APUZ Dossier Bild

31.10.2002 | Von:
Michael Kunczik
 Astrid Zipfel

Gewalttätig durch Medien?

V. Ausblick

Angesichts spektakulärer Verbrechen, bei denen die Vermutung besteht, dass Mediengewalt ein auslösender Faktor gewesen sein könnte, kommt in der Öffentlichkeit immer wieder eine Diskussion in Gang, in deren Verlauf eine stark vereinfachende Argumentation erfolgt und die Massenmedien als hauptverantwortlich für die Gewalt in der Gesellschaft betrachtet werden. Forschungsergebnisse, die auf differenziertere Zusammenhänge verweisen, werden dabei kaum zur Kenntnis genommen. Von Politikern werden übertriebene Ängste und monokausale Schuldzuweisungen zumeist schnell aufgegriffen und ohne Kenntnis wissenschaftlicher Forschungsbefunde zur eigenen Profilierung eingesetzt. Eine solche Entwicklung war zuletzt sehr deutlich nach dem Amoklauf in Erfurt im Frühjahr dieses Jahres zu beobachten.

In Bezug auf die Nachahmung von Medieninhalten gelangte die "Gewaltkommission" 1990 zu dem Resümee: "Da Gewaltdarstellungen nur bei wenigen Beobachtern eine direkte gewaltauslösende Wirkung haben, sind Nachahmungstaten oft ohnehin gewaltorientierter Menschen wohl nicht das eigentliche Problem der Gewalt in den Medien." [40] Ähnlich argumentierte Henning Haase: Ein Zusammentreffen der potenziellen Wirkungsfaktoren in einer Person und in einer Situation sei zwar möglich, aber wenig wahrscheinlich. Wenn dies doch geschehe, sei "...dies auf die gesamte Population bezogen ein höchst seltenes Ereignis, individuell bedauerlich, aber gesamtgesellschaftlich ein Randproblem" [41] . Dabei stellt sich die Frage, ab wann ein solches "Einzelproblem" zum gesellschaftlich relevanten Problem wird. Selbst wenn sich die Zahl der durch Mediengewalt Gefährdeten nur im Promillebereich bewegt, darf diese Problematik angesichts einer bei einer Bevölkerung von ca. 80 Millionen Bundesbürgern nicht zu vernachlässigenden absoluten Zahl möglicherweise Betroffener nicht gering geschätzt werden. Es ist allerdings davor zu warnen, dass sich wie nach Erfurt ein in den verschiedensten politischen Lagern feststellbarer blinder politischer Aktionismus entfaltet. Dieser birgt die Gefahr einer Einschränkung der Presse-, Meinungs-, und Kunstfreiheit [42] und lenkt in seiner Fixierung auf die Rolle der Medien zudem oft davon ab, dass andere wichtige Ursachen von Gewalt (Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Zukunftsperspektiven usw.) womöglich nicht ausreichend bekämpft worden sind. Selbstkontrolle durch die Medien und die konsequente Anwendung ihrer Möglichkeiten dürfte hier der sinnvollere Weg sein.

Bemühungen, über Aufrufe zum Verzicht auf Werbung in Gewaltsendungen Einfluss auf die Programmgestaltung auszuüben, wie dies etwa jüngst der niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer durch Briefe an 60 Unternehmen versuchte, [43] versprechen hingegen wenig Erfolg. Zumeist wird bei solchen Aktionen mit Imageschädigung oder mit Forschungsbefunden argumentiert, die für eine geringere Wirkung von Werbebotschaften in einem gewalthaltigen Umfeld sprechen. [44] Da für die Schaltung von Werbespots in der Regel jedoch noch immer die Reichweite einer Sendung das entscheidende Motiv ist, sind von dieser Strategie allenfalls punktuelle Effekte zu erwarten.

