischer Entfremdung bis zu gesteigertem Selbstbewusstsein" [19] . Dabei folgten die Wirkungen von Spielfilmgewalt überwiegend der Logik negativen Lernens. Damit meint Grimm, dass die rezipierten Gewaltmodelle zum Gegenstand kritischer Reflexionen werden und dabei die Violenz eher untergraben denn stärken. Grimm stellte insgesamt bei Spielfilmgewalt eine Dominanz der Opferperspektive fest und kam zu dem Schluss: "Spielfilmgewalt ist ... keine Schule des Mitleids, wohl aber eine Vorschule der Antiviolenz, sofern die Opferdarstellungen Einhakpunkte der Gewaltkritik bieten." [20] Eine deutliche Ausnahme stellte allerdings der von Grimm "Robespierre-Affekt" genannte Wirkungsaspekt dar. Dabei wandelt sich ein zunächst gewaltkritischer Impuls in Aggression gegen Täter. Den Grund sieht der Autor darin, dass sich aus der Identifikation mit den Schwachen und Drangsalierten die Legitimation ableiten lässt, gegen "mächtige Schurken" jedes Mittel einzusetzen. Diese Form der Violenz ist nicht imitativ, sondern opferzentriert und täterkritisch ausgerichtet. Sie ist insbesondere bei der Beobachtung illegitimer Gewalt gegenüber einem sympathischen Opfer zu erwarten. [21]

Angesichts der komplizierten Beziehung zwischen Mediengewalt und Aggressivität kommt in der Forschung immer häufiger ein qualitativer Ansatz zur Anwendung. So befragte Annette Hill 20 männliche und 16 weibliche Versuchspersonen, die über 18 Jahre alt waren und Filme wie "Pulp Fiction" und "Natural Born Killers" gesehen hatten. Die Autorin kam zu dem Schluss, ihre Befunde seien schwierig zusammenzufassen und fast unmöglich zu verallgemeinern. [22] Zentral für die Habitualisierungsthese war allerdings das Ergebnis, dass Konsumenten violenter Filme reale Gewalt in keiner Weise unterhaltsam fanden und zwischen realer und fiktiver Gewalt unterschieden. [23]

Auch Christel Hopf [24] legte im Jahr 2000 eine qualitative Studie mit 24 Probanden im Alter von 18 bis 22 Jahren vor. Auf der Grundlage von Einzelfallanalysen gelangte sie zu dem Ergebnis, dass gewaltbereite Jugendliche durch filmische Gewalt, die als gerechtfertigt dargestellt wird, stärker als andere Jugendliche beeinflusst werden. Der Autorin zufolge ist es allerdings unwahrscheinlich, dass Gewaltbereitschaft im Kindesalter die Folge medialer Einflüsse ist. Der Befund, dass aggressivere Kinder häufiger gewalthaltige Filme sähen, sage vor allem etwas über deren Präferenzen aus.

Thomas Döbler, Birgit Stark und Michael Schenk [25] benutzten im Rahmen ihrer Netzwerkanalyse ebenfalls qualitative Verfahren. Als Probanden wurden Problemjugendliche ausgewählt, die z. B. in Heimen wohnten oder sich an "Brennpunkten" (z. B. öffentlichen Plätzen und Parks) aufhielten. Es wurden 32 Interviews durchgeführt, die Hälfte davon mit Ausländern. Die Autoren resümierten: "Eine Verknüpfung zwischen (gewalthaltigem) Medienkonsum und persönlichem realen Gewaltverhalten lässt sich ... nicht ziehen. Gerade die in dieser Studie stärker gewalttätig eingestellten und auch handelnden Jugendlichen weisen nämlich einen eher geringen Medienkonsum, meist bedingt durch persönliche Lebensumstände - nicht mehr daheim wohnend -, auf; die bezogen auf Schule und Integration in die elterliche Familie eher in geordneten Konstellationen lebenden Jugendlichen geben dagegen einen deutlich höheren und regelmäßigeren Medienkonsum, auch von gewalttätigen Inhalten, an. Hinsichtlich der persönlichen Bereitschaft, Gewalt auch real einzusetzen, zeigen sie sich jedoch merklich zurückhaltender bis ablehnender." [26]

