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20.9.2002 | Von:
Viktoria Kaina

Mit Herz und Konto?

Zur Wertigkeit der deutschen Einheit in den alten Bundesländern

II. Abschnitt

Heute kann als umfangreich nachgewiesen gelten, dass die Forderung nach Wiederherstellung der deutschen Einheit in der gesamten Geschichte der alten Bundesrepublik sowohl von der Politik als auch von der Gesellschaft getragen wurde. [9] Obwohl die Unterstützung dafür in der Adenauer-Ära am stärksten ausgeprägt war, teilten noch bis zum Ende der achtziger Jahre je nach Befragungsinstrument durchschnittlich zwei Drittel bis zu drei Viertel aller Bundesbürger den Wunsch nach Überwindung der nationalstaatlichen Teilung. [10] Demnach war das Grundgesetzgebot nicht nur im deutschlandpolitischen Zielkatalog aller amtierenden Bundesregierungen dieser Jahre verankert, sondern auch in den Auffassungen breiter Bevölkerungsmehrheiten. [11] Gleichwohl verlangt diese Festsstellung nach wenigsten zwei Differenzierungen.

Erstens schien das relativ einhellige Ja der Bundesbürger zur deutschen Einheit bereits in den fünfziger Jahren in einem eigentümlichen Widerspruch zu der Feststellung damaliger Beobachter zu stehen, dass die Teilung Deutschlands "erstaunlich gleichmütig hingenommen wurde" [12] . Darüber hinaus war das Ziel der Wiederherstellung der nationalstaatlichen Einheit von westdeutscher Seite an Bedingungen geknüpft. So verweigerte sich nicht nur die Regierung Konrad Adenauers einer deutschen Einheit um den Preis der Freiheit, auch die Bevölkerung zeigte wenig Bereitschaft, für die Wiedervereinigung ihre durch Westbindung neu gewonnene Sicherheit aufzugeben und mit substanziellen Einschnitten ihres bescheidenen, aber allmählich wachsenden Wohlstands zu bezahlen. [13]

Trotzdem blieb die Überwindung der deutschen Teilung nach Ansicht der Bundesbürger zwischen Anfang der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre die wichtigste zu lösende Aufgabe auf der politischen Problemagenda. [14] Allerdings setzte mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 ein grundlegender Einstellungswandel ein, der sich unter dem Eindruck der neuen Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition unter Führung von Willy Brandt festigte. [15] Das bedeutete, zweitens, dass sich die Mehrheit der Bundesbürger zwar weiterhin zur deutschen Einheit bekannte, diese jedoch kaum noch für realisierbar hielt und daher anderen Problemen ihre Aufmerksamkeit schenkte. Exemplarisch lässt sich diese Entwicklung daran verdeutlichen, dass nach Daten des Politbarometers der Forschungsgruppe Wahlen im Jahr 1979 nur noch 21 Prozent der westdeutschen Bevölkerung an die Wiedervereinigung innerhalb der nächsten 30 Jahre glaubten, während sie 79 Prozent für unwahrscheinlich oder sogar unmöglich hielten. Sechs Jahre später waren 17 Prozent der Meinung, dass die deutsche Einheit in den kommenden drei Jahrzehnten ganz bestimmt hergestellt werde oder zumindest möglich wäre. Von inzwischen 83 Prozent wurde diese Perspektive als wenig realistisch betrachtet oder völlig ausgeschlossen. [16]

Innenpolitische Akzentverschiebungen, aber auch ein allmählich einsetzender Gewöhnungseffekt an die staatliche Teilung trugen dazu bei, das Ziel der deutschen Wiedervereinigung trotz einer grundsätzlichen Befürwortung zunehmend "ins kollektive Unterbewusstsein der westdeutschen Gesellschaft" zu verdrängen. [17] Dabei zeigten vor allem jüngere Generationen, die auch immer seltener persönliche Bindungen zu Verwandten, Bekannten oder Freunden in der DDR hatten, ab den siebziger Jahren zunehmend Distanz zum Wunschziel der deutschen Wiedervereinigung. [18]

Obwohl sich die übergroße Mehrheit der Bundesbürger über die Jahre der Trennung hinweg für die deutsche Einheit aussprach, scheint sich dieser Wunsch nach den vorliegenden und von Manuela Glaab [19] ausführlich dokumentierten demoskopischen Befunden im Laufe der Zeit zum "symbolischen Merkposten" [20] entwickelt zu haben, dem kaum Bedeutung für das eigene Leben eingeräumt wurde. In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie (IfD) Allensbach im Jahr 1986 nach den Gründen befragt, für die sich ein Einsatz zur Wiederherstellung der deutschen Einheit lohne, antworteten zwar 70 Prozent der Bundesbürger: "Weil wir alle Deutsche sind" sowie jeweils 73 Prozent: "Damit irgendwann die Mauer überflüssig wird" und: "Weil viele Menschen bei uns Verwandte in der DDR haben". [21] Doch gleichzeitig wussten die Bundesbürger - ganz im Gegensatz zur Bevölkerung der DDR, von der die Bundesrepublik immer als Referenzgesellschaft gesehen wurde - nur sehr wenig über die Verhältnisse im anderen Teil Deutschlands und zeigten daran auch nur geringes Interesse. [22]

Entsprechend wurde das zwar latent vorhandene, doch insgesamt diffuse Verbundenheitsgefühl der westdeutschen Bevölkerung mit den Bürgerinnen und Bürgern jenseits der innerdeutschen Grenzen [23] während der rasanten Entwicklung zwischen dem Herbst 1989 und dem Tag der deutschen Einheit einer erheblichen Belastungsprobe ausgesetzt.

Fußnoten

9.
Vgl. Manuela Glaab, Deutschlandpolitik in der öffentlichen Meinung. Einstellungen und Regierungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990, Opladen 1999.
10.
Die höheren Zustimmungswerte beruhen auf Daten des seit 1977 von der Forschungsgruppe Wahlen, Mannheim, erhobenen Politbarometers, die vom Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung, Universität zu Köln, aufbereitet, dokumentiert und zugänglich gemacht wurden (ZA-Nr. 2391). Die niedrigeren Werte basieren auf Umfragen der Instituts für Demoskopie Allensbach, vgl. dazu M. Glaab (Anm. 7), S. 307.
11.
Vgl. M. Glaab (Anm. 7), S. 307 f.
12.
Peter Graf Kielmansegg, Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschlands, Berlin 2000, S. 498.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. M. Glaab (Anm. 7), S. 308.
15.
Vgl. ebd.; M. Kaase (Anm. 5), S. 122.
16.
Vgl. für die Angaben von 1979 ZA-Nr. 2182; für 1985 ZA-Nr. 1901.
17.
M. Kaase (Anm. 5), S. 122.
18.
Vgl. M. Glaab (Anm. 7), S. 311 f.; Elisabeth Noelle-Neumann/Edgar Piel (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978 - 1983, Bd. VIII, München u. a. 1984; E.'Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 7).
19.
Vgl. M. Glaab (Anm. 9).
20.
G. Lehmbruch (Anm. 1), S. 38.
21.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 7), S. 432.
22.
Vgl. M. Glaab (Anm. 7), S. 311.
23.
Vgl. ebd., S. 312.