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20.9.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Zwölf Jahre deutsche Vereinigung haben die Bundesrepublik insgesamt verändert. Das gilt auch für die Werthaltungen der Menschen in Ost- und Westdeutschland.

Einleitung

Zwölf Jahre deutsche Vereinigung haben die Bundesrepublik insgesamt verändert. Das gilt auch für die Werthaltungen der Menschen in Ost- und Westdeutschland, die nach mehr als einem Jahrzehnt immer noch stark differieren oder sich sogar auseinander entwickeln. Herauszufinden, wie sich diese seit der Wende verändert und welchen Einfluss sie auf den weiteren Aufbau Ost haben, ist das Anliegen dieser Ausgabe. Unterstützung auf der einen und Zuversicht auf der anderen Seite sind wesentliche Voraussetzungen nicht nur für eine weitere materielle Annäherung von Ost und West.

Olaf Georg Klein plädiert in seinem Essay dafür, Differenzen in den ost-west-deutschen Werthaltungen nicht durch einseitige Anpassung (der Ostdeutschen) zu nivellieren, sondern kreativ mit ihnen umzugehen. Kommunikationsprobleme, hinter denen unterschiedliche kulturelle und mentale Prägungen, Erwartungen, Selbstverständlichkeiten stünden, erhalten so einen anderen Stellenwert.

Die Frage nach der Wertschätzung der deutschen Einheit in den alten Bundesländern führt Viktoria Kaina zu eher zwiespältigen Ergebnissen. Ob die Wiedervereinigung in Westdeutschland überhaupt erwünscht gewesen sei, lasse sich mit einem klaren "Ja, aber" beantworten. Einerseits könne kaum die Rede davon sein, dass sich mit dem Tag der deutschen Einheit für eine Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung ein tief empfundener Herzenswunsch erfüllt habe. Andererseits seien die zur Überwindung der Teilung erforderlichen Einkommenseinbußen in Kauf genommen und die Vereinigung zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt worden.

Nach Heiner Meulemann ist eine "innere Einigung" der Werthaltungen auch nach mehr als einem Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung nicht in Sicht. Eine Annäherung der Werte Gleichheit, Leistung, Mitbestimmung und Akzeptanz lasse sich nicht nachweisen, die Wertedifferenz sei weitgehend konstant geblieben oder habe sich sogar vergrößert. Die Erklärung dafür, weshalb sich die Ostdeutschen von den Westdeutschen eher entfernten, sieht der Autor in ihrer Sozialisation in der DDR und in der schwierigen Situation der Transformation.

Die Wertedifferenz zwischen Ost- und Westdeutschen ist auch das Thema von Gitta Scheller. Die Autorin geht der Frage nach, inwieweit sich der Transformationsprozess im Sinne Ulrich Becks als Individualisierungsschub interpretieren lasse, wie er seit den sechziger Jahren für die alte Bundesrepublik zu konstatieren sei. Am Beispiel der "sozialistischen Arbeitskollektive" kann Scheller eine Abschwächung solidarischer Arbeitsbeziehungen sowie eine Auflösung früher verordneter Freizeitkontakte im KollegInnenkreis nachweisen und damit die Becksche These verifizieren. Allerdings handele es sich in den neuen Bundesländern nicht um einen linearen und universellen Individualisierungstrend, sondern um ein nur partiell auftretendes Phänomen.

Rüdiger Pohl, der die enormen wirtschaftlichen Probleme analysiert, mit denen Ostdeutschland zwölf Jahre nach der Wende immer noch zu kämpfen hat, verweist zugleich auf die erzielten Erfolge: Ostdeutschland hat die DDR weit hinter sich gelassen. Wenn Tatendrang und nicht Resignation das Handeln der Menschen prägten, werde der Aufbau Ost weiter vorankommen, ist der Autor überzeugt. Das größte Hindernis sei die verbreitete Unwilligkeit, sich über das bisher Erreichte zu freuen und daraus Selbstbewusstsein für die Fortführung des Transformationsprozesses zu schöpfen.