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20.9.2002 | Von:
Viktoria Kaina

Mit Herz und Konto?

Zur Wertigkeit der deutschen Einheit in den alten Bundesländern

IV. Abschnitt

Entsprechend einer Allensbach-Umfrage vom Oktober 1990 [39] versicherten 58 Prozent der Westdeutschen, dass sie der Tag der deutschen Einheit mit besonderer Freude erfüllt hat. Allerdings traf das überdurchschnittlich oft für ältere Befragte zu, die den Mauerbau noch bewusst erlebt haben. Angesichts der verbreiteten Sorgen und Unsicherheiten überrascht es nicht, dass die unverhoffte Wiedervereinigung in Westdeutschland mit einer gewissen Nüchternheit begrüßt wurde. Obwohl die Einheit von der Mehrheit der Bundesbürger gewünscht oder als unvermeidlich hingenommen wurde, schien sie in den Augen vieler Westdeutscher vor allem für die Menschen im Osten der Republik ein bedeutsames Ereignis darzustellen. [40] Dies spiegelt sich gewissermaßen auch darin wider, dass die Wiedervereinigung seit 1990 für die Bevölkerung in den neuen Bundesländern durchweg häufiger einen Anlass zur Freude darstellt als für ihre Landsleute im Westen. Abgesehen von einem Stimmungshoch zum Vereinigungsdatum und ungeachtet weniger Ausnahmen 1994 und 1995 sowie in der zweiten Jahreshälfte 2000 konnten sich in mehr als einem Jahrzehnt deutscher Einheit durchschnittlich nicht einmal die Hälfte aller Westdeutschen zur Freude über dieses Ereignis bekennen. Obwohl die größten Herausforderungen und gravierendsten Anpassungsschwierigkeiten von den Menschen in Ostdeutschland bewältigt werden mussten, wurde in den alten Bundesländern vergleichsweise häufiger Sorge über die Entwicklung geäußert als im Osten des Landes. [41]

Ob die deutsche Einheit im Westen der Republik für kostbar und wertvoll erachtet wird, bemisst sich jedoch nicht allein daran, ob Freude über die Wiedervereinigung empfunden wird. Im Gegenteil, die Sorge über die Entwicklung der Wiedervereinigung kann sogar Ausdruck von Wertschätzung sein, wenn diese Besorgnis mit der Bereitschaft einhergeht, in die Gemeinsamkeit zu investieren. Will man dafür nur finanzielle Opferbereitschaft zum Maßstab nehmen, stimmen die Daten des IfD Allensbach zunächst pessimistisch. [42]

Nachdem die Einführung des Solidarbeitrages bereits im Politbarometer 1991 [43] von der Hälfte der westdeutschen Bevölkerung als nicht gerechtfertigt angesehen wurde, verlangen in einer Allensbach-Umfrage vom September 2000 61 Prozent der Westdeutschen seine Abschaffung. Ein Jahr zuvor waren knapp zwei Drittel in den westlichen Bundesländern außerdem der Auffassung, dass für die Vereinigung zu viel Geld ausgegeben werde. Etwas positiver stimmt hingegen die Tatsache, dass wenige Monate darauf, im Januar 2000, eine knappe Mehrheit (52 Prozent) in Westdeutschland der Auffassung war, dass der Osten der Republik auch künftig finanziell unterstützt werden müsse, während 47 Prozent eine deutliche Kürzung der Zahlungen verlangten. Obwohl unter den Westdeutschen also von Anfang an wenig Neigung vorhanden war, für die Überwindung der Teilung persönliche Einkommenseinbußen zu akzeptieren, werden diese - wenn auch zähneknirschend - in Kauf genommen. Dabei mag helfen, dass die Mehrheit der Westdeutschen in eigener Wahrnehmung mit der Wiedervereinigung keine gravierenden Wohlstandseinbußen in Kauf nehmen musste, [44] wenngleich ihre subjektive Lebenszufriedenheit in unterschiedlichen Bereichen zwischen 1993 und 1998 zurückgegangen ist oder stagnierte. [45] Im gleichen Zeitraum ist übrigens der Anteil der Westbürger, die sich nach eigener Auffassung mit dem Osten Deutschlands solidarisch fühlen, von 50 auf 52 Prozent gewachsen. [46]

