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20.9.2002 | Von:
Viktoria Kaina

Mit Herz und Konto?

Zur Wertigkeit der deutschen Einheit in den alten Bundesländern

III. Abschnitt

Nach einer Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen [24] glaubte im Oktober 1989 nur ein gutes Drittel der westdeutschen Bevölkerung daran, dass die Wiedervereinigung in den nächsten Jahren kommen werde. Eine deutliche Mehrheit von 56 Prozent der Befragten hielt das auch noch ein Jahr vor dem Oktober 1990 für unmöglich. Im Dezember 1989 wollte zwar die Mehrheit der Bundesbürger (55 Prozent), dass DDR und Bundesrepublik in Zukunft einen gemeinsamen Staat bilden. Aber immerhin 45 Prozent waren der Meinung, dass die beiden Landesteile auch künftig voneinander unabhängig bleiben sollten. Nur wenige Wochen darauf, im Januar 1990, [25] zeigten sich bereits 82 Prozent der Bundesbürger überzeugt davon, dass die Wiedervereinigung eine realistische Perspektive sei. Allerdings rechneten nur ganze zwei Prozent damit, dass die deutsche Einheit in weniger als einem Jahr erreicht sein werde, während die Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung (51 Prozent) von einem Zeitraum zwischen einem und fünf Jahren ausging.

Die Ereignisse indes überschlugen sich, und die meisten Westdeutschen fühlten sich von dieser Entwicklung offenbar überrollt. Im Politbarometer vom Februar 1990 fanden 70 Prozent der Bundesbürger, dass es mit der Wiedervereinigung zu rasch vorangehe. Nur ein knappes Fünftel hielt das Tempo der Entwicklung für angemessen. Der in der Bevölkerung vorherrschende Eindruck eines übereilten Prozesses schien sich in den kommenden Monaten zwar etwas zu legen, doch auch im Juni desselben Jahres waren nach Daten des IfD Allensbach noch immer 52 Prozent der Westdeutschen der Ansicht, dass die Wiedervereinigung zu schnell verlaufe. [26] Daher überrascht es auch kaum, dass nur eine relative Mehrheit der Bundesbürger (47 Prozent) mit der Wiedervereinigungspolitik der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl einverstanden war und fast ein Drittel dagegen - zumal das Thema deutsche Einheit zum kontroversen Gegenstand der Wahlkampfrhetorik im Vorfeld der Bundestagswahl 1990 wurde. [27] Gut ein Viertel der Bevölkerung zeigte sich in dieser Frage allerdings unentschieden, was Ausdruck der Unsicherheiten, Ängste und Sorgen ist, mit denen die Bundesbürger vom Beginn des Einigungsprozesses an ihrer Zukunft im wieder vereinten Deutschland entgegensahen.

Abbildung: Freude und Sorge über die Wiedervereinigung in Westdeutschland 1990

Obwohl in den Monaten zwischen April und Oktober 1990 die Freude der Westdeutschen an der Wiedervereinigung ihre Sorgen überwog (vgl. Abbildung), zeigten sich die Bundesbürger im Vergleich zu ihren östlichen Nachbarn nicht nur weniger enthusiastisch, sondern teilweise auch etwas stärker verunsichert. [28] Vom IfD Allensbach im Februar 1990 über standardisierte Antwortvorgaben nach den Chancen der Wiedervereinigung befragt, äußerte sich die westdeutsche Bevölkerung insgesamt eher zurückhaltend. [29] Gut die Hälfte der Befragten erwartete ein wirtschaftlich erstarkendes Deutschland, doch nur 36 Prozent hofften auf einen Rückgang der Arbeitslosigkeit, und lediglich 28 Prozent glaubten an ein neues Wirtschaftswunder. Darüber hinaus erwarteten nach Daten des Politbarometers 1990 zwischen Februar und Oktober durchschnittlich 52 Prozent der Bundesbürger vor allem Nachteile für die westdeutsche Bevölkerung, und nur 12 Prozent rechneten mit Vorteilen. Zwar war die Mehrheit der Meinung, dass auf lange Sicht die Vorteile der Wiedervereinigung auch im Westen des Landes überwiegen würden. Dennoch wurden negative Folgen für den Arbeits- und Wohnungsmarkt, eine größere Belastung für die Wirtschaft und die Sozialversicherungssysteme sowie eine wachsende Staatsverschuldung vorausgesehen. [30] An der Spitze der negativen Ahnungen stand jedoch die Befürchtung massiver Steuererhöhungen, die in einer offenen Frage 46 Prozent der Westdeutschen als wahrscheinliche Konsequenz nannten und nach standardisiert vorgegebenen Antwortmöglichkeiten sogar mehr als drei Viertel. [31]

