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20.9.2002 | Von:
Olaf Georg Klein

Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden ...

II. Abschnitt

Hinter diesen wiederkehrenden Irritationen verbergen sich unterschiedliche kulturelle und mentale Prägungen, Erwartungen und Selbstverständlichkeiten. Sie schlagen sich nicht nur in den Inhalten der Gespräche, sondern vor allem auch in der Form nieder, wie miteinander kommuniziert wird. Diese Unterschiede betreffen Einstellungen und Haltungen: zu uns selbst, zum eigenen Körper, zu anderen Personen, zum Aufbau und zur Wertigkeit von Beziehungen, zum Phänomen der Zeit, zum Thema von Teilhabe und Abgrenzung, zum Verhältnis von Nähe und Distanz, zur Frage von Konsens oder Konflikt, um nur einige zu nennen. Was die Verständigung erschwert, sind nicht unbekannte Worte wie "Goldbroiler" oder "Datsche" auf der einen Seite oder Anglizismen auf der anderen. Zu einer "gemeinsamen Sprache" oder besser gesagt zu einer "gleichen Kommunikationskultur" gehören nicht nur übereinstimmende Vokabeln. Wichtig ist auch die übereinstimmende Deutung des Gesagten. Voraussetzung dafür, einander verstehen zu können, sind ähnliche Wertehierarchien (die normalerweise nicht mitkommuniziert werden), gleiche kulturelle Hintergründe (die in Ost und West als vorhanden vorausgesetzt werden) und die gleiche Interpretation der Körpersprache. In Ost- und Westdeutschland differieren die Wertehierarchien, sind die kulturellen Hintergründe nicht gleich, wird die Körpersprache jeweils anders gedeutet. Drei gravierende Unterschiede seien im Folgenden angeführt:

Da ist erstens das unterschiedliche Zusammenwirken von verbalen und nonverbalen Kommunikationsformen in Ost- und Westdeutschland zu beobachten. So lassen sich beispielsweise Unterschiede in der Länge des Blickkontaktes, in der Vorstellung von "normaler" körperlicher Nähe und Distanz, in der Bedeutung des Handgebens und in der Anzahl und Länge der Gesprächspausen feststellen. Diese nonverbalen Kommunikationsformen korrespondieren auf eine sehr spezielle Weise mit den jeweils gesprochenen Worten. Man kennt das Problem beim Flirten. Über Erfolg oder Misserfolg in der Kommunikation entscheidet, ob das Gegenüber das Zusammenspiel von Worten und Gesten so wahrnimmt und deutet, wie es gemeint war.

Zweitens gibt es eine Reihe von Verständigungsproblemen hinsichtlich dessen, was wir "sagen" und dessen, was wir "meinen". Was gemeint ist, ergibt sich in jeder Kommunikationskultur aus einer ganz speziellen Mischung dessen, was tatsächlich gesagt - dem eigentlichen Text -, und dessen, was beim Gegenüber als "selbstverständlich" vorausgesetzt wurde: dem so genannten Kontext. Dieser wird als bekannt und selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Beispiel: In der westdeutschen Kommunikationskultur gibt es eine starke Trennung zwischen sachlich-öffentlichem und persönlich-privatem Lebensbereich. Sie gilt als selbstverständlich, muss also im Gespräch nicht eigens betont werden. In der ostdeutschen Kommunikationskultur sind beide Lebensbereiche viel stärker miteinander verzahnt. Aus diesem Grund bestehen die ostdeutschen Mitarbeiterinnen bei ihrer westdeutschen Chefin darauf, sie solle ihre Kritik als "rein sachlich" und "nicht persönlich gemeint" kennzeichnen, was aus deren Sicht vollkommen überflüssig ist.

Drittens ist der Bereich der Irritationen zu nennen, der mit der Sprachökonomie zusammenhängt. Man lässt alles "Überflüssige" weg, von dem man glaubt, dass es sowieso klar sei. Auch hier sei zur Verdeutlichung ein Beispiel angeführt: Eine Person sagt zu einer anderen: "Bringen Sie mir doch bitte ein Glas Wasser." Wenn das Wasser lauwarm oder heiß ist, wenn nur ein paar Tropfen im Glas sind, wenn das Wasserglas schmutzig ist oder erst zwei Stunden später gebracht wird, ist schnell klar, dass die Kommunikation nicht ganz so vollständig war, wie man gedacht hatte.

Wie in diesem Fall wird in der Kommunikation das meiste nicht ausformuliert, sondern weggelassen bzw. vom Gegenüber unbewusst ergänzt. Solange es den unausgesprochenen Kontext kennt, gibt es keine Probleme. Die beginnen jedoch, wenn der gegenständliche Bereich verlassen wird. Beim Ausdrücken von Nähe oder Distanz, von Höflichkeit oder Schroffheit, von Interesse oder Desinteresse, von Zuneigung oder Ablehnung, von Anerkennung oder Kritik, bei der Deutung von Blicken, Gesten und Bewegungen ist der vorausgesetzte Kontext wesentlich schwieriger zu entschlüsseln und die Anzahl der möglichen Übertragungs- und Deutungsfehler ist entsprechend größer. Außerdem sind die Auswirkungen meist nicht sofort, sondern erst mit einer zeitlichen Verzögerung für beide Seiten zu spüren.

In der ost-west-deutschen Kommunikation ist in den oben genannten Bereichen von unterschiedlichen Voraussetzungen und Deutungen auszugehen. Dessen ungeachtet werden im Gespräch jeweils gleiche Kontexte unterstellt. Irritationen und Frustrationen, die sich die Beteiligten oft nicht wirklich erklären können, sind die Folge.

Zum Wesen des Kontextes gehört, dass sich die Sprechenden des Kontextes des Gesagten oft kaum bewusst sind (weil er in Fleisch und Blut übergegangen ist). Da - wie bei Ost- und Westdeutschen - die Kontexte differieren, muss das zu Problemen führen. Wenn man selbst die besten Absichten hat und dennoch Kommunikationsprobleme auftreten, liegt es nahe, die "Schuld" beim Gegenüber zu suchen. Das hilft aber nicht weiter, weil die Ursache dafür nicht nur ein individuelles, sondern auch ein kulturelles Phänomen ist.