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20.9.2002 | Von:
Viktoria Kaina

Mit Herz und Konto?

Zur Wertigkeit der deutschen Einheit in den alten Bundesländern

Die Frage nach der Wertschätzung der deutschen Einheit in den alten Bundesländern führt zu zwiespältigen Ergebnissen: Anhaltende Solidarität mit Ostdeutschland besteht ebenso wie die Furcht vor negativen Folgen für die Wirtschaftsentwicklung.

I. Abschnitt

Der Prozess zur Herstellung der deutschen Einheit, der sich vor mehr als zehn Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit vollzog, traf die alte Bundesrepublik im Großen und Ganzen unvorbereitet. Die damit verbundenen Rationalitätsdefizite im Handeln der westdeutschen politischen Akteure veranlassen dazu, von der "Einheit als Improvisation" zu sprechen. [1] Die Asymmetrien zwischen ost- und westdeutschem Landesteil haben dabei ebenso die Richtung der Verhandlungen zum Einigungsvertrag vorgegeben, wie sie bis heute die Chancen und Hindernisse auf dem Weg zur "inneren Einheit" beeinflussen. [2]


Inzwischen liegt eine Reihe von Publikationen vor, die vor allem den zehnten Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung zum Anlass nahmen, um die Entwicklung in Gesamtdeutschland seit dem 3. Oktober 1990 aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu bilanzieren. [3] Obwohl sich die Bestandsaufnahmen angesichts der überwiegend ambivalenten und zum Teil widersprüchlichen Befunde zwischen Optimismus und Skepsis bewegen, wird in den Analysen weitgehend übereinstimmend festgestellt, dass die mit der staatlichen Vereinigung ausgelösten Veränderungen die Bevölkerung im Osten Deutschlands mit größerer Intensität trafen als ihre Landsleute im Westen der Republik. Insbesondere die von der Mehrheit der DDR-Bevölkerung getroffene Entscheidung für den Beitritt ihres Landes zum Geltungsgebiet des Grundgesetzes und damit zugleich für eine rasche, per definitionem aber von westdeutscher Seite dominierte Vereinigung kann als wichtigste Ursache dafür gesehen werden, dass für die Menschen in den östlichen Bundesländern "nichts blieb wie es war" [4] , während die Lebens- und Alltagswelt der meisten Westdeutschen davon nur am Rande berührt wurde. [5]

Dies mag ein wesentlicher Grund dafür sein, dass in vielen politikwissenschaftlichen und soziologischen Untersuchungen zum Vereinigungsprozess besonderes Augenmerk auf die Folgen realer Anpassungszwänge und die subjektiven Hoffnungen, Ängste und Enttäuschungen der ostdeutschen Bevölkerung gelegt wird, um Friktionen und Konfliktpotenziale, Annäherungen und Gemeinsamkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen zu analysieren. Doch mittlerweile mehren sich die zum Teil empirisch belegten Hinweise, dass mehr als zehn Jahre gemeinsamen Weges auch Spuren im westlichen Teil des Landes hinterlassen und die Bundesrepublik insgesamt verändert haben. [6] Sowohl diese Beobachtungen als auch die Tatsache, dass Westdeutsche für das Zusammenwachsen Deutschlands ebenfalls Opfer gebracht haben, vor allem aber die für eine erfolgreiche Vereinigung entscheidende Einsicht, dass die mentalen, sozialen und ökonomischen Folgelasten der Wiedervereinigung letztlich von beiden Bevölkerungen verkraftet werden müssen, sollten die Frage nach der Wertschätzung der deutschen Einheit in den alten Bundesländern ausreichend rechtfertigen. Dies gilt umso mehr, als demoskopische Befunde im zeitlichen Vor- und Umfeld des Vereinigungsdatums deutlich machen, dass viele Bundesbürger der Einheit Deutschlands nicht nur mit Freude, sondern ebenso mit Ängsten und Sorge entgegensahen. [7] Zudem muss davon ausgegangen werden, dass auch in absehbarer Zeit das finanzielle Hauptgewicht der deutschen Wiedervereinigung vom Westteil der Bundesrepublik getragen werden muss. [8] Damit ist jedoch nicht allein eine belastbare Solidarität der westdeutschen Bevölkerung mit ihren Landsleuten östlich der Elbe gefragt. In gleichem Maße geht es um die damit verknüpfte Bereitschaft der Bürger in den westlichen Bundesländern, entsprechende politische Entscheidungen weiterhin zu akzeptieren und nicht mit Vertrauensentzug für die Verantwortlichen in Parlament und Regierung zu sanktionieren.