Andere Maßnahmen setzten stärker beim Rezipienten an. Dazu gehört etwa der so genannte "Violence Chip", mit dem in den USA seit 1998 jedes neue Fernsehgerät ausgestattet sein muss und dessen Einführung auch Auswirkungen auf die europäische Jugendschutzdiskussion hatte. [45] In Deutschland wurden die Vorgaben der 1997 geänderten EU-Fernsehrichtlinie im 4. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vom 1. April 2000 umgesetzt. Darin wurde festgelegt, dass jugendschutzrelevante Sendungen nicht nur wie bisher altersabhängigen Uhrzeitbeschränkungen bei der Ausstrahlung unterliegen, sondern nach § 3 Absatz 4 auch durch akustische Zeichen angekündigt oder durch optische Mittel während der gesamten Sendung kenntlich gemacht werden müssen. Im privaten digitalen Fernsehen müssen Sendungen, die außerhalb der bestehenden Sendezeitbeschränkungen ausgestrahlt werden, einzeln eine Verschlüsselung oder Vorsperrung erhalten. Eine Freischaltung darf nur für die einzelne Sendung möglich sein - eine allgemeine Verschlüsselung oder Sperrung des Gesamtprogramms ist nicht ausreichend (§ 3 Abs. 5). Diese Maßnahmen werden unter Einbeziehung internationaler Erfahrungen einer regelmäßigen Evaluierung unterzogen.

Hilfsmittel wie der V-Chip oder die Kennzeichnung von Sendungen bringen die Schwierigkeit mit sich, dass der Reiz des Verbotenen die entsprechenden Sendungen für Kinder und Jugendliche oft noch attraktiver macht. Außerdem ist ihre Wirkung von ihrer tatsächlichen Nutzung und vom Problembewusstsein der Eltern abhängig. Gerade in Problemgruppen dürften diese Instrumente keine Anwendung finden.

Das gleiche Dilemma gilt für medienpädagogische Bemühungen, die Kinder im Umgang mit Mediengewalt anzuleiten. Forschungsbefunde zeigen, dass durch Gespräche über Gewaltsendungen, in denen etwa gewalttätiges Verhalten geächtet und auf alternative Möglichkeiten der Konfliktlösung hingewiesen wird, gute Erfolge im Sinne einer Aggressivitätsreduktion möglich sind. [46] Die Schaffung eines Problembewusstseins bei den Eltern bzw. die Förderung entsprechender medienpädagogischer Maßnahmen im sonstigen sozialen Umfeld von Kindern und Jugendlichen, insbesondere in der Schule, ist aufgrund der genannten Schwierigkeiten gewiss kein Allheilmittel, zumindest jedoch ein lohnender Ansatzpunkt.

Fußnoten

40.
Hans-Dieter Schwind u. a. (Hrsg.), Ursache, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt (Gewaltkommission), Berlin 1990, S. 96.
41.
Henning Haase, Kinder, Jugendliche und Medien, Frankfurt / M. 1981, S. 25.
42.
Diese Problematik hatte bereits Thomas Mann erkannt, als er sich Oktober 1926 an dem Aufruf gegen das "Schund-und-Schmutz-Gesetz" beteiligte (Georg Potempa, Thomas Mann. Beteiligung an politischen Aufrufen und kollektiven Publikationen. Eine Biographie, Morsum/Sylt 1988, S. 41): "Wir rufen auf, die Geistesfreiheit in Deutschland zu schützen. Die Regierung hat in aller Stille ein Gesetz vorbereitet, das vorgibt, die Jugend zu bewahren. Es maskiert sich als Gesetz gegen Schmutz und Schund. Hinter dem Gesetz verstecken sich die Feinde von Bildung, Freiheit und Entwicklung."
43.
Vgl. Jeanne Rubner, Schöner werben, in: Süddeutsche Zeitung vom 20./21. Juli 2002, S. 9.
44.
Vgl. Brad J. Bushman/Angelica M. Bonacci, Violence and Sex Impair Memory for Television Ads, in: Journal of Applied Psychology, 87 (2002), S. 557 - 564.
45.
Zwar fand der V-Chip trotz intensiver Diskussion im Europaparlament zunächst keinen Eingang in die Neufassung der EU-Fernsehrichtlinie, in Art. 22 wurde jedoch festgelegt, dass die Ausstrahlung unverschlüsselter Sendungen, "die die körperliche, geistige und sittliche Entwicklung von Minderjährigen beeinträchtigen können", "durch akustische Zeichen angekündigt oder durch optische Mittel während der gesamten Sendung kenntlich gemacht" werden muss.
46.
Vgl. L. Rowell Huesmann u. a., Mitigating the Imitation of Aggressive Behavior by Changing Children‘s Attitudes About Media Violence, in: Journal of Personality and Social Psychology, 44 (1983), S. 899 - 910, und Thomas N. Robinson u. a., Effects of Reducing Children‘s Television and Video Game Use on Aggressive Behavior, in: Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine, 155 (2001), S. 17 - 23.