Thomas Döbler u. a. führten auch eine quantitative Studie mit 200 männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren im Großraum Stuttgart durch, wobei eine Risiko- (Jugendliche mit hoher Gewaltneigung) und eine Vergleichsgruppe (geringe Gewaltneigung) unterschieden wurden. Fernsehen und Videokonsum nahmen einen zentralen Stellenwert im Leben der Jugendlichen ein, wobei Action-, Ghetto-/Rapfilme und Psychothriller am beliebtesten waren. Der Konsum von Horrorfilmen wurde mit dem gemeinsamen Erleben mit Freunden begründet. Die Jugendlichen der Risikogruppe besaßen ein vergleichsweise niedriges Bildungsniveau und waren häufig arbeitslos. Auch wiesen sie einen höheren Fernsehkonsum mit einer Präferenz für Gewaltfilme auf, der mit dem Motiv der Wirklichkeitsflucht begründet wurde. Döbler u. a. schlussfolgerten, dass die Rezeption von Mediengewalt und die Wirkung auf die eigene Gewaltbereitschaft besonders durch das soziale Umfeld (v. a. Alkohol- und anderer Drogenkonsum) begünstigt werde. [27] Insbesondere Hauptschüler lebten den Ergebnissen dieser Studie zufolge in einer Umgebung, in der reale und Mediengewalt Unterstützung fanden. Die Befunde deuten darauf hin, dass die jeweiligen sozialen Netzwerke für abweichendes Verhalten sowie die Einstellung zu realer und medialer Gewalt von entscheidender Bedeutung sind.

Zur differenzierteren Betrachtung der Wirkung von Mediengewalt gehört auch die Berücksichtigung von Geschlechtsunterschieden. Jutta Röser ging in ihrer im Jahr 2000 veröffentlichten qualitativen Studie [28] davon aus, dass identische Gewaltinhalte je nach gesellschaftlichem Kontext der Rezipienten unterschiedlich interpretiert und rezipiert werden. Sie konnte belegen, dass die Kategorie "Geschlecht" bei der Gewaltrezeption von zentraler Bedeutung sein kann. Wenn nach den affektiven Reaktionen auf bedrohliche oder brutale Szenen im Fernsehen gefragt wurde, zeigten die Antworten ausgeprägte Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Der Autorin zufolge "kennt so gut wie jede Frau negative Gefühle der Angst und Belastung durch bedrohliche Fernsehszenen" [29] . Auch jenseits der Geschlechterdifferenz seien ausgeprägte Gefühle der Belastung und der Angst der großen Mehrheit des Fernsehpublikums bekannt: "Angesichts der Relevanz solcher Gefühle rückt die Einseitigkeit der Mediengewaltforschung, die fast ausschließlich nach Aggressionsreaktionen fragt, um so schärfer in den Blick." [30] Jutta Röser konnte zeigen, dass bereits die Frage, ob eine bestimmte Szene als realistisch oder unrealistisch, plausibel oder unlogisch eingeordnet wird, von gesellschaftlichen Verhältnissen beeinflusst wird.

Abschließend sei auf eine Studie verwiesen, die den Zusammenhang zwischen Mediengewalt und realem Aggressionsverhalten über einen längeren Zeitraum untersucht und in jüngster Zeit für viel öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt hat. Jeffrey G. Johnson u. a. haben in dieser Untersuchung 707 Kinder über 17 Jahre hinweg beobachtet. [31] Die Autoren wollen festgestellt haben, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Fernsehkonsums und späterer Aggressivität besteht. Der durchschnittliche Fernsehkonsum im Alter von 14 Jahren (bzw. 22 Jahren) wurde mit der Aggressivität im Alter von 16 bzw. 22 Jahren (bzw. 30 Jahren) verglichen. Kontrolliert wurden Faktoren wie der Erziehungsstil der Eltern und das soziale Umfeld (z. B. schlechte Wohngegend). Der Zusammenhang trat bei männlichen Jugendlichen mit einem Fernsehkonsum von mehr als drei Stunden besonders deutlich zu Tage. Bei Frauen konnte der Zusammenhang im Alter von 14 noch nicht festgestellt werden, was darauf zurückgeführt wurde, dass Mädchen weniger violente Programme sehen. Im Alter von 22 Jahren war der Zusammenhang aufzufinden. Die Autoren resümieren, sie hätten ungeachtet möglicher bidirektionaler Beziehungen (Aggressivität führt zum Konsum violenter Programme) feststellen können, dass unabhängig von der aggressiven Vorgeschichte das Ausmaß des Fernsehkonsums mit späterer Aggressivität verbunden war. Als problematisch an dieser Untersuchung muss allerdings betrachtet werden, dass die Qualität der gesehenen Fernsehinhalte nicht erhoben und berücksichtigt worden ist. [32]