Ausdruck von Solidarität und Verbundenheit der Westbevölkerung mit den Menschen im Osten sind jedoch nicht allein finanzielle Opfer, ob sie nun bereitwillig gezahlt werden oder nicht. Für das Zusammenwachsen beider Bevölkerungen nach vier Jahrzehnten aufgezwungener Trennung scheint langfristig bedeutsamer, inwiefern der Prozess der Wiedervereinigung eine emotionale Bindung an das geeinte Land und die gemeinsame Bevölkerung zu schaffen vermag. Denn aus westdeutscher Sicht dürfte das die Grundlage dafür sein, die Hilfe für den anderen Landesteil trotz eigener Einschränkungen auch künftig als legitime Unterstützungsleistung anzuerkennen. In dieser Frage, die meist mit dem Begriff der "inneren Einheit" umschrieben wird, bestehen die markantesten Differenzen innerhalb der Forschung und die größten Widersprüche in der öffentlichen Wahrnehmung. [47] Trotz der Tatsache, dass es sich bei der "inneren Vereinigung" um einen facettenreichen Prozess mit ganz unterschiedlichen Problemdimensionen handelt, dürfte es als eine ermutigende Entwicklung gelten, dass die westdeutsche Bevölkerung inzwischen seltener Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen entdecken mag. Zwar ist auch noch im Jahr 2000 eine relative Mehrheit von 35 Prozent der Ansicht, dass die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen überwiegen, doch 1992 waren mit 52 Prozent noch die meisten Befragten in den alten Bundesländern dieser Ansicht. [48] Darüber hinaus wächst in beiden Landesteilen die Überzeugung, ein Volk zu sein: [49] Hielten 1997 nur 45 Prozent der Westdeutschen den Ausspruch "Wir sind ein Volk" für zutreffend, waren es im September 2001 bereits 52 Prozent und damit die Mehrheit der Bürger. Und in den persönlichen Begegnungen der Menschen aus beiden Landesteilen scheint die "innere Mauer" als Haupthindernis der "inneren Vereinigung" nie eine große Rolle gespielt zu haben. Denn trotz der Anerkennung von Mentalitätsunterschieden [50] und beharrlich vorgetragener Negativstereotype [51] zwischen Ost- und Westbevölkerung ist die überwältigende Mehrheit der Westdeutschen, die mit Menschen aus den östlichen Bundesländern zusammengetroffen sind, immer schon der Auffassung gewesen, dass man sich gut verstehe. [52] Obwohl Missverständnisse aufgrund unterschiedlicher Kommunikationskulturen damit keinesfalls ausgeschlossen sind, [53] zeigen die Allensbacher Umfrageergebnisse zwischen 1991 und 2000, dass persönliche Begegnungen eine positive Entwicklung in der gegenseitigen Wahrnehmung stimulieren können.