Wenn Antworten darauf gegeben werden sollen, welche Bedeutung der deutschen Vereinigung innerhalb der westdeutschen Bevölkerung verliehen wird, gilt es, sich zuvor zwei weiteren Fragen zu stellen: Inwieweit wurde - erstens - die deutsche Einheit im Westen Deutschlands überhaupt gewollt? In diesem Zusammenhang, dem anschließend mit einem Blick zurück in die Vergangenheit weit und unmittelbar vor dem 3. Oktober 1990 nachgegangen werden soll, interessiert nicht allein die Höhe der Zustimmungsraten gegenüber dem Ziel der deutschen Wiedervereinigung. Mindestens ebenso wichtig, wenn nicht bedeutsamer für die Loyalitätsbereitschaft gegenüber den Landsleuten im Osten sind die Substanz und Tragweite eines Vereinigungswunsches, wenn er sich völlig unerwartet in der Realität bewähren muss. Damit stellt sich in unmittelbarer Folge auch die nächste Frage: Woran lässt sich - zweitens - die Bedeutung der deutschen Einheit in den alten Bundesländern heute messen? Es wird sich zeigen, dass dies auf der Basis allgemeiner Bevölkerungsumfragen nur ansatzweise beantwortet werden kann.

Fußnoten

1.
Vgl. Gerhard Lehmbruch, Einheit als Improvisation. Rationalitätsdefizite des Vereinigungsprozesses, in: Hans-Georg Wehling (Hrsg.), Deutschland Ost - Deutschland West. Eine Bilanz, Opladen 2002.
2.
Vgl. z. B. Wolfgang Zapf, Wie kann man die deutsche Vereinigung bilanzieren?, in: Oskar Niedermayer/Bettina Westle (Hrsg.), Demokratie und Partizipation. Festschrift für Max Kaase, Wiesbaden 2000; Klaus Schroeder, Der Preis der Einheit. Eine Bilanz, München-Wien 2000; Oskar Niedermayer, Bürger und Politik. Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen. Eine Einführung, Wiesbaden 2001, S. 113; Wolfgang Schluchter, Einleitung, in: ders./Peter E. Quint (Hrsg.), Der Vereinigungsschock. Vergleichende Betrachtungen zehn Jahre danach, Weilerswist 2001; G. Lehmbruch (Anm. 1).
3.
Vgl. u. a. Werner Weidenfeld/Karl-Rudolf Korte (Hrsg.), Handbuch zur deutschen Einheit 1949 - 1989 - 1999, Bonn 1999; Wolf Wagner, Kulturschock Deutschland. Der zweite Blick, Hamburg 1999; Roland Czada/Hellmut Wollmann (Hrsg.), Von der Bonner zur Berliner Republik. 10 Jahre Deutsche Einheit, Wiesbaden 2000; Wolfgang Thierse/Ilse Spittmann-Rühle/Johannes L. Kuppe (Hrsg.), Zehn Jahre Deutsche Einheit. Eine Bilanz, Opladen 2000; Heinz Herbert Noll/Roland Habich (Hrsg.), Vom Zusammenwachsen einer Gesellschaft. Analysen zur Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland, Frankfurt/M.-New York 2000; K. Schroeder (Anm. 2); W. Schluchter/P. E. Quint (Anm. 2); H.-G. Wehling (Anm. 1); Alexander Thumfart, Die politische Integration Ostdeutschlands, Frankfurt/M. 2002.
4.
W. Wagner, ebd., S. 12.
5.
Vgl. Max Kaase, Zur politischen Kultur und zur Lebenssituation der Bürger in West- und Ostdeutschland, in: W.'Schluchter/P. E. Quint (Anm. 2), S. 143.
6.
Vgl. u. a. Aike Hessel/Michael Geyer/Elmar Brähler (Hrsg.), Gewinne und Verluste sozialen Wandels. Globa"li"sierung und deutsche Vereinigung aus psychosozialer Sicht, Opladen-Wiesbaden 1999; K. Schroeder (Anm. 2); Jürgen W. Falter/Oscar W. Gabriel/Hans Rattinger (Hrsg.), Wirklich ein Volk? Die politischen Orientierungen von Ost- und Westdeutschen im Vergleich, Opladen 2000; H. H. Noll/R.'Habich (Anm. 3); W. Zapf (Anm. 2); W. Schluchter/P. E. Quint (Anm. 2).
7.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1984 - 1992, München u. a. 1993; Manuela Glaab, Einstellungen zur deutschen Einheit, in: W. Weidenfeld/K.-R. Korte (Anm. 3); M. Kaase (Anm. 5).
8.
Vgl. Jahresbericht 2001 der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit, BT-Drucksache 14/6979.