Fußnoten

15.
Zu Anlage und Ergebnissen vgl. Michael Kunczik/Wolfgang Bleh/Sabine Maritzen, Audiovisuelle Gewalt und ihre Auswirkung auf Kinder und Jugendliche. Eine schriftliche Befragung klinischer Psychologen und Psychiater, in: Medienpsychologie, 5 (1993), S. 3 - 20 und M. Kunczik (Anm. 5), S. 172 - 177. Aus den Äußerungen der Befragten kann kein Kausalzusammenhang bezüglich der Wirkungen von Mediengewalt konstruiert werden, da es sich um subjektive Einschätzungen handelt. Es war jedoch zu erwarten, dass die Experten aufgrund ihrer Erfahrungen aus "erster Hand" wichtige Aspekte in die Diskussion um die Folgen von Mediengewalt einbringen können.
16.
Vgl. Michael Kunczik/Wolfgang Bleh/Astrid Zipfel, Gewalt und Medien. Eine Expertenbefragung bei Richtern und Staatsanwälten, unveröffentlichter Forschungsbericht, Mainz 1995, und M. Kunczik (Anm. 5), S. 177 - 182.
17.
Vgl. J. Grimm, Fernsehgewalt (Anm. 6).
18.
Ebd., S. 706.
19.
Ebd.
20.
Ebd., S. 707.
21.
Es sei jedoch betont, dass Grimm Einstellungen, nicht aber Verhalten misst.
22.
Vgl. Annette Hill, Shocking Entertainment. Viewer Response to Violent Movies, Luton 1997, S. 105.
23.
Vgl. ebd., S. 107.
24.
Vgl. Christel Hopf, Gewalt, Biographie, Medien. Qualitative Analyse zur subjektiven Bedeutung filmischer Gewaltdarstellungen (hier nach dem unv. Manuskript, Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim).
25.
Vgl. Thomas Döbler/Birgit Stark/Michael Schenk, Mediale und reale Gewalt. Eine Untersuchung sozialer Netzwerke von Jugendlichen, München 1999.
26.
Ebd., S. 57 f.
27.
Vgl. ebd., S. 142 f.
28.
Dabei handelte es sich um eine Rezeptionsanalyse auf der Grundlage von Gruppendiskussionen mit 127 Erwachsenen. Vgl. Jutta Röser, Fernsehgewalt im gesellschaftlichen Kontext. Eine Cultural Studies-Analyse über Medienaneignung in Dominanzverhälnissen, Wiesbaden 2000. Zur geschlechtsspezifischen Rezeption von Gewaltinhalten vgl. auch Sabine Effinger, Eine andere Welt: Frauen, Männer und Gewaltwahrnehmung. Eine Untersuchung zur geschlechtsspezifischen Rezeption von Gewaltinhalten in Medien, Bochum 1995.
29.
Ebd., S. 68.
30.
Ebd., S. 71.
31.
Vgl. Jeffrey G. Johnson u. a., Television Viewing and Aggressive Behavior During Adolescence and Adulthood, in: Science, 295 (2002), S. 2468 - 2471.
32.
Diese Untersuchung ist auch ein Beispiel dafür, dass Forscher immer wieder Studien als "Beweis" für die Gefährlichkeit von Mediengewalt anführen, in denen kein solcher Nachweis erbracht worden ist. Johnson u. a. zitieren eine Studie von Brandon S. Centerwall (Television and Violence. The Scale of the Problem and Where to Go From Here, in: Journal of the American Medical Association, 267 [1992], S. 3059 - 3063), in der nach der Logik des "Klapperstorchbeweises" (wo es viele Störche gibt - v.a. auf dem Land - ist die Geburtenrate hoch, also bringt der Storch die Kinder) die Einführung des Fernsehens für eine Verdoppelung der Mordrate zehn bis fünfzehn Jahre später verantwortlich gemacht wird.