Dies erscheint auch plausibel, wenn davon ausgegangen werden kann, dass zwischenmenschliche Beziehungen eine wesentliche Voraussetzung dafür bilden, sowohl Neugier und Interesse als auch Empathie und Verständnis für den anderen zu entwickeln. Die Bereitschaft dazu darf ebenfalls als ein Maß der allgemeinen Wertschätzung für den gemeinsamen Weg betrachtet werden. Allerdings zeigen Westdeutsche diesbezüglich noch größere Zurückhaltung, die hier nur impressionistisch illustriert werden kann. Die im vergangenen Jahr heftig diskutierte Diagnose von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, dass die wirtschaftliche und soziale Lage in Ostdeutschland auf der Kippe stehe, wollte nach einer Allensbach-Umfrage im August 2001 im Vergleich zu 65 Prozent der Ostdeutschen nur ein Drittel der Befragten in den alten Bundesländern unterstützen. [54] Bezeichnenderweise traute sich jedoch eine relative Mehrheit der Westdeutschen (39 Prozent) ein Urteil in dieser Frage gar nicht erst zu. Noch im Mai 2001, mehr als ein Jahrzehnt nach der deutschen Vereinigung, war nicht einmal jeder Fünfte der Westdeutschen von sich überzeugt, die Verhältnisse im Osten der Republik gut oder sehr gut zu kennen (19 Prozent). [55] Eine deutliche Mehrheit (59 Prozent) äußerte sich diesbezüglich vorsichtig, indem sie meinte, die Lage in Ostdeutschland etwas zu kennen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb konnten sich fast 80 Prozent der Befragten nicht vorstellen, in die neuen Bundesländern umzuziehen, um dort zu leben und zu arbeiten. [56]

Von den bislang präsentierten demoskopischen Befunden einmal abgesehen, dürfte sich die Bedeutung der Wiedervereinigung für die westdeutsche Bevölkerung aber nicht allein danach bemessen, was man zu geben bereit ist. Vielmehr muss auch danach gefragt werden, was man glaubt, mit der deutschen Einheit gewonnen zu haben. Oder, wie Johannes Kuppe in dieser Zeitschrift einmal fragte: "Hat ...die Vereinigung uns Deutsche glücklicher oder unglücklicher gemacht?" [57]

Angesichts der Forschungslage stehen empirisch gestützte Antworten darauf jedoch noch weitgehend aus. Wohlstandsgewinne trafen für die große Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung nicht ein, wurden aber auch nicht erwartet. Als "Geschenk" der deutschen Einheit sah sie einer Untersuchung Mitte der neunziger Jahre zufolge vor allem Freiheit, Demokratie und das Ende des Kalten Krieges. [58] Das sind jedoch allgemein gehaltene Bewertungen, die sich zum Teil auch weniger auf den eigenen Landesteil als auf die ostdeutsche Bevölkerung beziehen. Die spärlichen empirisch gestützten Informationen über mögliche Gründe, warum die Bevölkerung der alten Länder der deutschen Einheit auch aus persönlicher und emotionaler Sicht Wertschätzung entgegenbringen sollte, scheint eher zu bestätigen, dass "die historische Zäsur der staatlichen Vereinigung zum schnell konsumierten Alltag wurde" [59] .

Dafür spricht auch, dass im November 2000 trotz möglicher Mehrfachnennungen nur 14 Prozent der Westdeutschen im Vergleich zu 22 Prozent der Ostdeutschen die deutsche Wiedervereinigung als ein erinnerungswürdiges Datum der deutschen Historie betrachteten; nur 13 Prozent (Ost: 29 Prozent) wählten unter mehreren Antwortvorgaben die deutsche Einheit als den für die deutsche Gegenwart bedeutungsvollsten Geschichtsabschnitt. [60] Statt dessen dominieren im Geschichtsbewusstsein beider Bevölkerungsgruppen, vor allem jedoch im Westen der Bundesrepublik, mit der Erinnerung an den II. Weltkrieg und an die Verbrechen der Nazizeit die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Es lässt sich anhand dieser Ergebnisse nicht entscheiden, ob die Vereinigung für die Bevölkerung in den alten Bundesländern nur wenig Grund für Stolz und Dankbarkeit bietet, obwohl sie so lange gewollt und angestrebt wurde. Es könnte auch sein, dass sich dahinter wiederum die Tatsache eines von mehrfachen Asymmetrien gekennzeichneten deutschen Vereinigungsweges verbirgt, der die Welt der Ostdeutschen über Nacht aus den Fugen hob, während die der Westdeutschen vom Sturm der Ereignisse mehr oder weniger unberührt blieb und sich erst ganz allmählich in die Veränderung schickt.