Angesichts der heutigen Schwierigkeiten im Vereinigungsprozess hat die Voraussicht der westdeutschen Bevölkerung in der Retrospektive fast prophetischen Charakter und spricht neben einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber der deutschen Wiedervereinigung für eine gehörige Portion Realismus und skeptischer Zurückhaltung. Wichtigste Quelle dieser Grundstimmung war offensichtlich die antizipierte Notwendigkeit hoher Geldsummen zur Herstellung der deutschen Einheit, die 83 Prozent der westdeutschen Bevölkerung einen Monat vor dem Tag der deutschen Einheit auch für nicht bezifferbar hielten, weil sie sich erst im Laufe der Zeit herausstellen würden. [32] Im Politbarometer vom Oktober 1990 gaben 84 Prozent an, dass die Kosten der deutschen Einheit für sie ein wichtiges oder sehr wichtiges Thema darstellten. Doch bereits im Februar 1990 waren zwei Drittel der Bundesbürger der Ansicht gewesen, dass jetzt vor allem an die Kosten der Wiedervereinigung gedacht werden müsse, während nur ein Fünftel meinte, dass es nicht die Zeit wäre, kleinkariert aufzurechnen. [33] Obwohl sich die Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung im Klaren darüber war, dass für die Herstellung der Einheit Opfer notwendig sein würden, war die persönliche Verzichtsbereitschaft nur wenig ausgeprägt. Vor allem die finanzielle Unterstützung der DDR betrachteten die meisten Bundesbürger als Angelegenheit der Bundesregierung bzw. des Staates (46 Prozent), während beispielsweise Solidarbeiträge zur Lohn- und Einkommenssteuer mehrheitlich abgelehnt wurden. [34] Selbst in eigener Wahrnehmung schätzten im Oktober 1990 mehr als zwei Drittel der Westdeutschen die Opferbereitschaft im Westen des Landes als relativ gering ein, worin sie sich übrigens mit ihren Landsleuten in Ostdeutschland einig waren. [35]

Man muss sicherlich nicht so weit gehen zu behaupten, dass die deutsche Einigung eher dem Westen als dem Osten "aufgezwungen" wurde, wie Klaus Schroeder in Auseinandersetzung mit prominent gewordenen Kolonialisierungsvorwürfen an die westdeutsche Adresse argumentiert. [36] Dennoch belegen die demoskopischen Befunde im unmittelbaren Vorfeld der Wiedervereinigung, dass die Bürger im Westteil Deutschlands der Entwicklung nicht ohne Vorbehalte und Ängste begegneten und sich vom Tempo der Ereignisse zum Teil auch bedrängt und überfordert fühlten. Die Furcht vor negativen finanziellen Auswirkungen mag einerseits den Eindruck einer "kaufmännisch, unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten" [37] vollzogenen Wiedervereinigung erhärten. Andererseits ist darin vielleicht neben den gefestigten demokratischen Grundüberzeugungen der westdeutschen Bevölkerungsmehrheit eine weitere Begründung dafür zu sehen, dass der von vielen ausländischen Beobachtern befürchtete nationale Taumel und ein Wiederaufleben deutscher Großmannssucht ausblieben.

In der Summe kann die Frage, ob die Wiedervereinigung in Westdeutschland überhaupt gewünscht war, jedenfalls mit einem klaren "Ja, aber" beantwortet werden. Der in der Bundesrepublik über Jahrzehnte konservierte Wunsch nach staatlicher Einheit war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Gelegenheit der Geschichte genutzt werden konnte. Allerdings kann wohl kaum die Rede davon sein, dass mit dem Tag der deutschen Einheit für eine Mehrheit der Westdeutschen ein tief empfundener Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist. [38] Damit stellt sich jedoch besonders dringend die Frage danach, welche Bedeutung der Wiedervereinigung von den Menschen im Westteil des Landes eingeräumt wird, seitdem der formelle Akt der staatlichen Einigung vollzogen ist.

Fußnoten

24.
Vgl. ZA-Nr. 1779.
25.
Vgl. ZA-Nr. 1920.
26.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 7), S. 441.
27.
Vgl. ebd., S. 445.
28.
Vgl. ebd., S. 452.
29.
Vgl. ebd., S. 456.
30.
Vgl. ZA-Nr. 1920 sowie E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 7), S. 441.
31.
Vgl. ebd.
32.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 7), S. 456
33.
Vgl. ebd., S. 443.
34.
Vgl. ebd., S. 457, 459.
35.
Vgl. ebd., S. 444.
36.
Vgl. K. Schroeder (Anm. 2), S. 235.
37.
Werner Weidenfeld/Karl-Rudolf Korte, Nation und Nationalbewusstsein, in: dies. (Anm. 3), hier S. 576.
38.
Vgl. G. Lehmbruch (Anm. 1), S. 42.