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20.9.2002 | Von:
Olaf Georg Klein

Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden ...

III. Abschnitt

In welchen Bereichen mit Unterschieden - mit Irritationen, Missverständnissen oder sogar Kommunikationsschocks - zu rechnen ist, lässt sich hier nur summarisch zusammenfassen: [3]

1. Im nonverbalen Bereich gibt es Unterschiede in der Länge des als "normal" empfundenen Blickkontaktes. Wenn man im Stehen miteinander spricht, wird ein jeweils unterschiedlicher körperlicher Abstand als "angemessen" empfunden. Die Art und Weise, "Raum einzunehmen" oder "Raum zu geben", ist kulturell anders verankert. Schließlich gibt es unterschiedliche Anlässe und Empfindungen beim "Handgeben". Auch die Länge der Sprechpausen, die für das Gespräch eklatante Auswirkungen hat, differiert in Ost und West.

2. Wenn man nicht schon im nonverbalen Bereich gestrauchelt ist, sind die ersten Worte die nächste Klippe. Es lassen sich gänzlich andere Strategien bei der Gesprächseröffnung Ost- und Westdeutscher nachweisen. Ob zuerst der Status oder die persönliche Beziehung zum Gegenüber in den Blick genommen wird, ist in Ost und West genau gespiegelt. Und bei der Selbstpräsentation liegen zwischen Ost und West Welten.

3. Zu den häufigsten Konflikten kommt es, wenn das Schweigen des Gegenübers von der einen Seite "ganz selbstverständlich" als Zustimmung, von der anderen als Ablehnung interpretiert wird. Dann treffen bei Entscheidungsprozessen ganz unvermittelt Mehrheits- und Konsenskonzepte aufeinander und führen zu merkwürdigen Unterstellungen. Bei der einmal eher direkten und einmal eher indirekten Art der Auseinandersetzung geraten beide Seiten oft in eine Pattsituation. Und wenn etwa Ost- und Westdeutsche Verabredungen treffen, sind Überraschungen und Irritationen auf beiden Seiten vorprogrammiert.

4. Im Bereich der Arbeit unterscheiden sich ost- und westdeutsche Kommunikationskultur beträchtlich, so etwa bei Anweisungen. Auch sind die Erwartungshaltungen in Bezug auf Fehler, die man machen darf oder eben nicht, unterschiedlich. Große Differenzen gibt es zudem hinsichtlich des Umgangs mit Zeit. Schließlich haben auch das gesprochene und das geschriebene Wort unterschiedliche Verbindlichkeit und Gültigkeit. Wie unterschiedlich das Persönlichkeitsmodell in Ost und West ist, lässt sich am besten an empfundenen Grenzüberschreitungen zeigen: wenn die unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was sachlich-öffentlich und was persönlich-privat ist, aufeinander treffen.

5. Ein spezielles Kapitel sind Ost-West-Paare: Die Erfahrungen reichen hier von einem "Du bist ja ganz anders, und das ist wunderbar" bis zu den kompliziertesten Doppelverwirrungen.

Fußnoten

3.
Vgl. Olaf Georg Klein, "Ihr könnt uns einfach nicht verstehen – Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden", Frankfurt/M. 2001.