Doch bei allen Problemen, mit denen die Folgelasten der Wiedervereinigung das vereinte Deutschland konfrontierte und die laut Politbarometer vom September 2000 drei Viertel der Westdeutschen auch noch für größtenteils ungelöst halten, wurde die Einheit Deutschlands von der Westbevölkerung zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt. Selbst als der Pessimismus überwog und im September 1992 mehr als die Hälfte der Westdeutschen der Meinung war, dass es mit der Einheit schlechter als gedacht laufe, hielten 82 Prozent die Wiedervereinigung nach wie vor für richtig, acht Jahre später sogar 90 Prozent. [61] Was kann größerer Ausdruck von Wertschätzung sein als das Festhalten an der einmal getroffenen Entscheidung, die Zukunft fortan gemeinsam zu gestalten?

Fußnoten

39.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 7), S. 446.
40.
Vgl. K. Schroeder (Anm. 2), S. 243.
41.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1998 - 2002, München 2002, S. 498.
42.
Vgl. ebd., S. 518 f.
43.
Vgl. ZA-Nr. 2102.
44.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 41), S. 503; Wilhelm Bürklin/Christian Jung, Deutschland im Wandel. Ergebnisse einer repräsentativen Meinungsumfrage, in: Karl-Rudolf Korte/Werner Weidenfeld (Hrsg.), Deutschland-TrendBuch. Fakten und Orientierungen, Opladen 2001, hier S. 683.
45.
Vgl. W. Zapf (Anm. 2), S. 169.
46.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 41), S. 502.
47.
Ohne die Forschungsdebatte in aller Breite wiedergeben zu können vgl. beispielhaft Max Kaase, Innere Einheit, in: W. Weidenfeld/K.-R. Korte (Anm. 3); Hans-Joachim Veen, Innere Einheit - aber wo liegt sie? Eine Bestandsaufnahme im siebten Jahr nach der Wiedervereinigung Deutschlands, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40-41/97, S. 19 - 28; Detlef Pollack, Ostdeutsche Identität - ein multidimensionales Phänomen, in: Heiner Meulemann (Hrsg.), Werte und nationale Identität im vereinten Deutschland. Erklärungsansätze der Umfrageforschung, Opladen 1998.
48.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 41), S. 522.
49.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Wir sind ein Volk. Was die Deutschen zusammenhält, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. September 1999, S. 5; W. Bürklin/Chr. Jung (Anm. 44), S. 684.
50.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 7 und 41).
51.
Vgl. M.Kaase (Anm. 47).
52.
Das gilt im Übrigen für beide Bevölkerungsgruppen, vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 41), S. 520.
53.
Vgl. Olaf Georg Klein, Ihr könnt uns einfach nicht verstehen. Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden, Frankfurt a.M. 2001. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay des Autors in dieser Ausgabe.
54.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 41), S. 504.
55.
Vgl. ebd., S. 519.
56.
Vgl. ebd., S. 505.
57.
Vgl. Johannes L. Kuppe, Vom Charme neuer deutscher Gelassenheit. Die Vereinigung Deutschlands - Glücksfall oder Danaergeschenk der Geschichte?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39 - 40/2001, S. 3 - 5, hier S. 3.
58.
Vgl. Dorothea Roether/Antje Fischer-Cyrulies, "Wendeerleben" in seiner Beziehung zu Persönlichkeitsmerkmalen und Werthaltungen, in: A. Hessel u. a. (Anm. 6), hier S. 143.
59.
M. Glaab (Anm. 7), S. 315.
60.
Vgl. W. Bürklin/Chr. Jung (Anm. 44), S. 677 f.
61.
Für die Daten von 1992 vgl. ZA-Nr. 2275, für 2000 ZA-Nr. 3425.